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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-27 · Heft 52 (27.12.1895) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 615 (sequence 3)
Language
German
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615 der Alliance israelite. Es heißt in diesem Programm u. A.: „Die Güter aller Länder und Völker sind jüdisches Eigenthum. Soweit jüdische Parteien aus Opportunitätsrücksichten in der Assimilation mit den Völkern zu weit gehen, üben sie Verrath am eigenen Volke, wofür ihnen Hohn und Verachtung gebührt." Ueber die Ziele der angeblich „jüdischen Nationalpolitik" heißt es, daß zwei Länder die centralen Ausgangspunkte der jüdischen Politik bilden, Palästina, welches an der Grenze Europas, Asiens und Afrikas, nahe dem Suezkanal liegt, und Argentinien, ausersehen zur Umspannung der anderen Halbkugel." 0 sancta iümplicitas! * In Rußland ist Herr Goremykin, der kein Freund der Juden sein soll, nun doch zum Minister des Innern ernaiint worden. Ein schlimmes Neujahrsgeschenk! Wie man uns aus Paris, und zwar aus sehr zuverlässiger Quelle, berichtet, liege in Petersburger Regierungskreisen das seltsame Projekt vor, an der von Baron Hirsch ins Leben gerufenen A u s w a n d e r u n g s b e >v e g u n g der Juden ans Rußland aktiven Antheil zu nehmen. Das Projekt soll davon ausgehen, daß die jüdischen Bevölkerungselemente, besonders im Westgebiet. in wirthschaftlicher Beziehung „schädlich wirken", und daß es deshalb eine im staatlichen Gesammtinteresse gerechtfertigte Ausgabe wäre, jährlich etwa sechs Millionen Rubel aufzuwenden, um den Juden die Auswanderung zu erleichtern und denselben bei der Landertverbung in Argentinien behilflich zu sein. Soviel unser Korrespondent indessen hat feststellen können, ist in den maßgebenden Kreisen die Gegnerschaft gegen dieses Projekt eine ungewöhnlich große, so daß die Realisirung desselben so gut wie ausgeschlossen erscheint. Der Gedanke, russische Staatsmittel für die Stärkung jüdischer Kolonien in Argentinien zu verwenden, wird fast allgemein perhorrescirt, und es ist schon heute sicher, daß die Juden länger in Rußland als Herr Goremykin in seinem Ministerium bleiben ivrrden. Brrefe aus England. Von Dr. I. Chotzner in Belfast. J&V) ennft Du das Land, wo die Traktätchen blühen und wo die Inden-Mission Tausende von Pfunden jährlich ausgiebt, um selbst nur eine einzige verhungerte Judenseele für die alleinseligmachende Kirche zu gewinnen? Von diesem, mit manchen Fehlern wohl behafteten, zugleich aber auch mit vielen Vortheilen gesegneten Laiide will ich Dir, lieber Leser, von Zeit zu Zeit kleinere oder größere Mittheiluugen machen. Solche Mittheilungen, von welcher Gattung und Beschaffenheit sie auch sein möge», werden selbstverständlich speziell auf englisch-jüdische Angelegenheiten Bezug haben, damit sie erstlich der Tendenz dieser Blätter gerecht werden und dann auch den Lesern derselben manches Interessante und Wissenswertste bieten. Daß die Juden Englands, und das englische Judenthum überhaupt, in der Gegenwart eine weit größere Rolle nach innen , nd außen hin spielen, als es je zuvor der Fall gewesen, wird wohl Jeder eingestehen müffen, der den Fortschritt und die Entwickelung genall beobachtet hat, welche lvährend der letzten Jahrzehnte nach verschiedenen Richtungen hin in englisch-jüdischen Kreisen zulii Vorschein getreten sind. Um nicht allzu weitläufig zu sein, will ich hier blos auf die gegenwärtige Pflege der jüdischen Litteratur und Wissenschaft von Seite» jüdischer Gelehrten in England Hinweisen. Vor gar nicht langer Zeit konnte man in den jüdisch-litterarisch gebildeten Cirkeln auf dem Kontinente mit Recht die Scherzworte auf England