Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1895)
- Date
- 1895-12-27
- Page
- Seite 619 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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6 IS so ohne Weiteres das Leid, das ihn drückt, von sich abschütteln. Anders jedoch an den Festabenden, wo sich sein Geist über das Alltagstreiben erhebt. Doch gleichviel, was mit all de» Liedern gemacht werden könnte: zunächst heißt es, dieselben sammeln im wissenschaftlichen Interesse. Ich meine auch, daß jene Melodie» (selbst wenn sie gar nicht schön sein sollten und mir nur so schienen) durchaus individueü charakteristisch jüdisch sind lind sich nirgends wieder in solcher Weise finden. Gewiß hat mancher Chason aus den Liedern des Volkes, innerhalb dessen er lebte, und noch mehr aus Opern allerlei Arien in die Synagoge getragen, wie mancher Küster in die Kirche. Diese fremden Dinge sind leicht erkennbar, wie auch die eigenen Kompositionen dieser Vorsänger in fremdem Stil. Nur lasse man sich dadurch nicht ohne Weiteres zu der mehrfach aufgestellten Behauptung verleiten, daß die jüdischen Gesänge von den Juden nur angenommen, aber nicht geschaffen seien, sondern von allerlei orientalischen und europäischen Völkern stammen. Gelesen habe ich Folgendes. Bei David Caffel (Lehrbuch d. jnd. Geschichte u. Litteratnr, S. 404): „Israel Nagara den Moses den Lewi . . . zuletzt Rabbiner i» Gaza. Seine Gedicht-Sammlung 8emirotl» Israel, nach türkischen und arabischen Melodien." Eine ausführlichere Charakteristik dieses Dichters (gest. 1587) aus Damaskus giebt G. Karpeles, Geschichte der jüd. Litt. S. 913. „Er hat alle Gattungen der mittelalterlichen Poesie mit Erfolg angebaut, ist mit mehreren seiner Kompositionen in verschiedenen Riten, mit einem sogar (dem Sabbath-Lied Jah Ribbon Alam) in alle Gemeinden Israels eingeführt worden. Seine Gedicht-Sammlung Semirotb Israel enthält zum Schluß auch weltliche Gedichte. Am höchsten jedoch stehen seine Hymnen „Risrnonirn" (S. 914): „Seine Eigenart, bestand darin, daß er religiösen Liedern profane Melodien unterlegte. Bei jedem einzelnen Gedicht ist das fremde Lied und dessen Melodie, nach welcher das hebräische kompouirt ist, genau angegeben, ein Vorgang, der auch in der christlichen Hymnen-Litteratur nicht ohne Analogie ist." Hierin scheint nun aber doch Nagara ganz einzig gewesen zu sein; und wäre er es nicht gewesen, so begriffe man auch nicht, wie man ihn deshalb so heftig anfeinden konnte: er sei „all sein Leben lang betrunken gewesen" und „sei nicht würdig, daß man mit ihm spreche." Wenn man also keine anderen Beweise für die Entlehnung der Melodien hat, so kann man sich ans Nagara nur wenig stützen. Hat denn nun auch das eben genannte Jah ribbon alam nur eine entlehnte Melodie? Ich kenne eine Melodie zu diesem Gedichte, welche aber einen ganz polnisch-jüdischen Charakter trügt, und zwar möchte ich sagen, einen pilpulistischen. Denn kein anderer Gesang scheint mir so entschieden einen Lehr- oder Reflexions - Charakter zu tragen, wie in jenem Liede die Verse „Nicht — lebt auch tausend Jahr ein Mann — giebt der Wunder Zahl er an" (Sachs). Selbst Nagara's Gegner geben zu, daß seine Lieder an und für sich gut sind, und er rühmt sich geradezu, daß er seine Muse nicht der weltlichen Poesie zugewandt, daß er sie nicht „durch die Feier irdischer Lust und sinnlichen Genusses" entweiht habe. Karpeles