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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-27 · Heft 52 (27.12.1895) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 620 (sequence 8)
Language
German
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620 Fraglich ist: was ist eine echt jüdische Melodie? Es schiene mir Unrecht, wollten wir heute schon bestimmte Merkmale angeben, ivora» dieselbe zn erkennen sei. Das wollen wir vielmehr erst durch die Sammlung lernen. Als inan znm ersten Male deutsche Volkslieder sammelte, wusste man auch noch nicht so gut wie heute, was ein Volkslied ist. Solche Frage», wie z. B. auch die, wie weit die Uebereinstimmuug der Juden in den synagogale» Melodien reiche, sollen eben erst ermittelt werden, was doch ohne Sammlung nicht möglich ist. Ich wurde mich also nicht wundern, wenn mau niirvielleicht ohne langes Suchen, Nachweisen sollte, daß alles, was ich zur Charakteristik jüdischer Melodien bemerkt habe, nur von den polnisch-jüdischen Gesängen Geltung habe: denn ich habe nur polnische Vorsänger gehört. Das höhere oder geringere Alter einer Melodie kann keineswegs als Kennzeichen ihres jüdischen Wesens gelten. Ganz junge Arien können sehr echt sein. Ich erinnere au das VittCft von Lichtenstein. Ich habe nie gezweifelt, daß es von ihm komponirt sei, weil ich meine, daß es nirgends und niemals von irgend einem anderen Chason außer ihm und in Berlin gesungen sei; aber echt jüdisch ist cs — etwa die Töne zu pan n*0 D’tttPn DK ausgenommen, welche garnicht in die Melodie passen. Dagegen Lewandowski's 'TH rob. so schön er auch ist, rmd obwohl er gewiß alle die Liedchen, die von Alten und Neuen zu jener Poesie erfunden sind, übertrifft, ist nicht jüdisch, sondern allgemein menschlich. Diese Melodie werden wir uns nicht nehmen lassen, nur gehört sie in eine andere Sammlung, als die hier ins Auge gefaßte. Ich komnie endlich auf die drei Arten jüdischer Melodien, wie ich sie schon früher aufgestellt habe. Was zuerst den Tropp betrifft, die Weise, biblische Texte vorzutragen, so hat sich Herr Dr. Babad gegen das von mir »ermuthete hohe Alter desselben ausgesprochen. Ich muß seine Einwendungen gelte» lassen, kann sie wenigstens nicht zurückweisen. Dach muß ich ihn fragen, wie er die Worte NDlp NQ'Lff versteht? Was mich aber zu meiner Annahme bestimmte, will ich hier dem Herrn Babad und dem Leser zu bedenken geben. Ich muß um die Erlaubniß bitten, weit auszugreifen. Wenn nämlich auch uns heute nichts einfacher scheint als „Vortragen", Rezitiren, so wäre ich so kühn zu behaupten, daß man im ganzen Alterthui», auch in Griechenland und Indien, zwar viel gesungen und gesagt hat; aber ein Vortrag war unbekannt, d. h. man hat nicht, wie in Inda seit Esra, einen heiligen Text, der niedergeschrieben vor Auge» lag, vor versammeltem Volke vorgelesen. In Athen wurde» allerdings Dokumente, welche vor Gericht oder zu politischen Zwecken dienen sollten, im Laufe der Rede vorgelesen, und zwar dieselbe unterbrechend von einem Beamten, nicht vom Redner selbst, um damit die Echtheit des Beweisstückes zu bekunden; und in Rom war es Sitte geworden, daß Schriftsteller ihre Werke öffentlich rezitirten. Da wurde gewiß in der Weise gelesen wie der Redner sprach. Anders st es doch beim Vorleseu der Thora. Nur die Buddhisten, welche ebenfalls eine heilige Lilteratur für das Volk schufen (welche überhaupt als Gründer einer ethisch belehrenden und unterhaltenden Volkslitteratur angesehen werden können), nur auch sie tragen dem Volke heilige Texte vor; und als ich Pallegoix, den Bischof von Siam, bat, er möge mich über die Aussprache des Siamesischen unterrichten, sprach er mir zuerst einfach einen siamesischen Text vor, las dann aber einen heiligen Text in einer besonderen Vortragsweise, welche mich lebhaft an unseren Tropp erinnerte. Der Einfluß der Buddhisten auf die Religionen und Völker