auwenden x'N D’1? iö („Sie — die jüdische Lehre und Wissenschaft — ist nicht jeliscits des Meeres zu finden"), jetzt aber würden solche Worte recht lächerlich klingen, wollte man sie wiederholentlich auf dasselbe Land beziehen. Denn die jüdische Lehre, die jüdische Tradition und die jüdische Wissenschaft und Litteratur haben heutzutage in England, und liameiltlich in der englischen Metropole, recht viele Kenner und Pfleger aufzuweisen, die lveit und breit rühmlichst bekannt sind, und deren Nainen auch auslvärts einen guten Klang haben. Diese siguriren namentlich in der Londoner „Jewish Ouarterly Review", im „Jewish Chronicle", in den Annalen des Londoner jüdisch-historischen Vereins und nicht selten auch in litterarischen Blättern, die hier und da auf dem Kontinente erscheinen, so daß die besagten ironischen Worte nicht mehr auf England passend angewendet iverden können. Anderseits muß mau aber auch eingestehen, daß nicht alles hier Gold ist, was glänzt, und daß wir neben den vielen Lichtseiten auch manche Schattenseiten auszuweisen haben. Diese sind aber meistcntheils durch äußere Umstände geschaffen und herbeigeführt worden und drohen eine Dunkelheit ins Dasein zu rufen, die immer größere Dimensionen einniinmt. Ich meine die Reaktion, tvelche in jüngster Zeit im jüdisch-religiösen Leben und im jüdische» Gottesdienste hier zu Lande eingetreten ist. Seit dem Beginn der unfreiwilligen Auswanderung so vieler unserer Glaubensgenossen aus dem „heiligen Rußland" hat sich eine recht bedeutende Anzahl derselben, wie in verschiedenen anderen Ländern, auch in fast allen Theilen des britischen Reiches permanent niedergelassen und daselbst eine neue Heimath für sich gegründet. Nun stehen aber die meisten dieser neuen Ankömmlinge auf einer nicht viel höheren Bildnngsstufe als ihre ehemaligen russischen Landsleute, die den niedrigsten Schichten der Bevölkerung angehören, und wie diese, so sind auch jene in ihrer Weise abergläubisch, bigott und fanatisch im höchsten Grade. Von einem geläuterten, Gott und Menschen gesälligen Judenthum haben sie nicht die geringste Idee und wolle» auch keine haben, da sie sich in ihrer Dummheit und Unwissenheit ganz glücklich fühlen. Ihnen sind die unschönen, ja oft ekelerregenden Bräuche, welche jeder einigermaßen gebildete englische Jude schon längst in die Rumpelkammer der Vergessenheit geschleudert hat, viel wichtiger als gar manche Satzung der Bibel. So findet z. B. ein solches eingewandertes jüdisches Individuum keine Sünde darin, seine Waaren am Sabbath feil zu bieten oder am selben Tage Cigaretten in offener Straße zu rauchen. Daffelbe Individuum würde aber Zeter schreien, wollte man es wagen, in seiner kleinen, schmutzigen Synagoge während des Mussafgebetes am Neujahrsfeste weniger als hundert Schofartöne (fWpfi ÜXö) zu blasen. Solche und ähnliche absurde Gebräuche, die man mit Recht Auswüchse oder die „verdorrten Gebeine" des Judenthums nennen kann, werden jetzt im ganzen britischen Reiche von großen Massen eingewanderter Glaubensgenossen im Hause und in der Synagoge mit strenger Rigorosität beobachtet, und sie dienen nicht selten manchen englischen Tagesblättern zur Zielscheibe des Hohns und Spottes gegen das gesammte Judenthum. Dieses Hebet wächst von Jahr zn Jahr und droht, in allen Ecke» und Enden des Landes sich permanent einzubürgern, worüber die jüdische» Leiter und Tonangeber in unserer Mitte höchst besorgt sind. Letztere haben aber, wie es scheint, augenblicklich einen Plan vor, der geeignet sein dürfte, dem besagten Hebet, wenigstens im Osten von London, einen Einhalt zu thun. In einem meiner nächsten Briefe will ich ans diesen Gegenstand noch zurückkommen.

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