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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-27 · Heft 52 (27.12.1895) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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623 ja Selbstvergessen, viel Tüchtigkeit, viel Streben, nie anfhören wollen zu lernen, sich fortznbilden. In der Ehe heißt es namentlich für die Frau nicht wägen, sich fügen, tausendfach mehr geben als empfange», selbstlos in ihren eigenen Wünschen, Ansprüchen und Gewohnheiten sich zu bescheiden. Mag man in unfern Tagen noch so viel über Frauenemanzipation sprechen und schreiben, das höchste Glück ans Erden bleibt doch das, Gattin und Mutter zu sein. Daß vielen Frauen heutzutage das Glück versagt bleibt, und zwar oft den besten ihres Geschlechtes, liegt in den sozialen Verhältnissen; aber darum können wir es nicht als das höchste Glück hinstelle», einsam durch das Leben zu pilgern. Gewiß, es giebt millionenfach unglückliche Ehen in der Welt; oft, sehr oft hören wir den gewaltsam zurückgedrängten verzweifelten Ruf: „0, Hütte ich doch nicht geheirathet! Zn welcher Kette unendlichen Jammers ist mir die Ehe geworden!" lesen wir in den vergrämten Zügen früh gealterter Frauen die Geschichte einer unglücklichen Ehe! Und dennoch, „die Ehe ist der Gipfel aller Kultur", und „Nur eine Mutter weiß allein Was lieben heißt und glücklich sein!" An den Müttern liegt cs, ihre Söhne und Töchter gleich würdig für die Ehe vorznbereiten. Gute Söhne, richtig erzogen und geleitet von denkenden Mütter», werde» ebenso tüchtige Stützen des Staates, der Gesellschaft und der Familie als gute Gatten werden, denen kein Opfer für Weib und Kinder zu groß erscheint. Um dereinst führen, bilden, leiten und erziehen zu können, müssen unsere Töchter selbstlose Liebe üben lernen schon von Kindheit an. Nicht Magd, nicht Spielzeug soll die Frau dem Manne sein, sondern die ebenbürtige Lebensgefährtin, der brave Kamerad, auf den er sich zn allen Zeiten und in allen Lebenslagen verlassen kann, deren unwandelbarer, unendlicher Liebe, die da treu ist bis in den Tod, die über das Grab hinaus reicht, er stets sicher sein darf. Wenn die Mütter in diesen Bahnen ihre Söhne »nd Töchter zn erziehen bestrebt sein werden, dann werden sie die Ehescheu der Söhne besiegen, und ihre Töchter werden nicht allein den Kampf ums Dasein auf ihre Schultern zn nehmen gezwungen sein, sondern in beglückender Gemeinschaft, und werden „himmlische Rosen ins irdische Leben ihrer Männer flechten und weben!" Die Zeit wird wieder anbrechen, wo die Männer in den Enttäuschungen, die ja das Leben keinem Menschen erspart, an den Herzen ihrer Frauen einzig und allein Ruhe, Trost, Ermunterung, Theilnahme, Aufrichtung und Frieden finden werden. t_ mm/Mimm nMMIM w MaiiiiuiiiwiiuiiiiiiiMuniniMiimitUiiiiniuiim;inuCTniaii:i.!»t.:nail!^ii;:im!ininij<liiiiiiiiiiiwiii>iii.;iimimniuiniyvr< 1 1 FEUILLETON ü I ggzinminwiuiiii §1 g*wniRijninuiiiiniiHüiwiui4iiiiii!CinmiittiiMiiKünintmtitiiiNii»Miiii<ii!iiikLininiü«iiiin^niniüini!MMjinini!iiii:p^ MWMMniIiMiMWIIiWWWwIkWINWiIMWWWiWWM^iMMMwWflMW^A -- - i —> ■nmmnuMiiisgy IllWUttlfflJIIJSS Leib Meihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) 9*iCzenii sich am Freitag der Schatten der Sonnenuhr an der Kirche von Winkowze der Ziffer XII nahte, bedurfte» die 0 Bauern dieses Zeichens nicht, um zn wissen, daß es auf Mittag gehe; womöglich noch sicherer nahte die Kasia in hastigem Stvlperschritt, den Oberkörper vorgeneigt und die langen Arme schlenkernd, dem Wirthshause. Diesmal ging sie noch eiliger,^ ja sie lief förmlich, so daß das