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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-27 · Heft 52 (27.12.1895) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 52 (27.12.1895)
Date
1895-12-27
Page
Seite 614 (sequence 2)
Language
German
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614 Auch in 3k<ien, dem einzigen Lunde des Kontinents, in das der Antisemitismus überhaupt noch keinen Eingang gefunden hat, habe» die Inden an den nationalen Festen dieses Landes lebhaften Antheil genoimnen, ebenso ivie sie an der Politik und am öffentlichen Leben dort sehr lebhaften Antheil nehmen. Es soll nicht unvergessen bleiben, daß trotzdem bei allen öffentlichen Prozessen der letzten Jahre nicht ein einziger Jude betheiligt war. In den Dvnauländern ist auch in diesem Jahre keine wesentliche Veränderung der Lage der Inden eingetreten. Die Ritualmordfabel hat, wie üblich, in Bulgarien und in Rumänien ihr Haupt erhoben, aber sie hat keinen Schaden angerichtet, weil es alsbald gelungen ist, die wahren Attentäter zu entdecken. Schüchterne Versuche, den Antisenütisinns in Bulgarien einzusühren, sind inißlnngeii. Ob die Inden in Rumänien Grund haben, sich über den Sturz des Ministeriums Cartagi, das ihnen sogar die öffentlichen Schulen zu verschließen suchte, zu beklagen, wird erst die Folgezeit lehren. Die großen Hoffnungen, welche die Juden in Rußland auf den Regierungswechsel gesetzt, sind bis jetzt leider nicht in Erfüllung gegangen, doch ist es nicht in Abrede zu stellen, daß sich auch im Zarenreiche im Ganzen eine mildere Praxis in der Ausführung der Judengesetze geltend gemacht hat. Kenner der Verhältnisse hegen die Zuversicht, daß eine gesetzliche, auf humanen Prinzipien ruhende Regelung der jüdischen Angelegenheiten in diesem Reiche in nicht zu ferner Zeit in Aussicht stehe. Ans den Ländern des Orients ist in diesem Jahre nichts Bemerkenswerthes zu berichten, dagegen hat man in Amerika den europäischen Antisemitismus neuerdings, glücklicherweise aber ohne jeden Erfolg, zu iniportiren versucht. Erfreulich sind die Nachrichten, welche uns über unsere Glaubensgenossen in Australien zukommen, die in den Ländern, in denen sie wohnen, eine angesehene Stellung eiiinehmen. Indem wir nun dazu übergehen, einen Blick auf die innere» Verhältnisse des Jndenthnms im abgelaufenen Jahre zu werfen, bemerken wir, daß auch hier keine großen und entscheidenden Ereigniffe sich vollzogen haben. Das charakteristische Moment ist auch in diesem Jahre der der allgemeinen Zeilstrvmung entsprechende Zug nach Rechts geblieben, der sich fast überall bei Gemeinde- und Rabbinerwahlen, in Versammlungen und Vereinen geltend macht. Auf dem Konvent der jüdischen Gemeinde in Amerika leitete di Rede eines Advokaten Leon R. Levi gegen die Reforni ein, welche iu Amerika immer weitere Fortschritte macht, dagegen hat das Jubiläum der Berliner Resormgemeinde auch die innere Lebenskraft dieser Richtung von Neuem bewiesen. Einen erfreuliche» Einigungsversuch bildete die israelitische Landessynode in Baden. Auch sonst sind zur Konsolidirung der Verhältnisse vielfache Anläufe »uternommen, die Aussicht auf guten Erfolg haben, wie der deutschisraelitische Lehrecbund, der baierische und rheinische Rabbinerverbaud, der Gemeindeverband in Böhmen, die erfolgreich wirkende amerikainsche Rabbinerkouferenz u. A. Auf dem Gebiete des geistigen Lebens ist der schöne Aufschwung der Litteraturvereine nach wie vor das erfreulichste Resultat dieses Jahres. Tie Begründung eines Museums für jüdische