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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-20 · Heft 51 (20.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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59. Jahrgang. Ar. 51. Berlin. 20. Dezember 1895. Werkcrge zur „Allgemeinen Zeitung des IuöentHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 18. Dezember. Im jüdischen Krankenhause sind die daselbst befindlichen 30 Kinder anläßlich des Chanukahfestes durch die Ehrendamen am 15. Dezember durch Spielzeug und sonstige nützliche Gegenstände beschenkt worden. Eine besondere Feier war nicht angängig, weil die Kinder fast sämmtlich durch ihre Krankheit an das Bett gefesselt sind. Die Vertheilung geschah durch Frau Julie Gerson und Frau Dr. Frankl. — Im Schwestern heim des „Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen", August-Straße 17, findet heute, Abends 8 Uhr, eine Chanukahfeier statt, bei welcher Herr Rabbiner Dr. May bäum die Festrede halten wird. Der Vorsitzende, Herr Albert Philipp Meyer, wird eine Ansprache halten und mehreren Schwestern, welche ihre Ausbildung vollendet haben, das Vereinsabzeichen (Broche mit roth emaillirtem Mogein David) überreichen. Die Schwestern werden durch den Verein, sowie durch die einzelnen Vorstandsmitglieder reich beschenkt; auch der Vorstand des Krankenhauses hat für die im Krankenhause thätigen Schwestern und Schülerinnen ansehnliche Geldgeschenke bewilligt. Die Feier findet in Gegenwart der Vorstandsmitglieder und einer Zahl geladener Gäste statt, welche sich um den Verein besonders verdient gemacht haben. Der Verein zählt heute 10 ausgebildete Schwestern, welche Privatpflege, und zwar erheblich Armenpflege, ausüben, und 11 Schülerinnen. — Bei dieser Gelegenheit theilen wir noch mit, daß der verstorbene Rentier M. Röhmann dem Krankenhause ein Legat von 12,000 Mark für eine Bettstiftung vermacht hat. * Berlin, 15. Dezember. Im „Verein Berliner Volksschul- Lehrerinnen" hat die Frage der Beschäftigung jüdischer Lehrkräfte an den Berliner Gemeindeschulen zu einer Krisis geführt. Der Gesammtvorstand hat seine Aewter niedergelcgt. In der zur Neuwahl des Vorstandes einberufenen außerordentlichen Hauptversammlung am ll.d.M. zeigte sich ein scharfer Gegensatz der Meinungen. Die bisherige Vorsitzende und die beiden Schriftführerinnen, die s. Z. gegen die vom Verein angenommene Erklärung zu Gunsten der Anstellung jüdischer Lehrerinnen waren, wurden mit großer Mehrheit wiedergewählt; die übrigen fünf Vorstandsmitglieder schieden aus. — Dieser Ausgang der Angelegenheit kann nur ein Gefühl aufrichtigen Bedauerns Hervorrufen, des Bedauerns darüber, daß die Lehrerinnen aus Gründen, welche mit den idealen Zielen ihres Berufes wahrlich nichts zu thun haben, sich selbst und dem freiheitlichen Geiste, der ihnen erst ihren Wirkungskreis erschlossen, ein solches Dementi geben. Es ist traurig, daß die Damen ihren jüdischen Kolleginnen gegenüber keinen andern Standpunkt finden konnten, als den der engherzigsten reaktionären Gesinnung. R. Berlin, 17. Dezember. In der letzten Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" referirte Kollege Flanter über die Beschlüsse der Kommission für den Empfang der Delegirten. Die Bereinigung beschloß, die Herren Delegirten zu einem Festkommerse für den Abend des 25. d. Mts. einzuladen; auch bildete sich zur Begrüßung der Herren ein Quartett sangeskundiger Mitglieder. Hierauf wurde auf Antrag des Vorstandes die Generalversammlung ausnahmsweise auf den Januar verschoben, da bereits zwei Versammlungen im Dezember stattsanden; sodann wurden die Mitglieder Dr. Blaschke und Tichauer zu Kassenrevisoren erwählt. Nun folgte das eigentliche Thema des Abends, der Vortrag des Kollegen Klein über „Religion und Moral." Die wissenschaftliche, vorzüglich gelungene Arbeit des Redners mag hier in kurzem Auszug folgen. Der Referent gab zunächst den Begriff der Religion und stellte fest, daß sie ein natürliches Erzeugniß des menschlichen Seelenlebens ist. Bei jedem Menschen ist eine Aufnahmefähigkeit für Religion vorhanden, also auch bei allen Völkern. Sind nun bei einem Volke die Bedingungen für diese Aufnahmefähigkeit besonders günstig, so wird sich dasselbe