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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-18 · Heft 51 (18.12.1891) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 51 (18.12.1891)
Date
1891-12-18
Page
Seite 605 (sequence 5)
Language
German
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WWWWMM-j AMWWNNffMW m J WNHMJV4 lerfreulicher Art sind und im Grunde sich nicht widersprechen, sehen wir in der verschiedenen Begründung derselben keine Ursache zum Streiten. Der Gottesdienst in den Synagogen in dem, von den früher eingewanderten — meistens Deutschen resp. deren Abkömmlingen — bewohnten nördlichen Stadttheile läßt an Feierlichkeit und Dekorum der Theilnehmenden kaum etwas zu wünschen übrig. Die religiösen Vorträge der Rabbiner und Prediger sind zeitgemäß und erbaulich der Gesang wohlgeschulter, bezahlter Synagogenchöre mit Orgelbegleitung in den Synagogen der größeren Gemeinden trägt wesentlich zur Erhöhung der Feierlichkeit bei. Ich werde in einem späteren Briefe auf die Bildung und Entwickelung des jüdischen Gemeindelebens Hierlands des Näheren zurückkommen. Um kein Mißverständniß über die religiöse Haltung unserer Religionsgemeinden zu erzeugen möchte ich indeß gleich hier erläuternd hinzufügen, daß, obwohl die Keneseth Israel Gemeinde ausnahmsweise die Bezeichnung Reform- Gemeinde statutengemäß bei ihrer Konstituirung sich zugelegt, auch die übrigen Gemeinden im nördlichen Stadttheile fast sämmtlich mehr oder weniger deni fortschrittlichen Prinzip in ihren gottesdienstlichen Einrichtungen, wenn auch nicht huldigen, so doch Rechnung tragen. Mit „orthodox" darf man nur die im südlichen Stadttheile belegenen Gemeinden der russischen Eingewanderten bezeichnen; die übrigen Gemeinden würden sich durch eine solche Bezeichnung fast gekränkt fühlen. Sie sind nicht orthodox, bei Leibe nicht!; sie sind „konservativ" oder „gemäßigt-Reform" (moderate Reform). Nur die Keneseth Israel Gemeinde ist entschieden, oder „radikal-Reform". Striktes Festhalten an diesem Reform-Prinzip war der fortschreitenden Ent Wickelung dieser Gemeinde so förderlich, daß sie nach nunmehr vier undvierzigjährigenl Bestehen mit stolzem Selbstbewußtsein eine der hervorragendsten leitenden (leading) Gemeinden dieses Landes sich nennt. Wenn Opferwilligkeit der Mitglieder, tüchtige, rege Verwaltung, konsequenter Fortschritt und stetige Entwickelung auf allen Gebieten des geistig-religiösen Gemeindelebens unter der Führung von Rabbinern, wie der sel. Dr. D. Einhorn (von 1861—1867), der sei. Dr. S. Hirsch (1867—1887) und seit den letzten vier Jahren, der jugendlich energische, ungemein thätige Rabbiner Dr. Jos. Krauskopf — zu jener Bezeichnung berechtigen, so darf die Reformgemeinde Keneseth Israel unbestritten dieselbe für sich beanspruchen. In Folge dieser günstigen Entwickelung hat diese Gemeinde kürzlich die Errichtung eines großartigen neuen Tempels an einer unserer schönsten Straßen, der Broadstraße, begonnen, da der jetzige 1864 errichtete Tempel den räumlichen Bedürfnissen der Gemeinde nicht mehr genügt. Der Bauplatz wurde für den Kostenpreis von 50,000 Dollars erstanden und enthält einen Flächenranm von 150—120 Fuß Das Gebäude wird in rein italienischem Renaissance-Stl aus grauen Ziegelsteinen mit Indiana Kalkstein-Verzierungen erbaut und wird zwei Thürme erhalten, von denen der eine 160, der andere 80 Fuß hoch werden soll. Zwischen diesen liegt der mittlere Theil der Front welche von einer Kuppel von 40 Fuß Durchmesser überragt wird durch welche das Auditorium Oberlicht erhält. Die innere Einrichtung wird der reichen Fassade entsprechen und wird die besten und erprobtesten Ventilations- und Heizungseinrichtungen rc. erhalten. Das Innere des Tempels wird 2000 Sitzplätze, außerdem einen Hör-Saal mit 500 Sitzen und sechs Schulzimmer fassen. Letztere werden auf der Ostseite der Galerie angebracht, so daß nach vollendetem Unterricht am Sabbath und Samstag-Morgen die Schüler an dem Gottesdienste, der gegen elf Uhr beginnt, theilnehmen können, ohne ihre Sitze verlassen zu müssen. Das neue Gotteshaus, das kontraktlich vor den nächsten Herbst-Feiertagen der Gemeinde zur Verfügung gestellt werden muß. wird mit der inneren Einrichtung einen Kostenaufwand von über 200,000 Dollars verursachen. 