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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-18 · Heft 51 (18.12.1891) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 51 (18.12.1891)
Date
1891-12-18
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
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(504 theismus, dem Pantheismus und der Trinität zu Tage liegen, bestreiten. So widerspruchsvoll wie die bisherigen Ausführungen sind auch die nun folgenden. In einem Athemzuge wird anerkannt, das; es dem Judenthum weder an Bildung noch an sittlichen Motiven fehle, und anderseits bestritten, daß es jemals, so oft sich ihm auch die Gelegenheit dazu darbot, eine völkererziehende Mission ausgeübt habe. Auf der einen Seite wird es als christliche Pflicht hingestellt, gegen das Judenthum Duldung zn üben, auf der anderen wird es für den Fall, daß dieseDuldung ausbleibt, als Schreckensbild hingestellt, daß das Volk Israel in eine Nothwehr getrieben werden könnte, die den allerbedenklichsten Gebrauch und Mißbrauch der Kräfte und eine völlige Verkehrung der sittlichen Kräfte in sich begreifen würde. Wer das Judenthum so beurtheilt, der kennt es eben nicht. So steckt auch fast in jedem Lob, daß er uns Juden zollt, ein gewisser Tadel. Wenn er beispielsweise die besondere Wohlthätigkeit und völlig geordnete Armenpflege der Juden hervorhebt, die es zn Stande bringe, daß kein Jude hungere, bettele, zu verkommen brauche, er überall eine offene Thür und freigiebige Hände finde, so kommt hinter dieser übertriebenen Anerkennung bald der Pferdefuß der Insinuation zum Vorschein, daß die Juden von den allgemeinen Wohlthätigkeitsbestrebungen sich fernhalten. Ueber das Irrige einer derartigen Behauptung auch nur ein Wort zu verlieren, wäre vollkommen überflüssig; vielmehr kann die Anerkennung die Brinkmann in dieser Hinsicht dem verstorbenen Landtagsabgeordneten lind hochverdienten Stadtverordnetenvorsteher Dr. Straßmann zollt, daß er die erste Anregung zur Beseitignng der Bettelei gab und hierdurch erst den Grund zu einer geordneten Armenpflege legte, daß überhaupt die gebildeten jüdischen Elemente opferbereites Handeln für die Gemeinschaft zeigen, das Judenthum in seinerGesammtheit füsssich in Anspruch nehmen. Ueberall und allenthalben sind unsere Glaubensgenossen mit Rath und That bei der Hand, tvo es gilt, Noth und Elend zu lindern. Wo bleibt da der ihnen immer vorgeworfeue National-Egoismus? Es verhält sich damit ebenso, wie mit ihrer angeblichen „einseitigen krankhaften Erwerbssucht" — ich gebrauche die Ausdrücke Brinkmanns. Letztere existirt nicht, und deshalb ist der gute Rath, den B. giebt, daß das Judenthuin auch in seinen unteren Schichten voll und ganz eingeführt werde in die Lebensführung des deutschen Volkes, daß es richtig arbeiten lerne mit der Schaufel, mit dein Hammer, an der Drehbank und in den Werkstätten, es müsse die Hand an den Pflug , legen, es müsse ein Handwerk treiben, eine Kunst, mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen. Es ist schon unzählige Male darauf hingewiesen worden, wie die Juden im Mittelalter in den Handel geradezu hineingetrieben worden sind, wie sie früher Ackerbau betrieben haben und in neuerer Zeit nicht blos in Handel und Judustrie, sondern auch in Kunst und Wissenschaft sowie auf dem Gebiete der Technik Hervorragendes leisten. Auch schlichte Handwerker giebt es eine ganze Masse, wie ja seit Jahrzehnten gerade hier in der Reichshauptstadt ein „Verein zur Beförderung des Handwerks unter den Juden" segensreich wirkt. So angenehm uns also auch die Aufforderung des Verfassers berühren mag, überall, wo sich dazu Gelegenheit biete, Uneigenützigteit und Nächstenliebe zu üben, so sehr wir auch seinem Ausspruche, daß dies das wichtigste Bindemittel im Völkerleben sei, beipflichten mögen, in den Kern des Judenthums ist er nicht eingedrungen. Sonst würde er sich nicht am Schluffe dieser seiner Betrachtungen zu