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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-27 · Heft 52 (27.12.1895) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 617 (sequence 5)
Language
German
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617 Zeit nicht eintreten wird — die regelmäßigen Einkünfte der Gemeinde hierfür nicht genügen, so würde gewiß in anderer Weise Rath geschafft werden können. Sollte das aber einmal nicht mehr möglich sei», dann wird immer noch Zeit sein, die Frage der Einschränkung oder Aufhebung der Schule zu erwägen. So weit sind wir aber heute noch lange nicht. IV. Nun hat sich allerdings das Interesse der Gemeinde für die Schule, welches sich in dem Besuche derselben vornehmlich änßert, im Laufe der Zeit verschoben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Zöglinge der Schule zum größten Theil ans anderen Kreisen stanunen, als diejenigen waren, die früher das Publikum derselben bildeten, und daß der Besuch der Schule, namentlich der Mädchenschule, im letzten Jahrzehnt gegen früher abgenouimen hat. Für die Erklärung dieser Thatsache lassen sich viele Gründe auführe». Manche sehen den Grund in der allgemeinen, prinzipiellen Abneigung gegen Koufessionsschulen; ich halte dies, zumal bei der heutigen Zeitströuiung, nur in vereinzelten Fällen für richtig. Andere weisen darauf hin, daß die meisten altangesessencn Mitglieder der Gemeinde in eine andere Stadtlage verzogen sind, wieder Andere auf den Sonutagsunterricht der Schule. Beide Gründe wirken meines Erachtens erheblich mit. Der Sountagsuntericht ist denjenigen Eltern sehr störend, welche auch Kinder in städtische oder staatliche Schulen schicken, und daß sich ein Familienvater, der in der westlichen Außenstadt wohnt, scheue» wird, unter den Heuligen Berkehrsverhältnissen seiir sechsjähriges oder auch älteres Kind täglich nach dem äußersten Ostende in die Schule gehen zu lassen, ist ganz natürlich. Der Hauptgrund für die angegebene Erscheinung ist aber auf einem anderen Gebiete zu suchen. Der Rückgang des Besuches unserer Schule fällt zeitlich mit der veränderten Gestaltliug und Organisation der städtischen Schulen zusammen. Im Jahre 1873 wurde die Musterschnle, Realschule erster Ordnung, die Wöhlerschule 1877. und im Jahre 1876 wurde die Adlerflychtschule uild die Klingerschule eröffnet. Der Drang zum Universitäts-Studium und abgesehen hiervon auch derjenige zur Gymnasial-Bildung, welcher im Gegensätze zu norddeutschen Städten früher in Frankfurt nicht so verbreitet war, ist allgemein mehr und mehr gewachsen, namentlich aber unter den Juden. Es ist ganz natürlich, daß ein großer Theil der Eltern unter diesen Umstünden, falls sie nicht die Kinder sofort in das Gymnasium schickten, es vorzogen, dieselben jedenfalls Schulen znzusühren, in denen die Kinder einestheils eine Vorbildling im Lateinischen einstweilen erhielten, andererseits eventuell sich bestimmten Zweigen des StndilUiis widmen konnten. Diese Schulen boten mehr Freiheit in der Wahl des Berufes, bei gleicher Ausbildung. Daneben sollte in der Klingerschule mehr der naturwissenschaftlichen Seite Beachtung geschenkt werden. Unter diesen Umständen mußte der Besuch unserer Schule leiden. Er hätte sich vielleicht erhalten, wenn ihr der eigenartige Charakter geblieben wäre, den sie früher hatte; dies war aber nicht der Fall. Wenn Michael Heß in seiner Geschichte der Schule mit Stolz konstatirt, daß die selbst aus Staaten wie Preußen, wo das Schulwesen am besten organisirt ist, uns zugekommenen Schüler auf einer „. . . niedrigere» praktischen Bildungsstufe standen" (S. 39), so liegt hierin ein Grundgedanke, der sich auch im späteren Leben der Schule bewährt hat. Wie aus der Geistesrichtung und den pädagogischen Anschauungen der damaligen Lehrer heraus eine mehr praktische Bildung der Schüler augestrebt werden mußte, so fand diese Seite auch in dem formellen