Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie reimt es sich nun mit dieser Anerkennung zusammen, wenn der Verfasser folgendermaßen weiter fortfährt : „Dennoch ist diese Gesetzgebung zn keiner Zeit in das Wesen des Volkes eingedrungen, und dieselben Klagen, die in so beweglicher Weise namentlich von den Propheten Jeremia und Hosea über die „egoistischen Neigungen" des Volkes Israel geführt werden, bilden noch heute den Gegenstand der Sorge und des Kummers Seitens der Edlen im Volke." Allerdings mnß sich der Verfasser sagen, das; eine derartige Acnßcrung den Verdacht antisemitischer Gesinnung nahe legt, und um sich dagegen zu verwahren — ein Verfahren, das einigermaßen an das bekannte 'französische Sprichwort: „Qui s’excuse s’aceuse“ erinnert — gießt er nachstehende Erklärung ab:' „Wenn ich an dieser Stelle auf diese Frage cingehe, so versteht 'es sich von selbst, das; von einer Bekämpfung oder Verfolgung des Judenthums keine Rede sein kann; im Gegentheil: gerade dieser an und für sich vom christlichen Standpunkt ans besonders verwerfliche Kampf scheint mir eine dauernde Quelle unsittlicher Regungen in den unteren Klassen des Volkes zn sein, und darum muß er in unserer aufgeregten Zeit »nter allen Umständen beendigt werden. Nicht das Judenthum zn bekämpfen, sondern die zahlreiche» edlen Elemente desselben zu unterstützen iu ihrer furchtbar schweren Aufgabe, die Intoleranz, den Nationalcgoismus und den seit Jahrtausenden genährten Haß des Judenthums gegen das Ehristenthui» anszurotten, das ist die sittliche Aufgabe der Gegenwart." Wenn Herr Dr. Brinkmann es in der That mit dem Judenthum gut meint, wie kommt er dazu, gegen dasselbe in seiner Gesammtheit den Vorwurf des Hasses gegen das Christenthnm zn erheben, ein Vorwurf, der durchaus unberechtigt ist? Von dieser falschen Voraussetzung ausgehend gelangt der Verfasser auch im lvcitercn Verlauf seiner Ausführungen, so sehr er auch einzelnen Vertretern und Richtungen des Judenthums seine volle Anerkennung zollt, zu durchaus falschen Schlüffen: „Die Lage ist eine ebenso ernste wie schwierige; wir sehen das Volk Israel in zwei verschiedene Richtungen auseinandergehen; die eine, orthodoxe, hält stark an den Gebräuchen und an dem Glauben der Väter fest, ohne immer den sittlichen Anforderungen des Gesetzes nachzukominen." Diese Einschränkung können wir noch hinnehmen; denn in welcher Religionsgenossenschaft finden sich keine Persönlichkeiteil, die den Buchstaben hoher schätzen als den Geist des Gesetzes? Pcotestiren müssen wir jedoch, wenn einem Vordersätze voller Anerkennung: „In diesem strenggläubigen Judenthum finden wir einen besonders tüchtigen Kern achtungswerther, tugendhafter, vielfach ehrwürdiger Gesinnung und Lebensführung, und kommen hier zahlreiche Beispiele der höchsten Pflichttreue, der Aufopferung und Hingabe für die allgemeine Wohlfahrt vor", folgender, mindestens eigenthümlichcr Nachsatz anhängt: „Leider ist aber das Bild der Israeliten häufig ein ganz anderes; im ganzen Lande zerstreut stehen sie — ein Volk im Volke — im vollen Gegensätze zu den Sitten, Gewohnheiten und Anschanungeil des deutschen Volkes und, den alten Haß wie ein frommes Vermächtnis; in sich tragend, unantastbar in ihreili Familienleben, nüchtern und überlegend schlagen sie durch das einseitige, von Geschlecht zn Geschlecht sich lveiter ausbildende Erwerbsleben dem Volkswohlstände und dem Rechtsbcwußtsein tiefe Wunden." Wem es in der That mit der Bekämpfung des Antisemitismus Ernst ist, der darf nicht so leichtfertiger Weise Beschuldigungen erheben, wie, abgesehen von dem bereits erlvähnten und gebührend gewürdigten Haß gegen Andersgläubige, daß die Jpdcn das Rechtsbewußtsein