glich Vorderasiens (auch auf das Christenthnm) ist bekannt. Mag min derselbe immerhin erst drei Jahrhunderte nach Esra anznnehmcn sein, und lassen wir die Frage von einer möglichen Einwirkung des Buddhismus auf die Juden ganz bei Seite, so soll doch hier zunächst nur dies z» Bewußtsein gebracht werden, daß Rezitation nicht eine so selbstverständliche Sache ist. Wie die Kunst der Prosa bei den Griechen sich von den poetischen Gewohnheiten der Rede und des Rhythmus erst frei machen mußte, bevor sie ihren eigenen Gang fest innehalten konnte, so mußte sich auch der Vortrag vom Gesang erst allniählich trennenff, und hat sich bei (den Juden wohl erst in neuerer Zeit gänzlich davon getrennt. Denn mit einem gewiffen Tropp ward bei ihnen alles Hebräische oder Rabbinische gelesen, da dies alles bei ihnen religiös war. Ferner wird aiich wohl der Koran bei den Arabern, und bei den Griechen der orientalischen Kirche Alles, in der occidentalisch-katholischen Kirche das Gebet mit einem Tropp rezitirt. Daß die Recitation mit solchem Tropp ein Produkt der religiösen Kultur ist, — Uiid zwar wunderlich scheinend, jedoch ganz naturgeinäß entstanden, aber nur unter bestimmieii Bedingungen, welche im Alterthliln auch im Orient nicht obwalteten, — daß Rezitation überhaupt nichts einfach Gegebenes ist. kann wohl auch das Wort beweisen, welches eine vielfache Ableitung, also Uebertragung durchgemacht hat; denn in „Rezitation" ist nur ei stammhaft, woraus lat. cieo, dann citare, endlich recitare ward. Dies wäre also einmal eine weltgeschichtlich literarische Betrachtung, deren kurzer Sin» ist: die Erfinder des Vortrags waren die Buddhisten und die Juden, und derselbe begann mit dem Tropp. Und die Nutzanwendung: Vortrag ohne Tropp wird leicht langweilig; und Vortrag mit Tropp? — Entscheidet wie ihr wollt; nur gesammelt muß er in seiner Vielgestaltigkeit werden; und das muß ich sagen: der Tropp zu den Klageliedern hat für mich etwas wunderbar Rührendes. Freilich hangt dabei viel oder alles vom Vortragenden ab. Zweitens das sogenannte Chasonus: daran liegt mir am meiste». Aber sind unsere heutigen Vorsänger im Stande, dasselbe wiederzugeben? und paßt er dem Sül nach zur modernen Vortragsweise? Aber sammeln! Erst dann wäre auch zu sehen, wie verbreitet jede Melodie ist. Hier in Berlin giebt es nur denselben Kaddisch für Mußaf Jom kippur und Geschein und Tal. In meiner Heimath hat man für die beiden letzteren eine besondere Melodie, wie auch für Mincha am Jom kippur und Jom kippur koton gebraucht wird. 2) Die Lieder der häuslichen Andacht mögen zum Theil hierher gehören, wie N1ÜL klp» und Kin ~v**7S<; zum Theil aber von Haus zu Hails verschieden und wohl auch recht jung, gehören sie zu den Drittens freien Gesängen. Der Unterschied zwischen diesen und der ziveiten Klasse ist nicht gerade schneidend. Das Lecho Dandi ist zwar im Allgemeinen der Kompositions-Freiheit überlasten. Indessen für die Sabbathe zwischen Peßach und Schablioth ist eine feste, trübe Melodie bestinlint, und eine noch trübere gilt für die drei Trauerwochen. Letztere zumal ist ff Vielleicht ist auch die gereimte Prosa der Araber als eine solche unvollkommene Ablösung der Prosa von der Poesie anzusehen. -) Ich habe einmal eines B'Harn xSö bx gedacht, der in keinem Gebetbuch abgedruckt ist, der aber in meiner Vaterstadt bei der Tobtenfeier gesungen wird Aus Posen bin ich belehrt worden, daß derselbe auch dort heimisch ist und nach der schrecklichen Verfolgung unter dem Kosaken Chmelnicki von dem Sohne (?) des betreffenden Kabbalisten Lur ia, der in Posen Rabbiner war, gedichtet worden ist. Ich kenne dieses Gedicht mit zwei Melodien, wenn nicht etwa die eine nur die ichöue Variante der andern ist. Wenn die Texte nur wenig verbreitet sind, können es auch die denselben ursprünglich gehörenden Melodien nicht sein.

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