Lehrplane ihren Ausdruck. Den Schülern wurde sännntlich eine tüchtige kaufmännische Avsbildnng zu Theil. Ein derartiger Lehrplan aber konnte vor den staatlichen Schulbestimmungen nicht bestehen, und so kam cs, daß die Schule allinälig mit der Annäherung an den Schulplan der preußischen Schulen ihr eigenartiges Gepräge verlor. Die Familien, deren Kinder der Schule verloren sind, für dieselbe wiederzugewinnen, ist kaum möglich. Ich halte es auch nicht einmal für erstrebenswerth. Die Gemeinde hat ein ansehnliches Publikum, aus dessen Kreisen der Besuch der Schule sich bilde» kann; es würde auch nichts schaden, sondern sogar der Idee, welche zur Erhaltung der Schule zwingt, in ihrer völligen Ausgestaltung entspreche», wen» auch auf ein gewisses christliches Publikum gerechnet würde. Deine der Umstand allein, daß die jüdische Gemeinde eine Schule unterhält, ist schon an sich von schiverwiegender ethischer und sozialer Bedeutung. Größere Kreise des jetzt vorhandenen Publikums und weitere Kreise können aber nur dann für die Schule herangezogen werden, weiin derselbe», abgesehen von ihrer freisinnigen Entwickeluiig, wieder eine besondere Gestalt gegeben wird, welche sie vor anderen Anstalten der Vaterstadt auszeichuet und sie in gewissem Sinne über dieselbe» erhebt. Ich möchte die Frage hier nicht untersuchen, ob es praktisch wäre, unter den heutigen Verhältnissen diese Eigeiiart wieder nach der kaufmännischen Seite hin zn suche». Wohl aber möchte ich der Erwägung Derjenigen anheimgeben, welche die genügende Sachkunde besitzen, ob es nicht möglich wäre, etiva durch Erweiterung des »aturwifsenschaftlichen Unterrichtes und durch Einfügung gewerblicher Unterrichtszweige in den Lehrplan die Schule einer mehr praktischen Wirksamkeit zuzuführe». Ich kann als Laie natürlich keine Vorschläge machen, denke aber ganz besonders hierbei an die neuesten Erfolge der naturwissenschaftlichen Industrie. Die Schule verfügt über einen vortrefflichen Bestand von Lehrern und sie wäre gewiß im Stande, nach dieser Richtung hin Erfreuliches zu leisten und einen hervorragenden Platz einzunehmeu. Ich halte die Ausführung dieser Idee auch für möglich, trotz der bestehenden staatlichen Schnlvorschriften. Kein anderer Zeitpunkt kann günstiger für die Inangriffnahme eines derartigen Resormprojektes sein, als der jetzige, in welchem auf allen Gebieten des Schulwesens eine heilsame Bewegung herrscht, in welcher die staatlichen Behörden erfreulicherweise der Frankfurter Stndtgemeinde die probeweise Einführung eines reformirten Lehrplanes beim Gymnasium gestattet haben. Etwaige finanzielle Bedenken werden schon dadurch erledigt, daß die Umgestaltung ein Wachsthui» der Jntraden sicherlich herbeiführen würde- Außerdem aber besitzt das Philanthropin in einige» Stiftungen gemäß deren Zweckbestimmungen Mittel genug, diesen Plan ohne Inanspruchnahme des Gemeindeärars zur Ausführung zu bringe». Es darf sogar angenommen werden, daß jenen edlen Stiftern znm Ziel der Gedanke einer derartigen wissenschaftlichen Ausgestaltung der Schule vorgeschwebt hat. Nur „was nicht nützt, ist eine schwere Last"; nur dann wird der Frankfurter Gemeinde ihre Schule als ein lästiges Anhängsel erscheinen, wenn sie dieselbe veröden und dahinsiecheu läßt. Nicht leichten Herzens zerstören sollte man, sondern suchen und prüfen, wie neues Leben zn erwecken ist; es gilt, das Vorhandene dadurch in seinem Wertste zu erhöhen, daß man es nutzbringend für Gegenwart und Zukunft zn gestalten weiß. Nur dann kau», um bei dem Dichterworte zn bleibe», die Gemeinde mit berechtigtem Stolze auf das von unser» „Väterir ererbte" Besitzthnm Hinweisen, wenn es ihr gelungen sein wird, durch selbstschöpferische Thütigkeit es neu zu „erwerben". Sie würde einen Schritt thun, der ihr selbst zur Ehre gereichen, der Vaterstadt und dem Vaterlande eme Zierde schaffen ivürde, ♦

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