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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-20 · Heft 51 (20.12.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Großbritannien. b. London^ im Dezember. Sir Samuel Montagu hat abermals den Vorsitz in einem der Vereine niedergelegt, denen er präsidirte. In der letzten Sitzung des Religions Education Board wurde ein Schreiben von Montagu verlesen, worin er die Vizepräsidenlschaft in diesem Komitee niederlegt, und von diesem Briefe mit Bedauern Kenntniß genommen. — Am Sonnabend, 7. Dezember, hielt Mr. Theophil G. Pinches vom Britischen Museum in der Jewish College Literary Society einen sehr interessanten Vortrag über „Seitenlichter aus babylonischen und assyrischen Bibliolheken auf jüdische Geschichte". — Unter Vorsitz von Dr. Aveling (Schwiegersohn des bekannten Sozialisten Marx) fand am Sonntag, s. Dezember, ein Massenmeeting der jüdischen Gewerkvereinler Trade Unionists statt, um gegen die Resolution zu protestiren, die der letzte Kongreß in Cardiff bezüglich der fremden Einwanderung gefaßt hatte Es wurde eine Deputation von Arbeitern gewählt, die das Arbeiterdepartement im Ministerium besuchen und über die wirkliche Sachlage aufklären soll. — Im Monat November blieben 3279 fremde Einwanderer in England, gegen 2736 im November 1894. Amerika. C. H. New-Aork, im Dezember. Die Gemeinde Rodeph Shalom in Philadelphia veröffentlicht ihren Jahresbericht, wonach sie gegen 5)00 Mitglieder zählt. Mit der Synagoge sind einige Vereine verbunden, worunter die Auxiliary Society, welche die Ordner (Usliers) stellt und die Gemeindeentfaltung zu fördern sich zur Aufgabe macht, der Lesezirkel und endlich der Chautauqua-Zirkel am bedeutendsten sind. Der letztere, vielfach über das ganze Land verbreitet, besteht aus jungen Leuten, die sich vereinigen, um nach einem ihnen gelieferten Plane jüdische Geschichte und Litteratur zu studiren. Der Gründer dieses Zirkels ist der Rabbiner dieser Gemeinde, Dr. Henry Berkowitz. — Im Staate Tennessee giebt es eine ziemliche Anzahl von Seventh Day Adventists. Diese sind eine Laptistensekte, welche an die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Jesu glauben und den jüdischen Sabbath halten. Wiederholt sind Anhänger dieser Sekte, weil sie am Sonntag auf ihren Farmen arbeiteten, zu einer Geldstrafe und, da sie sich aus Gewiffensgründen weigerten, dieselbe zu bezahlen, zu Zwangsarbeit verurtheilt worden. Es erweckt daher allgemeine Befriedigung, daß neulich fünf wegen Sonntagsarbeit angeklagte Adventisten von der Jury in Dayton, Tennesse, freigesprochen wurden. Der Fall hat auch für Juden eine Bedeutung. Die Sonntagsgesetze fast aller Staaten der Union enthalten die Klausel, daß Personen, welche einen anderen Tag als den ersten Tag der Woche heilig halten, von den Bestimmungen der Sonntagsruhe ausgenommen sind. — Die Gemeinde Beth-El in Detroit, Michigan, hat den Sonntagsgottesdienst aufgegeben und hält wieder Freitag-Abendgottesdienste mit Predigt. Der Rabbiner der Gemeinde, Dr. Louis Großmann, läßt seine Vorträge im Druck erscheinen. In dem ersten derselben spricht er von dem Sonntagsgottesdienst als einem Jrrthum, der auf Verkennung gesellschaftlicher Macht beruhe.— Die Erben des verstorbenen Jacob Ottenheim er beschlossen, die von ihrem Vater beabsichtigte Schenkung auszuführen und haben 50 Acres (20 Hektar) den Zwecken einer in Forest Park, Pennsylvania, zu errichtenden Sommerschule gewidmet. Im Dezember soll im Tempel Beth-El in New-Z)ork ein Komitee zusammentreten, um nähere Anordnungen über die Errichtung der Schule zu treffen. — In Milwaukee, wie in vielen anderen amerikanischen Städten vereinigen sich verschiedene Kirchen, um den Nationalfeiertag am letzten Donnerstag im November zu feiern In diesem Jahre sollte die Feier im Tempel Emanuel abgehalten werden. Der Rabbiner Dr. Hecht stellte die Bedingung, daß die Geistlichen in ihren Reden spezifisch christliche Dogmen nicht berühren sollten. Deshalb zogen sich die meisten zurück, nur ein Baptistenprediger und zwei Prediger einer Kongregationalistengemeinde halten an dem Uebereinkommen fest und werden am 28. November in der Synagoge predigen. Einer der letzteren, Herr Titsworth, vertheidigte in einem Briefe Dr. Hecht's Wunsch als vollkommen berechtigt. — Frau Ruth Ward Kahn hielt Freitag, am 8. November, im Tempel zu Evansville, Indiana, einen Vortrag über die Hawaii-Inseln. — Die jüdische Gewerbeschule (Jewish Training School) in Chica g o versendet ihren sechsten Jahresbericht. Die Schule, die unter der tüchtigen Leitung Professor Gabriel Bamberger's steht, ist nicht eine