zerschliffene gelbe Umhängetuch wie eine Fahne um die spitzen Schultern wehte. „Welches Glück!" murmelte sie immer wieder. „Kein ,Raden', im Gegentheil, sie bekommen noch was bezahlt! O, wenn ich sie nur schon unter der .Chuppe' sähe! Und dann ziehen sie nach Halicz. und ich kann täglich kommen, und für jede» Schabbes richten wir einen ,Scholent', so fett, daß ganz Halicz vor Neid bersten soll!" — „Raden" heißt „Mitgift", „Chuppe", der Trnuhimmel, die durch vier Stangen getragene Decke, unter der die Trauungen iin Ghetto vollzogen werden, und „Scholent" das Sabbathgericht; alle drei sind hebräische Worte, aber dieser richtigen „Schnbbcsgoje" waren sie natürlich ebenso geläufig, wie unzählige andere, so daß ihr Rnthenisch allmälig ihrem Kittel glich; auf der blauen Lcinewand saßen unzählige fremde Flicken. Endlich war daS Hans erreicht; sie riß die Thüre zur Küche ans. „Maseltow!" (Gutes Glück!", der übliche Glückwunsch bei Verlobungen), stammelte sie athemlos. „Welches Glück! Und wenn Gott will, so kann sie ja schon in drei Monate» wieder Wittwe sein!" Chane erschrak tödtlich und blinzelte dann angstvoll in den Hof, wo das Mädchen eben das Geschirr für den Sabbath wusch; gottlob, es hatte nichts gehört. „Schweig!" sagte sie dann halblaut und trat auf Kasia zu. „Keine Silbe mehr — verstehst Du?" Die Kasia blickte die Herrin verblüfft an und nach dem Hofe hi». Dann aber glomm es in den stumpfen Zügen auf. „Sic weiß noch nichts?" fragte sie flüsternd. „Aber warum nicht?" „Weil wir selbst nichts wissen", erwiederte Chane barsch. „Weil die Leut' in Halicz Unsinn reden!" Die Wäscherin sank ganz vernichtet auf den nächsten Stuhl. „Und ich Hab' mich schon so gefreut!" jammerte sie. Es war also nichts mit dem besseren Leben, und der Scholcnt blieb mager wie bisher und mußte in Winkowze gegessen werde», und sogar mit der schönen Neuigkeit, die sich so saftig bereden ließ, war es nichts. Und das war eigentlich das fürchterlichste, wenigstens für diesen Augenblick. Aber warum sollte cs auch damit nichts sein? . . . „Dann sollte man ihr doch wenigstens sagen, was die Leute schwatzen," sagte sie und schnellte wieder ans. „Keine Silbe!" rief Chane angstvoll »nd drückte sie auf den Stuhl nieder. „Aber warum denn nicht?!" jammerte die Kasia. „Die Leute sagen: Der Alte ist ganz toll nach ihr und läßt darum den Sohn gleich heiratheu und in vierzehn Tagen ist die Hochzeit! Das muß sie ja freuen, auch wenn's nicht wahr ist! Jedes Mädchen . . . Aber ist's denn nicht wahr?!" unterbrach sie sich plötzlich. „Wie viel ein Mensch lügen kan», weiß ich ja," fuhr sie selbstbewußt fort, »nd in der That, das wußte die Kasia ganz genau, „aber so Alles erfinden! . . . Und wozu war denn der rothe Meyerl eben hier?! Ich bin ihm ja begegnet!" Chane dachte nach. Dieser Klatschbase die Wahrheit z» sagen war unmöglich; sie mußte glauben, daß das Gerücht gelogen. Aber wie verhindern, daß sie überhaupt davon sprach?! Endlich glaubte sie, das rechte Mittel gefunden zu haben. „Höre, Kasia," sagte sie eindringlich, „es ist wirklich nichts daran wahr und Meyerl war nicht bei uns. Das Gerücht hat ein Schänkwirth ansgesprengt, der die Pacht hier haben möchte. Du Weißt, Paterski will uns kündigen, aber wir verhandeln mit ihm; der Mensch verbreitet die Lüge, damit auch Paterski von dem reichen Eidam hört und »ns Bedingungen macht, die tvir nicht eingehen können. Und Miriam darf es auch nicht wissen, denn sie ist noch ein Kind n»d soll an solche Dinge gar nicht denken. . . Redest Du also darüber, so bringst Du Dich und uns nm's Brod!"

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