Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- Seite 622 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228147--52461-3273256- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
622 kurz als „Gljartercb Company" bezeichnet wird und deren Aktien vor etlichen Wochen mit 850 Prozent bezahlt tmirbeit, während sie jetzt etlon 200 Prozent niedriger stehen. Mit einem Kapital von 50 Millionen Mark, das die Spekulation schon mit über 400 Millionen bewerthete. hat diese Aktiengesellschaft sich bekanntlich anheischig gemacht, jene ungeheuren Ländereien dein Berkehr zu erschließen, um ihren Gewinn durch Verkauf von Grund und Boden zur Goldgewinnung und für Niederlassungen, durch Verleihung von Konzessionen für Telegraphenanlagen, Wasserleitungen und Eisenbahnen zu erzielen, und sich au solchen Unteruehnnmgen zu betheiligen. — Aus Seite 34 des am 18. Januur 1895 den Aktionären vorgelegten Berichtes findet sich eine Auslassung von John Hays Hammond über die „Ancient Workings". Danach bedeckten von den neun untersuchten Gebieten: (1890 englische Meilen) etwa 380 englische Meilen jene alten Werke, die meist nur 25—50, selten 100 englische Fuß in die Tiefe gingen. Nach der Meinung des Berichterstatters wurden sie verlassen, weil jene frühen Vorgänger der heutigen Goldbergbau- Jngenienre bei ihrer primitiven Technik unfähig waren, weiter hinab zu dringen. Politische Verhältnisse mögen nach seiner Ansicht an zweiter Stelle dazu mitgewirkt haben, daß jene alter: Stätten der Goldgewinnung verlassen wurden. Daß Peters Gewicht auf den Ausgang der Ophir-Fahrten der Flotte Salorno's legt, ist an sich begreiflich. Aber von dort, von Ezeon-Geber am Golf von Akaba, konnte die Fahrt sowohl rrach Indien, als rrach Afrika gehen. Auch die Erklärurrg von Afrika als rothes Land, Rothland, oder südliches Land unter Hirreirrziehurrg chinesischer Astronorrrie wird mir wenig befriedigen. Die Nachweisung des gleicher: Stammes in Ophir und Afrika, oder der Jderrtität beider Namen bleibt das Hauptverdienst seiner Schrift, die jerre schon bekannte Annahme in sehr hohem Maße stützt, ja fast zur Evidenz erhebt, der mit den Phönikern verbündete König Salomo habe sein Gold, aber auch Silber, Elfenbein, Sandelholz n. s. w. aus dem Mashonalarrde bezogen, die verlassenen Niederlassungen dort seien phönikischen Ursprungs, und jenes große, rrroderne Unterrrehmen sei das zur Aktiengesellschaft umgewarrdelte Ophir König Salorno's. Das Bedauern des Tr. Peters zürn Schtrrß darüber äußert, daß jene Lande nicht, wie er es einst anstrebte, Bestandtheil eines großen deutsch-afrikanischen Kolonialreiches geworden seien, wird marr nach der seitherigen Entwickelung der Dirrge wohl begreiflich finden. Eine naive Frage. Von Regina Neisser. kommt es, das; so viele gut situirte Männer in unserer Zeit nicht heirathen? Auch unter uns Juden nicht! Nicht * wahr,das erscheint wie einenaiveFrage—aberdiestatistischen Tabellen zeigen von Jahr zu Jahr immer mehr die sich steigernde Ehescheu unserer Männerwelt. Ist dies einzig und allein de» Frauen der Gegenwart zuzuschreiben? Sicherlich nicht; ja man würde ein großes Unrecht begehen, wollte man ihnen alle Schuld an der sich verringernden Heirathslust der Männer znschreiben, wollte man sie allein dafür verantwortlich mache», daß die Ehe den Männern in unfern Tagen bei weite»! weniger begehrenswerth erscheint als in frühere» Zeiten. Die Männer, besonders wenn sie gut situirt sind, können heirathen wen sie wollen, sie brauchen nur unter den Töchter» des Landes Umschau zu halten, während die jungen Mädchen warten müssen, bis sie gewählt iverden. Aber die Männer wollen eben jetzt viel seltener heirathen, selbst wenn sie gut situirt sind, und zwar zum große» Theil ans Egoismus, aus Mangel an