Gewerbeschule im gewöhnlichen Sinne, denn sie lehrt nicht spezielle Hand-! werke, sondern allgemeine Handfertigkeit neben allgemeinen Kenntnissen, j Sie ist mitten in dem von polnisch-russischen Juden bewohnten Stadtviertel gelegen, enthält acht Klassen und war im letzten Jahre von 900 Schülern besucht. Ihre Bilanz weist in Einnahmen und Ausgaben 38,000 Dollars auf, ihr Vermögen beläuft sich auf 42,000 Dollars. Von Nah und Fern. Der Kaiser hat dem Sanitätsrath Dr. Julius Wohl den Rothen Adler-Orden 4. Klasse verliehen. — Der Rentier Theodor Lustig und der Direktor der Preußischen Hypotheken-Bersicherungs-Aktiengesellschast Jakob Dannenbaum, in Berlin, sind zu Handelsrichtern, der Kaufmann Siegmund Borchardt, der Bankier Dr. jur. Paul Arons, zu Berlin, zu stellvertretenden Handelsrichtern bei dem Landgericht I in Berlin ernannt. — Kommerzienrath Lissauer hat dem Magistrat die Mittheilung gemacht, daß seine Mutter im Sinne ihres verstorbenen Gatten, des Stadtverordneten Lissauer, der Stadtgemeinde Berlin die Summe von 20,000 M. zu wohlthätigen Zwecken testamentarisch vermacht habe. — Gegenüber einer Mittheilung der „Köln. Volksztg.", in der Verwaltung der Stadt Breslau sei der jüdische Einfluß maßgebend, von den 101 Stadtverordneten Breslaus seien über 40 jüdischen Glaubens, und von den 6 0 Wählern der ersten Abtheilung seien gegen 400 Juden, versichert die „Bresl. Ztg.": „In Wahrheit sind unter den 97 Mitgliedern, welche die Stadtverordneten-Versammlung gegenwärtig zählt, nicht über vierzig, sondern 17 jüdischer Konfession; bei den Wahlen erster Abtheilung betrug die Zahl der Wähler nicht 650, sondern 492, und von diesen war die weitaus überwiegende Zahl christlicher Konfession." — Auf Ersuchen des Synagogen-Gesangvereins in Wiesbaden, der sich auch die Pflege des geistigen Lebens zur Aufgabe setzt, hielt Herr Stadt- und Bezirks-Rabbiner Dr. Silber stein am 10. d. M. einen Vortrag „Gabriel Rießer, ein Anwalt des Rechts",dem ein sehr zahlreiches, auch nichtjüdisches Publikum beiwohnte. Dem Antisemitenführer, Instituts-Inhaber und Gemeinderath Josef Feichtinger in Graz, wurde von der Landesschulbehörde die Kon zession für sein Institut, ein Untergymnasium, entzogen, da er keine- Rechenschaftsbericht, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist, vorlegte und keil Lehrkräfte bestellt hatte. Seit Jahresfrist hatte er nur mehr einen Schule und dieser Schüler des großen Antisemitenführers war ein — Jude. — Der Budapester Advokaten und Sekretär der israelitischen Landes-Kanzle' Dr. Josef Simon, wurde der Titel eines kaiserlichen Rathes ver liehen. — Am 30. v. M. starb in Verbocz, Kymitat Neutra, Rosalü Findler im Alter von 108 Jahren. Trotz ihres hohen Alters halt sich die Frau bis in die letzten Tage geistige Frische bewahrt. Di Verblichene betrauern ein 74jähriger Sohn, eine 64jährige Tochter 14 Enkel und 28 Urenkel, sowie die ganze Gemeinde, da sie stets di Armen unterstützte. — Der Kaiser von Rußland hat den Aerzte am jüdischen Hospital in Warschau, Dr. I. Kinderfreun und Dr. L. Chwat, den Wladimirorden IV. Klasse verliehen. - Der König von Schweden hat den Vorsteher der Synagogengemeind zu Stockholm, Herrn Salomon Elkan zum Ritter des Wasa-Orden ernannt. Diese Auszeichnung, die in seiner Gemeinde lebhafte Freut erregt, ist sicher in Anerkennung der großen Verdienste erfolgt, die fit Herr Elkan um das Gedeihen des Gemeindewesens erworben hat. - Ein Akt wahrhaft fürstlicher Munificenz wird uns aus Paris berichte Die „Alliance Israelite Universelle" hat feit Jahren einen Penstonsfon für Lehrer, deren Wittwen und Waisen, der bis jetzt 81,387 Mm Mark erreicht hat. Diesem Fonds hat nunmehr Herr S. H. Goldschmid der Präsident der Alliance, die Summe von 200,000 Frcs. zugewende; Außerdem hat derselbe Wohlthäter für eine Schule in Galata 150.000 Frcgespendet. — Der bereits signalisirte Rücktritt des Stadthauptmam von Petersburg, Wahl, wird von den zeitweilig nach RußlarK ' kommenden Handelsreisenden jüdischer Konfession, denen Wahl stets eiH großes Entgegenkommen gezeigt hat, wenn dieselben sich genöthigt saheni ihren Aufenthalt in der Residenz wichtiger Geschäfte wegen zu verlängere sehr bedauert. — Außer dem Leibarzt des Sultan, Elias Pascha, führe noch zwei Israeliten in der Türkei den Titel Pascha, nämlich d- Generaldolmetsch der Pforte und der Chefarzt der Kaiserlichen Marine. Dr. Hei ne mann ist als Lektor der deutschen Sprache an der Otag Universität in Dunedin (Neu-Seeland) angestellt worden. Druck und Vertan von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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