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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-27 · Heft 52 (27.12.1895) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 616 (sequence 4)
Language
German
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616 Me Zukunft des Philanthrspins zu Frankfurt a. M. Ein Mahnwort von Rechtsanwalt Dr. Ernst Auerbach. 111. ben allgemeine» Gesichtspunkten ist auch auf die vgwj pekuniären Lasten mit einigen Worten einzngehen, welche de^ Gemeinde durch den Bestand derSchnle erwachse». Die Schule vermochte sich niemals ans sich selbst zu erhalten. Ter regelmäßige jährliche Zuschuß der Gemeinde war bald geringer, bald größer und wuchs namentlich in den letzten zwei Jahrzehnten. Er betrug z. B. im Jahre 1870 ungefähr 5:1,000 Mark, im Jahre 1877 41,000 Mark, 1878 ca. 47,000 Mark, stieg 1879 auf 50,500 Mark und fiel 1882 wieder ans 45,-500 Mark. Von dieser Zeit ab ist allerdings das Defizit im Allgemeinen gestiegen. Dasselbe ist im vorvergaugenen Schuljahre zu der bisher nicht erreichten Höhe von 72,200 Mark angelangt und siel im vergangenen Schuljahre wieder auf 69,700 Mark. Auch im jetzigen Schuljahre scheint das Defizit wieder sich zu verininderu; trotzdem aber, und obgleich man vielen Dingen möglichste Sparsamkeit walten zu lassen bestrebt ist, ist zu erwarten, daß in der Zukunft durch die Erhöhungen in den Lehrergehalten und die Anwachsuiig des Peiisionsetats wieder eine vielleicht größere Steigerung eintreten wird. Dies aber nur bis zu einer gewisien Grenze; denn es darf nicht außer Acht gelassen werden, daß für jede derartige Berechnung, namentlich was den Pensionsetat angeht, das muthmaßliche Durchschnitts-Lebensalter der einzelnen Lehrer in Betracht gezogen iverden muß. Hieraus aber würde sich immer eine sichere Begrenzung für jede Zahlenaufstellung der Zukunft ergeben. Und wenn auch Manchen diese Zahlen bedenklich in die Zukunft schauen lassen, so handelt es sich doch jetzt nicht darum, einen Ueberschlag zu machen, der die Rentabilität eines neu zu gründenden Unternehmens darthun soll. Die Frage ist vielmehr, ob sich die Fortführung eines gut eingebürgerten Instituts trotz schwerer, finanzieller Belastung empfiehlt. Und in dieser Beziehung kann Derjenige, welcher den obigen Darlegungen entsprechend die Erhaltung der Schule für eine Rothweudigkeit hält, ernstliche Bedenken aus einer möglicherweise sich später ergebenden zu hohen finanziellen Belastung nicht herleiteu. Es erscheint nur als die natürliche Kousequeuz dieser Anschauung, daß die Frankfurter Gemeinde auch keine Mittel scheuen, keine materielle Beihilfe sparen darf, um die Schule auf der Höhe erhalten zu Immen, welche sie jetzt eiiinimmt und gemäß den Anforderungen der Zeit einzunehmen berufen ist. Auch an sich betrachtet und vom schultechnischeu Standpunkte aus kann die Höhe des Defizits Niemanden erstaunen. Bei den großen Anforderungen, welche entsprechend den ganz veränderten Lebensverhältuisfen der heutigen Zeit, die Lehrer mit Recht bezüglich ihres Gehaltes an die Patronate der Schulen stellen, bei den auch sonst gegen früher vielfach größer gewordenen sachlichen Ausgaben ist es kaum möglich, durch Einnahmen an Schulgeld die Betriebsspesen auszngleichen. Und, wenn man im Allgemeinen sagen kann, daß überhaupt nur besonders günstige Verhältnisse einen Zuschuß entbehrlich machen, so giebt es vor allen Dingen keine höhere Knabenschule welche sich aus ihren Jntraden selbst erhalte» könnte. Die Verhältnisse in anderen Städten entziehen sich meiner genauen Kenntnis;. Die Frankfurter Stadtgemeinde aber befindet sich in derselbe» Lage, wie die israelitische Gemeinde. Nach der letzten mir zugänglich gewesenen Aufstellung betrug der seitens der Stadt Frankfurt geleistete Zuschuß bei der Adlerflychtschule (Realschule) 44,670 Mark, bei dem Nealghrnnasiinn „Musterschule" 53,700 Mark, bei dem Realgymnasium „Wöhlerschnle" 