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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-27 · Heft 52 (27.12.1895) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 618 (sequence 6)
Language
German
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618 Meine Darlegungen mögen von dem Gefühle inniger persönlicher »nd sachlicher Pietät beeinflußt sein, nnd cs mag mir vielleicht nicht gelungen sein, den mathematischen Beweis dafür z» erbringen, däß die Schule der Gemeinde erhalten werden muß. Gegenüber diesem Einwande möchte ich vor Allem darauf Hinweisen, daß Diejenige», welche ein so tief wurzelndes Institut zerstören wollen, zunächst den Beweis dafür erbringen maßten, daß es zur Zeit unumgänglich nothwendig sei, die Schule aufzuhebeu; das ist nnd kann aber nicht geschehen. Und dann: es giebt eben Dinge, bei denen jede rechnerische nnd logische Vcrstandesthätigkeit zu keinem Ziele führt, wenn nicht Weltanschauung »nd Gemiith die Anregung geben. Erhaben über der Nothwendigkeit, durch juristischen Beweis gestützt zu werden, und zugleich gefeit gegen alle Zweifel des praktischen Lebens stehen diejenigen Pflichte», welche in der Ehre dessen begründet sind, der sic zu erfüllen hat. Eine Ehrenpflicht der Gemeinde ist es aber, ihre Schule zu erhalten. Möge sie in der Erfüllung dieser Pflicht für die Gegenwart nnd Znknnft zugleich zu wirken verstehen. Dann wird auch für alle Zeiten die Inschrift der Tafel sich bewahrheiten, die man zur Erinnerung an Ludwig Geisenheimer, den Gründer des Philanthrvpins, in Räumen desselben angebracht hat: Generationen unserer Gemeinde segnen dankbar sein Werk. Mas wollen wir mit den jüdischen Melodien? Von Prof. Dr. Steinthal. Ils wir »ist de» jüdischen Melodien wollen? Was sie uns sollen? — Garnichts! ist hierauf meine nächste Antwort. Wir wolle» sie habe», wir müssen sie sammeln — gerade so, wie wir die Volkslieder der Deutschen, Serben, Kleinnnd Groß- Rnssen u. s. w. gesammelt haben, in rein wissenschaftlichem, in rein humanem Interesse. Dies betone ich vor Allem, weil bisher, soviel ich weiß, dieselbe» immer nur von jüdischen Chor-Dirigenten für Vorsänger und Chöre der Synagogen überarbeitet worden sind. Ich stelle also das Interesse für die Geschichte des Gesanges obenan; nnd wenn ich auch bas praktische, jüdisch-religiöse Interesse nicht völlig leugne, so ist mir doch zweifelhaft, wie weit dasielbe reichen wird. Ich wünsche die möglich reichste Sammlung der Lieder nnd ihrer Varianten in der möglich vollsten Treue. Die bisherigen Sammlungen sollten nur das Bedürfnis; des Gottesdienstes befriedigen. Für letzteren Zweck aber sind der jüdischen Gesänge theils viel zu viele, theils aber sind sie dazu ganz unbrauchbar. Denn es sind erstlich nicht blas synagogale Melodien, sondern auch, obwohl religiöse, doch fürs Hans bestimmte (so würde ich z. B. eine Melodie zu dem Tischliede lj^BX “ITS oder zu dem Sabbathliede von Abraham ibn Esra fDB? mttTt'X und anderen Tischliedern ungern entbehren), zweitens sind vielfach die Texte (die betreffenden Gebete) anßer Gebrauch gesetzt, und endlich paßt der Charakter vieler »nd der meisten dieser Melodien, wenn sie nicht stark umgcarbeitet werden gar nicht zu unserem modernen synagogalen Gesang nnd nicht z» unseren überarbeiteten Gebet-Büchern. Täuschen wir »ns doch nicht! Die echtesten jüdischen Melodien (diejenigen, ich gestehe es, welche mir am tiefsten ins Herz gewachsen sind, die ich der Menschheit am liebsten aufbewahrt wünsche) klingen wie Liebeslieder, z» singen von der verlassenen Geliebten, die, ihre Schuld bekennend, doch die Verzeihung nnd Rückkehr des Geliebten wünscht; Israel, die Braut Gottes, bittet um Aussöhnung. Der