Opferwilligkeit. Und Opferlvilligkeit ist für Mann und Fra» die erste Grundbedingung für die Ehe. Insbesondere allerdings für die Frau! Der Mangel an Opferwilligkeit liegt in der Erziehung; hier in erster Reihe bei dein Manne. Ungeachtet der vielen Schäden, die auch unsere Mädchenerziehnng aufweist, wird das junge Mädchen schon in früher Jugend darauf hingelenkt, sich unterzuordnen, zu dienen, zu helfen, wo es Noth thut, während von dein Heranwachsenden Knaben nur in den seltensten Fällen kleine Opfer gefordert werden. Und dies ist ein großer Fehler! Hierdurch nur wird der Egoismus groß gezogen; unsere Jünglinge betrachten sich schon frühzeitig als die Herren der Schöpfung, während eine verständige Mutter schon frühzeitig ihre Knaben gewöhnen müßte, die Schwestern, überhaupt jedes Mädchen ritterlich zu beschützen; nicht im Bewußtsein der größeren Kraft verächtlich auf das schwächere Geschlecht herabzublicken, sondern, wo immer sich die Gelegenheit bietet, hilfsbereit beizustehen, ihm eine Stütze, ein Berather zu sein! Der Jüngling ist zuni Manne geworden, vermöge seiner Tüchtigkeit, seiner Charaktereigenschaften zum selk - made - man, er ist gewöhnt, sich nach der neuesten Mode zu kleiden, er besucht Theater und Konzerte, Aergnügungslokale und die feinsten Restaurants, in> Sommer weilt er in einem Modebade; er umgiebt sich in feinem Jnnggesellenheim mit einem fast sybaritischen Luxus; bisweilen taucht wohl der Gedanke in ihm auf, es wäre doch wohl das Leben lebenswerther in Gemeinschaft mit einem allerliebsten kleinen Jemand, allein er verscheucht denselben bald wieder, und zwar aus Egoismus, aus Mangel an Opferwilligkeit. Für ihn allein genügt sein Einkommen, um alle seine Lebensgewohnheiten und Ansprüche zu befriedigen, ob aber für Zwei und für Mehrere? Er will nichts aufgeben, nichts entbehren; er müßte mehr arbeiten und könnte weniger genießen, und ob sich dies lohnt, um ein immerhin zweifelhaftes Glück einzutaujchen? Er beschließt, seine goldene Freiheit, sein ungebundenes Junggesellenleben nicht zu opfern. Wenn er alt wird, besorgt eine Wirthschafterin ebenso gut den Haushalt, wie eine Frau, ohne deren Ansprüche. So denkt die Mehrzahl unserer gut situirten Männer, und zwar auch aus Mangel an Idealismus! Idealismus heißt nicht weichliche Gefühlsschwürmerei, sondern wahre, echte Liebe, und wo diese, da auch sicherlich nicht Mangel an Opferwilligkeit herrscht. Aber wie Viele heirathen in unserer Zeit unerhörter Berechnung aus wahrer, echter, opferfreudiger Liebe? Die Mehrzahl der Männer sieht in erster Reihe zumeist auf die reiche Mitgift, deren Zinsen die kostspieligen Lebensgewohnheiten der jungen Frau wenigstens theilweise decken. Und unsere jungen Mädchen? Die Eltern sollten dem Mahnrufe der Zeit immer mehr Ohr und Herz öffnen, ihre Töchter nicht in Abhängigkeit und Unselbstständigkeit erziehen, und das Dilettiren in Künsten und Wissenschaften beschränken; sie lehren, daß Einfachheit der schönste Schmuck des Weibes! Gründlichkeit, Charakterfestigkeit, Willensstärke fehlt unseren Töchtern. Wahre Bildung heißt harmonische Entlvickelung von Verstand und Gemüth, Geist und Herz! Die Ehescheu unserer Männerwelt wird sich verringern, wenn sie in den Mädchen nicht nur die Salonfigur, die zierliche Erscheinung, das liebliche Bild in dem kostbaren Rahmen einer jeder Zeit modegerechten, geschmackvollen Toilette, die graziöse Tänzerin, das niedliche Plappermäulchen erblicken werden, sondern die klar denkende, zielbewußte Jungfrau! Ihren Frohsinn möchten wir unser» Töchtern nicht rauben, aber zum Ernste des Lebens gehört viel. Die Ehe ist kein Kinderspiel; sie fordert viel von Mann und Frau und besonders von der Frau. Viel Liebe, viel Opferwilligkeit, viel Entsagung, viel Selbstverleugnung,