giebt uns als Beispiel seiner dichterischen Kraft und Weise eines seiner Morgenlieder. Hier begegnet uns etwas Seltsames, eine Entlehnung, ja, aber wundersamster Art! Unter den Liedern der Troubadours giebt es eine Gattung, Tagelieder genannt, in denen „verbotener Liebesgeiniß so reizend geschildert wird." Dieselben werden allemal einem Wächter in den Mund gelegt; für den in Wonne schwelgenden, doch von der Gefahr der Entdeckung bedrohten Freund zärtlich besorgt, singt er unter dem Fenster der Liebenden, um sie zu wecken, der Morgen sei gekommen. Das Eigenthümliche dieser Lieder liegt darin, daß jede Strophe mit dem Worte alba endet (französisch aube Morgenröthe). Und nun giebt es eine Gattung jüdischer Gebete (namentlich Selichoth), welche ebenfalls so gebaut sind, daß jede Strophe mit -|pO „Morgen" beginnt und endet, z. B. die Akeda zum Morgen - Gottesdienst mn Versöhnungstag und das Morgenlied des Nagara. Der Troubadour Guiraut von Borneil läßt den Wächter singen. „Geliebter Freund, wachst, oder schläfst Du »och r Schlaf itzt nicht mehr, der Morgen stört Dich doch; Ich seh' den Stern schon groß im Osten stehen. Der uns den Tag dringt, klar ist er zu sehen. Und gleich erscheint der Morgen." „Geliebter Freund, ich warne mit Gesang: Schlaf itzt nicht mehr, das Vöglein singt schon lang, Das im Gebüsch sich sehnt nach Tageshelle; Der Eifersücht'ge, fürcht' ich, kommt zur Stelle, Und gleich erscheint der Morgen." Doch der Freund antwortet in der Schluß - Strophe: „Lieb süßer Freund, so selig ruh ich trann — Ich möchte Tag und Morgen nimmer schaun — Im Arm der Schönsten, die ein Weib geboren; Drum sollen mich die eifersüchtigen Thoren Nicht kümmern, noch der Morgen." Nagara aber beginnt sein Lied: „Dem, der es kennt, was in mir ist verborgen. Sing ich mein Lied am frühen Morgen. An jedem Tag klopf ich an seine Pforte, Wallfahre ich zu Seinem heil'gen Orte, Und fasse seine Wunderwerk' in Worte, Verkündend sie am Morgen." Und schließt: „Steh auf, o Mensch, der träge du und schwach Auf deinem Lager ruhest, weich, gemach; Wenn es noch finster ist, auf. auf! erwach' Und sei bereit am frühen Morgen." „Ein Lied, das sich aus deiner Seele ringt. Ein Lied, daß vor den Herrn und Meister dringt, Wenn jeder Stern im Chor sein Lied Ihm bringt. Stimm an von Ihm am frühen Morgen." „Wenn Nachts dein Sinn empor zu Ihm sich wendet. Dann Er am Tage dir Sein Heil entsendet. Von Seiner Huld und Macht Er dir denn spendet, Drum eil' und fleuch' zu Ihm am Morgen!" Und der Sänger der Akeda, deren Erzählung das erste Buch Mose mit den Worten beginnt: „Und Abraham stand auf am frühen Morgen", er singt: „Am frühen Morgen bete ich dich an, großer König, zu dir flehe ich am Morgen." „Das Andenken Jsaak's bleibe euch als Gottesdienst bis zum Menschheits-Morgen." „Am Morgen wende dich uns zu, laß dein Erbarmen über uns erglühn ."*) Da habt ihr den Troubadour und den Juden voll und ganz und es bedarf weiter keines Wortes! Wissen möchte ich, was es damit auf sich hat, wenn der Maharil als Urheber unsrer Melodien genannt wird. Das kann doch nur in beschränktem Sinne richtig sein. Er ist um mehr als ein Jahrhundert älter als der genannte Nagara. ') Von dieser Akeda besitze ich keine metrische Uebersetzung. Ich gebe nur drei Stellen daraus in Prosa. In der mittleren Stelle 22^ “lp2rt ir rHÖlPöS habe ich “ip2H mit dem Artikel nach Fürstenthal als r6liOn bv vsn genommen.