und den Wohlstand des deutschen Volkes, zu dem sie ja auch gehören, von dem der Verfasser sie aber ferner geflissentlich trennt, um das Ammenmärchen des „Volkes im Volke" aufrecht erhalten zli können, schädigen. Trifft also " das, was Brinkmann von dem orthodoxen Judenthum behauptet, nur in sehr geringem Maße zu, so weist die weitere Klassifizirung nebst den angehängten Bemerkungen mancherlei Jrrthümer ans: „Die andere Richtung im Volke Israel hat mit der Zeit in der dauernden Berührung mit den mächtigen Anregungen des Christenthums und unter dem Einflüsse der allgemeinen Bildung zunächst dein Formalismus des äußeren Kultus ihrer Religion immer mehr entsagt und eine Reformkirche gebildet, in der mir theilweise die alten Ueberlieferungen aufrecht erhalten wurden." Auch diese Behauptung trifft nicht zu, eher die Konstatirung der traurigen Thatsache, daß ein großer Theil der gebildeten Israeliten einem Jndifferentismus anheim gefallen sei, in dem ihnen für den vielfach aufgegebenen Schatz der Gesetzgebung kein Erfolg geboten werde, in dem sich auch keine unmittelbare Einwirkung sittlicher Grundsätze geltend mache. Theilweise unklar, theilweise unrichtig ist aber, ivas Brinkmann des Weiteren benrerkt: „Ein anderer Theil hat sich in seinen Anschauungen der allgemeinen, christlich-humane» Bildung augeschlossen." Worin besteht die letztere? Ist die „christlich - humane Bildung" verschieden von der jüdisch-humanen? Basirt nicht vielmehr erstere ans der letzteren? Enthalten die letzten Ausführungen des Herrn Sanitätsraths einen leeren Wortschwall, so ist das, was mm folgt, geradezu widersinnig. Er führt nämlich wie folgt fort: „Die fortgeschrittenen Elemente des jüdischen Volkes sind aber weiter gegangen und haben an der Hand ihres großen Weltweisen Spinoza eine philosophisch - religiöse Auffassung gewonnen, die als letztes Resultat und einzige Rettung des Volkes Israel aus seiner Jsolirnng und seinen; verderblichen National-Egoismus den Glauben an Jesus Christus erkennt." Zum Beweise für diese seine mehr als gewagte Behauptung führt der Verfasser die in den „Deutschen Zeit- und Streitfragen", herausgegeben vou Holtzendorff, Berlin 1884 erschienene Schrift des Dr. Alfred Kalischer: „Benedict von Spinoza's Stellung zum Judenthmn und Christenthuin" an, der Tr. Brinkmann große Sachkenntniß, Besonnenheit und ideale Auffassung der Verhältnisse nachrühmt. Diese „ideale Auffassung der Verhältnisse'« soll sich darin äußern, daß Kalischcr besonders hervorhebt, wie schwierig die Entfeffelung des Mosaismus von seiner uralten Nationalität ist, weil bei ihm das Nationalitütsprinzip zum religiösen Dogma geworden und sogar der Haß gegen alles Freinde in der Frömmigkeit begründet sei. Wenn Brinkmann diese Ansicht Kalischers mit Befriedigung konstatirt, so mag er das mit sich selbst abmachen. Jeden; unbefangenen Leser aber wird sofort der Widerspruch zwischen der Billigung derartiger Anschauungen und der von ihm selbst ausgestellten, durch Bibelstellen erläuterten Behauptung, daß gerade dasJudenthum den Fremden stets äußerst human behandelt habe, auffallen. Was jedoch den Gewährsmann Dr. Alfred Kalischer — oder wie er jetzt mit Namen heißt, da er inzwischen Christ geworden ist: Dr. Alfred Christian Kalischer — anlangt, so mag er es mit seinem Gewissen abmachen, wenn er in dem Uebcrtritt zum Christenthum nur die Konsequenz seiner Ueberzeugung vollzogen hat, daß das Judenthmn zum Spinozismus und letzteres zum Christenthum führe. Jedenfalls müffen wir mit voller Entschiedenheit den; angeblichen, bisher unseres Wiffens nach von Niemand behaupteten inneren Zusammenhang zwischen drei so grundverschiedenen Systemen, wie sie in dein Mono-