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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-27 · Heft 52 (27.12.1895) · p. Seite 624

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 624 (sequence 12)
Language
German
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624 „Um HimmelSwisten!" rief die ftnfio und bekreuzigte sich. „Ich >vi!I schweige», >vie das Grub eines neugeborene» Kindes!" llnb sie wollte es mich halte», wen» nur das Schweige», ach! nicht so schwer gewesen wäre! Oder wen» sie »och eine andere große, schone Nenigkeit mitgebracht hätte. Aber gerade diese Woche hatte sich in Halicz nichts zugetragen, als daß der blödsinnige Sohn von Reb Srulze Dnbs wieder einmal einem Mädchen nachgestellt und furchtbare Prügel dafür betvimne» — und das kam oft bor, und daß der Schneider Bognslawski sich in der Trunkenheit de» Fuß verstaucht hatte, und das war auch nicht aufregend. Ferner kam am Dienstag die Kommissivn nach Winkowze, um den Weg für das „eiserne Pferd" abznstecken, aber das interejsirte die Miriam nicht, und neben der arbeitete sie ja nun in der Küche, und wenn man neben Jemand arbeitet, so muß man doch mit ihm reden können! Und so erfuhr den» Miriam zwei Stunden später, daß die Leute in Halicz etwas über sie redeten. „Ueber mich?!" fragte sie neugierig. „Was den»?" „Ifnnn ich Dir nicht sage». Ich hab's Deiner Mutter geschworen!" „Meiner Mutter?! . . . Sie weiß es also? Aber was kann es nur sein?!" „Nun, ivas werden die Leute über ei» junges Mädel schwatzen! . . ." Die Miriam blickte sie erstaunt an, dann wurde sie duukelroth und — lachte so laut und schmetternd d'rauf los, daß die Kasia zusammenfnhr und schuldbewußt nach der Kammer blickte, wo Chane eben die Kerzen in die Sabbathleuchter steckte. „Eine Liebschaft?!" rief sie, als sie endlich reden konnte. „Aber ich bin ja eine Jüdin! . . ." „Oder daß ich heirathen soll? Aber dazu bin ich ja noch zu jung. . . Hahaha!" Diesmal ließ Chane ihre Arbeit und kam in die Küche „Worüber lachst Du so?" fragte sie argwöhnisch. „Nichts", erwiederte die Kasia ängstlich und streckte abwehrend die langen Arme vor. „So ein dummes Ding!" Aber das Mädchen berichtete es. „Das Hab' ich nicht gesagt...", stammelte die Magd. „Miriam, bleib' bei der Wahrheit! . . . Ich habe mir gesagt, die Leute schwatzen . . . Fra», es ist nicht meine Schuld, daß sie es errathen hat. . . Und was schadet's auch, wenn sie es weiß?! Sie schadet Euch beim Paterski nicht! . . . Und es ist ja alles Lüge, sagt Ihr. . ." J>r Chane kochte der Zorn, aber sie bezwang sich; die Klugheit gebot, die Sache so leicht als möglich zu nehmen. „Schwätzerin," sagte sie leichthin- „Die Leut' rede» nämlich, Tn hast einen reiche» Freier!" „Ich?!" lachte Miriam. „Und nun gar einen reichen?!" Und sie lachte, lachte, daß sich die rothgoldene» Zöpfe zu lösen drohten. „Nun ja, Unsinn!" sagte die Mutter. „Aber da zeigt sich wieder die Bosheit der Menschen." Und sie suchte auch ihr weis z» machen, wer die Lüge unter die Leute gebracht und zu welchem Zweck. Dan» aber wandte sie sich an die Dienerin. „Und nun wirst Tn es de» Bauern sagen?" fragte sie verächtlich. „Damit es Paterski gewiß bald erfährt?!" Tie Kasia schluchzte. „Ich werde schweigen," betheuerte sie. „Schweigen, wie das Grab eines-" Sie