bald einer geoffenbarten Religion erfreuen dürfen. Uebergehend auf die Religion des Judenthums, erwähnte der Redner, daß dieselbe nach dem Auftreten Mosis nichts Fertiges, jede Weiterentwickelung Ausschließendes war, vielmehr eine Erscheinung, deren Zug durch die Geschichte deutlich zu erkennen ist. Wie sich aber auch diese Erscheinung verändern möge, als Kern der Religion bleibt: Es giebt einen Gott, der als ein ewiges,. rein geistiges Wesen die Welt erschaffen hat und regiert. Wie nun der Glaube an die Existenz Gottes als Unbedingtes, Ewiges und Reingeistiges eine Folge unseres Denkens ist, so ist die Bestimmung unseres Verhältnisses zu ihm wesentlich dem Gefühle entsprossen. Es läßt Gott zu unserem Vater sein, der seinen Kindern gebietet, sich zu bestreben, heilig zu werden; ja es gestaltet unser gesummtes Denken anthromorphistisch. Ganz speziell aber spiegelt sich Israel in dem Verhältnisse zu Gott, das wieder seinen wahren Ausdruck findet in dein Verhalten zu den Nebenmenschen in der Moral. Die Moral ist die Werthbestimmung des Menschenlebens, sie entspringt aus dem Bewußtsein der Menschenverbrüderung und der gleichen Rechte Aller. Möge nun auch dieses Lebensideal sehr oft an den Uebeln der Welt scheitern, so brauchen wir doch die Hoffnung auf Verwirklichung desselben niemals auszugeben. Nachdem der Herr Referent in weiteren Ausführungen die verschiedenen philosophischen Begründungen der Morallehre vorgeführt und widerlegt hatte, führte er aus, daß die Moral ihre Begründung einzig und allein in der Religion finden könne, weil sie allein den ganzen Menschen erfaßt und ihm ein Lebensideal vorschreibt. Sie allein macht ihn tugendhaft im Entsagen, wie im Genuß. Da der Mensch sich als Abbild des vollkommenen heiligen Wesens fühlt, so ist er sich wohl bewußt, daß sein Wille sich dem Willen seines Vorbildes unterordnen muß. Wenn nun aber gefragt wird Kann ein Mensch, der sich zu keiner Religion bekennt, Moral besitzend so sei mit einem entschiedenen „Ja" zu antworten. Diese Meinung wiederspreche nicht dem Vorhergesagten; denn es giebt keinen Menschen, der nicht von Religion beeinflußt ist, da der Hauch derselben unsere gesammte Erziehung durchweht. Nachdem Herr Klein seinen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag beendet hatte, entspann sich eine lebhafte Diskussion, die erst in später Nachtstunde abgebrochen und vertagt wurde. Erfreulich war wiederum das Interesse und die rege Betheiligung der Vereinsmitglieder, deren Zahl übrigens durch Beitrittserklärungen sich stetig erhöht. b. Berlin, 16. Dezember. In der neuesten Nummer der Vierteljahrsschrift des preußischen Statistischen Amts erscheint ein Artikel von Freiherrn v. Firks über die Verhältnisse in Aegypten — nachseinen, auf einer Reise gewonnenen Eindrücken. Dabei erwähnt er auch die Juden, deren Zahl er zutreffend auf ca. 30,000 Seelen beziffert, und behauptet, daß deren Erwerbszweige, abgesehen von wenigen Großhändlern und Bankiers, deren gemeinnützige Thätigkeit er rühmt, hauptsächlich der Wucher wäre. Schon wiederholt haben wir bei Freiherrn v. Firks, ein so bedeutender Statistiker er sonst ist, eine Voreingenommenheit gegen die Juden beobachtet, die seinen klaren Blick und sein Urtheil getrübt hat. So geht es ihm auch wieder bei dieser Sache, denn wenn er in Kairo auch nur im Bazar gewesen ist, so mußte er die zahlreichen jüdischen Handwerker gesehen haben, sowie die große Zahl der armen Juden, die als Haustrer rc. sich ihr Brod kümmerlich verdienen. Ganze Straßen im Bazar sind nur von jüdischen Handwerkern besetzt, z. B> die Goldarbeiter, die zu den Karäern zählen, besitzen sogar ein ganz kleines Viertel für sich, unter den eingewanderten rumänischen Juden ist wieder die Zahl der Cigarettenarbeiter sehr groß rc. Die Vorwürfe des Herrn von Firks gegen die ägyptischen Juden sind ungerecht, und damit nicht die hiesigen Antisemiten Kapital daraus schlagen, mußte diese Thatsache öffentlich festgestellt werden. Xx. Aus der Provinz Posen, im Dezember. In der kürzlich abgehaltenen gemeinschaftlichen Sitzung des Vorstandes und der Repräsentanten des jüdischen Wohlthätigkeitsvereins in Buk wurde einstimmig beschlossen

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