605 - Nachdem das Fundament gelegt und' die Mauern des ersten Stockes schon errichtet, wurde Montag, den 19. Oktober, der Eckstein unter zahlreicher Betheiligung des Publikums und unter feierlichen Ceremonien gelegt. Die eigentliche Legung des Steines geschah nach freimaurerischem Ritus von der Großloge von Pennsylvania. Der Rabbiner der Keneseth Israel Herr Dr. Krauskopf und der Advokat Herr Simon Wolf von Washington hielten die Festreden und Herr Dr. Jastrow, Rabbiner der Rodef Scholom Gemeinde, schloß die schöne, durch Gesang des Synagogenchores und eines Kindcrchores von 80 Stimmen erhöhte Feier, mit Segenswünschen für das glückliche Gelingen des begonnenen Baues. Neben dem regelmäßigen Sabbathgottesdienst hat Rabbiner Krauskopf im Tempel der Keneseth Israel Gemeinde einen Sonntagsgottesdienst eingerichtet, der gegen elf Uhr allsonntäglich beginnend, circa einundeinhalb Stunde dauert. Das von Dr. Krauskopf verfaßte Gebetbuch „Thli Service-Ritual" liegt dem Gottesdienste zu Grunde. Den Mittelpunkt desselben bilden die einstündigen englischen Vorträge des Predigers, welche, in Pamphletform verbreitet, auch jenseits des Ozeans sich der lebhaften Anerkennung kompetenter Beurtheiler erfreuen. Hierorts bilden diese beredten und in eleganter, freier Manier vorgetragene», zeitgemäßen Auseinandersetzungeil den Hauptanziehungspunkt für die Zuhörer, welche seit der Einführung dieses Sonntags-Gottesdienstes durch Dr. Krallskopf allsonntäglich das Innere des vor drei Jahren durch Galerien erweiterten Tempels füllen. Das allgemeine Interesse, das auch christliche Zuhörer zu deil Vorträgen zieht, zeigte sich bei der Wiedereröffnung derselben am Sonntag d. 25. dss. uugeschwächt. Die zahlreiche Zuhörerschaft folgte aufmerksam den beredten Auslaffungen des Vortragenden über das Thema „Theologies niany — Religion one“ „Theologische Systc in e viele — Religion eine!" In der vor Kurzem stattgefundenen halbjährigen General-Versammlung der Keneseth Israel wurde der Beschluß gefaßt, nach Ablauf des jetzigen, fünfjährigen Vertragsverhältnisses mit dem 1. Okt. n. I. das Eugagement des Herrn D. Krauskopf als Rabbiner der Gemeinde auf weitere fünf Jahre mit einer Erhöhung des jetzigen Gehaltes von v. 6000 auf D. 7000, resp. acht- und zehntausend, in aufsteigender Folge, zll erneuern. Auf die hier und da mit mehr oder weniger Bitterkeit ventilirte Streitfrage „Sonntag versus Sabbath" wollen wir uns hier nicht einlassen, da wir in diesen harmlosen „Plaudereien" nur sachgemäß zu berichte», keine Polemik zu treiben beabsichtigen. Wir bemerken deshalb hier nur, daß in den beiden Gemeinden, der Keneseth Israel hierorts und der Sinai-Gemeinde in Chicago (Rabbiner Dr. E. Hirsch), sowie in der Har Sinai Gemeinde (Rabbiner F. Schönfärber) Baltimore, der Erfolg der Einführung des sonntäglichen Gottesdienstes, insoweit er durch andauernde, zahlreiche Theilnahme Von Seiten des jüdischen Publikums — nicht blos der betreffenden Gemeinden — sich eruiren laßt, wesentlich dem eminenten Rednertalent der Rabbiner jener Gemeinden zuzuschreiben sein dürfte. Man will nicht blos belehrt und erbaut sein, sondern will, daß dies auf eine anziehende und fefselnde Weise geschehe. Diese Thatsache widerspricht nicht unbedingt der schon Von dem sel. Dr. S. Hirsch (Vater des obengenannten Dr. E. Hirsch) aufgestellten Behauptung, daß die Einführung eines Sonntags-Gottesdienstes geboten sei, da es der überwiegenden Anzahl unserer Männer nicht möglich, dem sabbathlichen Gottesdienst beizuwohnen. Ihre geschäftliche Thätigkeit dürfe nicht während zweier Tage in der Woche Sabbath und Sonntag unterbrochen werden, wenn sie nicht durch Vernachlässigung derselben der regen nichtjüdischen Konkurrenz zu unterliegen Gefahr laufen wollten. Man biete daher, besonders den jungen Männern, gottes-

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