stockte; eS fiel ihr nichts Rechtes bei, nachdem sich sogar das neugeborene Kind als schwatzhast erwiese» hatte. „Schweigen, wie ein Friedhof!" schloß sie endlich unter strömenden Thräue». Die Miriam aber war während des Gesprächs sehr ernst geworden und blickte mm in so tiefem Sinnen vor sich nieder, daß sie die Arbeit ruhen ließ. . . „Was hast Du?" fragte Chane scharf. Sie fuhr zusammen. „Es ist nur ... ich meine . . . aber es ist gewiß nicht so. . . Nämlich, glaubst Du, daß der Janko auch davon gehört hat . . . und deshalb nicht kommt?!" Chane wurde verlegen, dann aber, als sie der Tochter ins Antlitz blickte und darauf einen Zug seltsamer Befangenheit, ja Bewegung gewahrte, erschrak sie heftig. Ei» furchtbarer Gedanke, der ihr nie vorher gekommen, stieg in ihr auf und ließ ehr Herz stille stehen. Sie mußte aste Kraft zusammen nehmen, ehe sie fragen konnte: „Wie kommst Du darauf?" Das Mädchen erröthete unter ihrem prüfenden Blick, daß die Gluth auch Stirn und Nacken überzog. „Ich weiß nicht . . ." murmelte sie. „Es ist ja auch Unsinn," fuhr sie mit festerer Stimme fort, „warum sostte er deshalb .... 's ist nur," schloß sie, „weil ich gar nicht weiß, tonruin er plötzlich ansbleibt." Chane hatte sich gefaßt. „Warum?" rief die Mutter. „Wenn Du es wissen willst, brauchst Du mich doch nur zu fragen, es ist kein Geheinmiß. Du weißt doch, warum Paterski mit Deinem Vater böse ist? Dieses häßlichen Tölpels wegen! Aber wir können doch seinetwegen nicht ums Brod kommen und habe» daher mit dem Polen wieder angeknüpft. Das weißt Du ja auch, oder warst Du nicht dabei, wie sein Großknecht, der Martin, gestern hier war? Nun also, bis der neue Vertrag geschlossen ist, paßt es uns nicht, daß der Janko herkommt. Wir müssen den Polen bei guter Laune erhalten — verstehst Du?" „Ja," sagte das Mädchen zögernd und seufzte unwistkürlich auf. „Warum seufzest Du?" fragte Chane scharf und wiederholte die Worte fast schreiend, als das Mädchen nicht sofort erwiederte. Der furchtbare Gedanke, der ihr vorhin gekommen, übermannte sie wieder, daß sie aste Selbstbeherrschung verlor. „So fahr' mich doch nicht gleich so an!" erwiederte das Mädchen weinerlich. „Ich weiß, Du kannst ihn nicht leiden, aber ich — ich Hab' ihn gern. Der arme Kerl hat ja sonst keinen Menschen i>» Dorf . . . es wird ihm gewiß sehr hart sein, daß er nun auch nicht mehr zu uns kommen darf . . . und da thut er mir eben leid. . ." Chane athmete auf. Es war der Ton kindlichen Schmostens, mit dem sich das Mädchen stets gegen ungerechte Schelte zur Wehre setzte. Und wie sie so, unsicher nach der Mutter hinschielend, mit abwärts gezogenen Mundwinkeln dastand, glich sie auch ganz einem Kinde. . . Nein, Gottlob, das Furchtbare, vor dem die Frau zitterte, lag diesem unschuldigen Herzen fern, himmelfern. . . „Und wir thäten Dir nicht leid, wenn uns Paterski wegjagen würde?!" fragte sie. „Uebrigens — sobald wir mit dem Polen einen neuen Vertrag geschlossen haben, kann ja der Tölpel wieder komnieii... Meinetwegen, aber wie ich über diese Freundschaft denke, weißt Du ja. . ." Sie hielt es für gut, damit das Gespräch zu beenden, und verließ die Küche. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Baucknoit; in Berlin.

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