folgender Tirade versteigen: „Wenn erst das Judenthum voll aufgegangen sein wird im deutschen Leben, in Gebräuchen und Sitten, wenn es den Freuden und Leiden des Volkes nicht mehr kalt gegenüber steht, wenn es seine Arbeit und seine Sorgen theilt, dann werden auf der einen Seite die sittlichen Motive des christlichen Lebens richtig erkannt werden, auf der andern Seite die hohe Bedeutung des Gesetzes; dann erst kann Vertrauen einkehren und das alte Testament befreit werden von den Banden der Nationalität. Dann werden die gewaltigen ethischen Kräfte, die im Judenthum liegen lind sich bisher vielfach nutzlos anfrieben im Kampf der Leidenschaften, in wahrhaft humanem Sinne verwerthet werden zur gemeinsamen Arbeit für Menschenwohl und Völkerfrieden." Es klingt ja recht hübsch, wenn verlangt wird, daß auf jüdischer Seite die sittlichen Motive des christlichen Lebens erkannt werden sollen. Sind sie denn aber jemals verkannt worden? Soweit es die allgemein menschlichen sind, niemals, weder von Seiten eines orthodoxen noch eines Reformjudcn. Es istmlso diese Fordernng ebenso eine hohle Phrase wie die angeblich uothwendige Befreiung des „alten Testaments von den Fesseln der Nationalität". Allerdings bedarf es einer derartigen Voraussetzung, sonst fielen alle seine Deduktionen im nichts zusammen. Es kommt ihm ja in diesem Kapitel viel weniger auf eine unbefangene Würdigung der Humanitären Bedeutung des Judenthums, als vielinehr darauf an, dem sog. Reformjuden die Kost des von wahrer Humanität erfüllten Christenthums schmackhaft zu machen. Das erhellt klar und deutlich aus folgenden Sätzen: „Es kommt darauf an, dem Volke Israel in allen seinen Theilen und nicht allein in den gebildeten Kreisen das Christenthum in seinem wahren Wesen zu zeigen. Zu diesem Zwecke ist doch eine Unterweisung, ein Unterricht erforderlich. Hier müßte eine Art innerer Mission mit tüchtigen Lehrkräften organisirt, es müßten Schriften verbreitet und erklärt werden, die die bestehenden Mißverhältnisse und die unmittelbaren Beziehungen des Christenthums zum Judenthum scharf hervorheben; besondere Schulen, Vorträge, überhaupt eine ganze reformatorische Kraft müßte hier Platz greifen." Also auf die sog. „innere Mission" läuft die Sache hinaus! Da bedanken wir uns bestens dafür. Was so vielen Andern nicht gelungen ist, wird auch Herr Brinkmann nicht erreichen, uns auf dem Wege, der angeblich hervorragenden humanitären Bedeutung des Christenthums für das letztere zu gewinnen. Der Verfasser selbst muß ja zugeben, daß in dem Judenthum eine ganze Fülle humaner Gedanken, Gesetze und Einrichtungen vorhanden ist. Diese in noch größerem Umfange als bisher zum Ausdruck zu bringen, müssen wir um so mehr als unsere heilige Aufgabe betrachten, je mehr wir selbst in der heutigen aufgeklärten Zeit unter der Inhumanität und Intoleranz zu leiden haben. . 9 Plaudereien eines Ausgewanderten. E. B. Philadelphia, Ende Oktober. Die herbstlichen Festtage sind vorüber und „das Leben hat uns wieder". Im großen Ganzen beschränkte sich heuer, >vie in früheren Jahren, die Unterbrechung der geschäftlichen Thätigkeit auf die zwei Festtage, Neujahr und Versöhnungstag. Doch wurden diese, ohne bemerkenswerthe Ausnahme, durch Enthalten von weltlicher Thätigkeit und Theilnahme an den gottesdienstlichen Versammlungen allgemein gefeiert. Daß unsere Gotteshäuser dem „momentanen", religiösen Bedürfniß nicht genügten und selbst die, für die Festtage zu gottesdienstlichen Zwecken gemietheten Hallen nicht hinreichten, Alle frommen Anbeter zu fassen, ist eine Wahrnehmung, die man hier, wie anderswo, von Jahr zu Jahr um diese Zeit zu machen Gelegenheit hat. Optimistisch Gesinnte schreiben diese „überfließenden Versammlungen" (vverüoiv-mestmAs) wie sie der Amerikaner bezeichnet, wachsender Religiösität zu; kältere „matter of fact men" dem natürlichen Wachsthum der Bevölkerung. Da beide Thatsachen

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