65,000 Mark, bei dem „Gymnasium" 71,500 Mark und bei der Oberrealschule „Klingeischule" 73,000 Mark. Ebenso haben auch die höheren städtischen Mädchenschulen jetzt einen Zuschuß von 10—25,000 Mark nöthig gemacht. Erwägt man nun, daß das Philanthropin eine Doppelschule (Knaben- und Mädchenschule) ist, daß diese Schule eine größere Lehrerzahl beschäftigt und haben muß, als alle die anderen, so kann man sich gewiß gegenüber diesen Zahlen über die Höhe des Defizits nicht so sehr erstaunen. Auch der Einwand kann nicht stichhaltig erscheinen, daß die Stadt Frankfurt vermögend sei und durch Steuerauflage jederzeit die Befriedigung ihrer »othwendigen Bedürfnisse ermöglichen könne. Denn bei der israelitischen Gemeinde liegen die Verhältnisse genau ebenso, wie bei der Stadt. Wie die Vermögenslage unserer Gemeinde ist, darüber läßt sich bei der Eigenthüinlichkeit unserer Gemeiiideverfassung für den Außenstehenden kein sicheres llrtheil gewinnen. Allein die Erhaltung der Schule bildet für die israelitische Gemeinde dieselbe Pflicht und Nothwendigkeit, aus welcher heraus auch die Gründung der städtischen Schulen erfolgt ist. Ebenso wie die Stadt, vermag und muß die Gemeinde die Befriedigung der nothwendigen Ausgaben durch Auflage von Steuern an ihre Mitglieder ermöglichen. Wollte mau sich etwa scheuen, eine größere Belastung eintreten zu lassen, weil mau den Austritt von Mitgliedern aus der Gemeinde fürchtet, so halte ich eine solche Befürchtung für unbegründet. Eine derartige Frivolität kann wohl im einzelnen Falle Vorkommen, niemals aber kann sie als allgemeine Möglichkeit in Aussicht genommen werden, welche der Vertrelung der Gemeinde irgendwie die Richtung ihres Vorgehens vorzeichnen könnte. Trotzdem mag es richtig sein, mit Rücksicht darauf schonend vorzugehen, daß gar Mancher über seine Besteuerung sich beschweren wird, und es auch im Interesse der Gemeinde liegt, jede Verstimmung zu verhüten. Allein dieser Gesichtspunkt fällt weg, wenn auf andere Weise der Gemeinde die nothwendigen Mittel nicht zu beschaffe» waren. Es wäre eine Verkeunung des innerhalb unserer Gemeinde lebenden Geistes, wollte inan nur einen Moment daran zweifeln, daß dem Vorstand z» jeder Zeit die vollen Mittel zur Verfügung stehen würden. Eine Gemeinde, deren Mitglieder an Opferwilligkeit zu wohlthütigen Zwecken allen übrigen Gemeinden des Staates voransteheu, eine Gemeinde, welche stolz darauf sein kann, dem edlen und hunianeu Sinne ihrer Angehörigen eine so reiche Zahl trefflich wirkender Anstalten und Slistuugen zu verdanken, kann auch fest darauf vertrauen, daß sie sich jederzeit bei der Erfüllung ihrer religiösen, ethischen und sozialen Aufgaben der thätigen Mitwirkung ihrer Glieder wird erfreuen können. Ist doch die Gründung unserer Schule selbst schon ein glänzendes Beispiel hierfür. Und dieser Geist ist auch in der neuen Zeit nicht aus der Gemeinde verschwunden. Vor einigen Jahren entstand der Plan, eine neue freisinnige Synagoge im Westende Frankfurts z» erbauen, ei» Plan, der später mit Recht deshalb von freisinniger Seite bekämpft wurde, weil durch und mit ihm Angriffe der Orthodoxie auf die freisimiigen Errungenschaften unserer Gemeinde beabsichtigt »varen. Der Gemeindevorstand hatte damals den Bau dieser Synagoge unter der Voraussetzung beschlossen, daß ein großer Theil der Kosten durch freiwillige Beiträge gedeckt würden, und die Opferwilligkeit der Gemeinde zeigte sich glänzend darin, daß aus allen Kreisen derselben reiche Beiträge zufloffen; wen» es nur an der Frage der Beschaffung von Geldmitteln gelegen hätte, wäre der Plan zur Ausführung gekommen. Man darf es daher allerdings für ganz unniöglich erklären, daß die Gemeinde jemals den von ihr für die Schule übernommenen pekuniären Lasten nicht gewachsen sein könnte. Sollten selbst — was aber auch bei Verminderung der Steuerkraft in absehbarer

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