Alterthümer in Wien, einer jüdischen Lesehalle und Bibliothek in Berlin dürfen aus diesem Gebiete ebenfalls als erfreuliche Ereignisse verzeichnet werden, während auf sozialem Gebiete das Wirken der freien Vereinigung, die in diesem Sommer in Hamburg tagte, und die Begründung eines Vereins für Arbeitsnachweis gute Aussichten für eine wirksame Organisirung der Selbsthilfe bieten. Das Jahr 1895 ist, ivie wir bereits Eingangs bemerkt haben, nach keiner Richtung ein inhaltreiches oder bedeutsames gewesen; wir hegen mit unseren Lesern und Freunden den Wunsch, daß das kommende Jahr die äußere Lage der Juden verbessere und ihnen dadurch Muth und Kraft gebe, ihre inneren Verhältnisse in einer, den großen Aufgaben und Zielen entsprechenden Weise zu ordnen. Berlin, 24. Dezember. fie hohe Politik hat Ferien, und auch in den Blättern, die das ganze Jahr hindurch Krieg gegen ihre andersgläubigen Menschenbrüder führen, wird es in diesen Tagen heißen: Friede auf Erden! Nur aus einem einzigen Lande, aus Baden, tönt »och ein Nachhall der letzten parlamentarischen Debatten hinaus. Die badischen Antisemiten haben sich die Mühe nicht verdrießen lassen, wiederum den berühmten Antrag auf staatliche Prüf» ng » ud lieber - setzung des Schulchan Aruch eiiizubringen. Die zweite Kammer hat denselben mit allen gegen zwei Stimnien — nämlich die der Antragsteller — abgelehnt. In der Debatte hat namentlich der nationalliberale Führer, Landgerichtsdirektor Fieser, den Antrag lebhaft bekämpft und dabei den Antisemitismus für eine Schmach und Schande erklärt. Es wäre lebhaft zu wünschen, daß alle seine Parteigenossen ldeuso dächten und sprächen. Auch die sächsische Landesvertretung hatte sich mit einer Petition wegen Uebersetzuug des Schulchan Aruch zu beschäftigen, ohne daß selbst in Dresden der Erfolg ein anderer gewesen wäre. Den Bericht erstattete Abg. Dr. Dittrich Namens der Deputation, die der Kammer vorgeschlageu, die Petition auf sich beruhen zu lassen. Graf zur Lippe widersprach der Auffassung der Deputation und stellte den Antrag, die Petition der Staatsregieruug zur Kenntnißnahme zu überweisen. Abg. v. Frege wünschte gar, daß das Orientalische Seminar in Berlin mit der Uebersetzuug betraut werde. Nach Schluß der Debatte erfolgte die Abstimmung über den Antrag Lippe, der mit großer Mehrheit abgelehnt wurde; der Deputationsantrag wurde sogar einstimmig angenommen. Wohlgemerkt: Einstimmig, sogar in Sachsen. Was nun? * Der antisemitische Redakteur und Herausgeber des „Deutschen General-Anzeiger", der Urgermane Sedlatzek, hat neuerdings eine Anklage wegen Beschimpfung der jüdischen Religionseinrichtungen erhalten, die in einem Artikel, betitelt „Der jüngste Ritualmord", der in Nr. 80 erschien, enthalten sein soll. Sedlatzek hatte sich übrigens gestern vor der 7. Strafkamnier des hiesigen Landgerichts II wegen schwerer Majestätsbeleidigung zn verantworten. Man sieht es deutlich: Antisemitismus und Anarchismus sind Brüder; der elftere ist eine Vorfrucht des letzter». Unzweifelhaft wird Herr Sedlatzek auch diesmal erklären, daß er nur die Rasse, nicht die Religion der Juden gemeint habe, wie er dies schon einmal getha», um der Verurtheilung zu entgehen. * Die „Tägliche Rundschau" druckt mit Wohlbehagen das Programm einer „Jüdischen Nationalpartei für Galizien", das einem Lemberger polnischen Blatt entnommen ist und das von zionistischer Seite ebenso für eine Fälschung erklärt wird, wie das s. Z. von den Antisemiten gefälschte Manifest

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