tiefe Schmerz der Gott-Verlassenheit und infolge derselben die unsägliche Trauer über nnansdenkbares Leiden — ans jenen Melodien habe ich sie kennen gelernt, längst bevor ich von der nachbiblischcn Geschichte etwas wußte. Sagt, ihr Chor-Dirigenten, könnt ihr sie gebrauchen — diesen Schmerzensschrei aus tausendjährigem Druck! Jemand hat gesagt, der Sinn der jüdischen Geschichte sei: „Gedenke dessen, was Dir Amalek gethan hat." Das ist nicht wahr; das könnte ja doch nur zum Aufruhr oder zur Rache, mindestens z»m Nachtragen führen, was uns Alles durch Bibel nnd Talmud verboten ist. Sollen wir also vergessen? Wollen wir unser» Neligions-Lehrern sagen, sie sollen von den Gräueln des Mittelalters unser» Kindern nichts erzählen? Das wäre wohl unmöglich. Man kann eben auch in anderer Weise gedenken, in Demuth: Verzeihung den Feinden und Dankbarkeit gegen Gott! So sollt ihr unsere Kinder lehren, ihr Lehrer! Laßt sie den reinen Schmerz kennen lernen, ohne alle diabolische Zuthat. Das wäre leicht, scheint mir, wenn unsere Kinder den Schmerz durch unsere Gesänge kennen lernten. Da lernten sie das Böse kennen, ohne den Bösen. Wenn unsere Knaben es hörten, wie gerufen Ivird: urotwi Sn xj uroß» xb sjöw nx? ^221 „bei all dem haben wir Dich nicht vergessen, o! vergiß unser nicht!" Ihr könnt in den musikalischen Aufzeichnungen lange suchen, ehe ihr ein solches X! wieder findet. Aber könnt ihr cs gebrauchen, ihr Chor- Dirigenten? Ich kenne noch ein anderes XJ oder X3X ans den Melodien der Feiertage. Aber nicht nur in dem Gebetbuch unsrer Nenen-Synagoge fehlt es, sondern sogar der konservative Rabbiner Joel in Breslau hat sowohl dieses wie das vorher erwähnte gestrichen. Ich meine das kurze Gebet an den Feiertagen vor dem Segen der Priester. Ich habe es als Knabe singen hören, nnd ich werde diesen Gesang nie vergessen. Langsam schwillt die Sehnsucht nach dem uralten Gottesdienst nnd der alten Heimath an, und wenn man meint, sie habe sich schon erschöpft, setzt sie mit rüMPIfll noch gesteigert von Neuem an, um sich mit dem schließlichen Segensspruche in demuthsvoller Ergebenheit anszutönen. So etwas, wie das mittlere Bim XIX, hört man nur in der Krankenstube des sich im Fieber nmherwülzenden Kindes, in dem es flehend „Mutter" ruft. J) Aber noch einmal: können wir das in unser» Synagogen singen? wo alle Gebete, welche mehr als bloße Erinnerung an Jerusalem und Thieropfer, welche Sehnsucht danach ansspreche», weggelassen oder nmgestaltet sind? Wenn dies auch nicht, so kann vielleicht dieser echt jüdische Schatz für Oratorien verwendet werden. Ist es noch nie einem jüdischen Komponisten eingefallen, die Zerstörung Jerusalems in einem Oratoriuni zu betrauern? Der Text liegt vor in Karpeles' Geschichte der jüdischen Litteratnr. Was giebt es da für Scene»! Jeremia ans den: Grabe der Erzväter und Erzmiitter; er fordert sie ans, für ihre Kinder zn beten n. s. w. u. s. w. Aber merkwürdiger Weise giebt es auch Melodien von hinschmelzender Wehmnth, während der Text davon gar nichts enthält, z. B. das alltägliche Maariw, das auch am Freitag anders lautet nnd an den frohen, nnd an den ernsten Festabenden wieder ganz anders, nämlich der Gesammt-Stinnnnng des Betenden gemäß. Indem der Jude Abend für Abend Gottes Allmacht Preist, der den Tag vornberrollcn läßt nnd die Nacht herauf führt, kann er nicht i) Ich habe das hier gemeinte mWll später von Lichten stein gehört, indessen mit einer anderen Melodie, die mir aber auch bekannt war. Unser Chason hatte nämlich dieselbe zu dem Liede ’"1t2X gesungen, wozu sie auch offenbar besser paßte, da sie nur die wehmüthige Erinnerung begleitete. i

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