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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-20 · Heft 51 (20.12.1895) · p. Seite 612

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
Seite 612 (sequence 12)
Language
German
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612 zornig d'rüber. Aber wir haben ihm gesagt: „Wer kümmert sich um Geschwätz?! Fragt man Euch, so könnt Ihr antworten, Ihr wißt von nichts! Und das Gleiche werden Reb Leib und sein Weib! antworten. Dafür sorgen wir." Ta hat er sich wieder beruhigt. Also das läßt Euch Mendele sagen!" Leib athmete tief ans. „Darum seid Ihr gekommen?" fragte er erleichtert. Aber so weltfremd, um dies zu glauben, war selbst er nicht. „Nur darum?" „Natürlich," erwiederte Meyerl. „Und dann — natürlich! — wegen derBedingungen. Also —aber da muß wohl auch Euer Weib dabei sei»?!" Freudestrahlend holte Leib sie ans der Küche herbei. Sie aber, so sehr sie innerlich jubelte, konnte sich doch nicht enthalten, ihm zuzuflüstern: „Ein Schlemihl bleibst Du deshalb doch! Und die Bedingungen mach' ich aus!" Er wiedersprach nicht und hörte still zu, während Chane die tausend Gulden Wittwengeld für Miriam, ferner statt der dreißig nun fünfzig Gulden Aussteuer erkämpfte, weil sie Meyerls Erscheinen mit Recht als Beweis dafür deutete, wie sehr es dem greisen Bräutigam um eine rasche Ordnung der Angelegenheit zu thun sei. Aber unruhig wurde der Kleine, als nun Meyerl sagte: „Was aber verlangt Ihr für Euch? Ihr sagt, Ihr wollt erst Sonntag darüber reden. Warm» erst da? Ist das gar so angenehm siir Reb David und Euch? Ich mach' Euch einen Vorschlag: Ihr bekommt vierhundert Gnlden und gebt davon fünfzig für Mendele und zehn für mich. Aber nun sagst auch gleich: „Ja!" und bedankt Euch schön!" Das aber thaten sie beide nicht. Mit dnnkelgeröthetem Gesicht schielte Leib nach seinem Weibe hin, und auch sie schwieg, weil sie sich erst die Sache zurechtlegen mußte. Darum also war Meyerl gekommen, — die vierhundert Gnlden waren offenbar schon dem Alten abgerungen. „Vierhundert!" begann sie dann, „aber davon nur vierzig für Euch beide —" „Nein!" rief Meyerl. „Lieber mag nichts aus der Sach' werden! Wer armen Menschen den ehrlichen Lohn nicht gönnt —" „Still!" unterbrach ihn Leib, „ob wir was fordern, sagen wir Sonntag Reb David selbst!" Und als Chane losbreche» wollte, tviederholte er fast gebieterisch: „Still!" Diesmal ließ sie sich nicht einschüchtern. „Wir gehen vorher zum Rabbi und lassen ihn entscheiden!" rief sie. „Wißt Ihr, was er will?!" ivandte sie sich an Meyerl, als wollte sie ihn zu Hilfe rufe». Aber Leib hatte auch davor kein Bange»; in dieser Frage gehorchte er ja „Seiner" Stimme. „Nichts will ich," sagte er. „Ihr könnt es Jedem sagen!" Und er schritt aus der Stube. Starr vor Staunen blickte ihm Meyerl nach. „Ist er verrückt?" fragte er dann. Sie zuckte die Achseln. „Das findet sich noch!" sagte sie, aber es klang etwas unsicher. Dann verabredeten sie, daß die Verlobungs-Akte schon am Vormittag des Sonntag bei Mendele unterschrieben werden sollte». Denn am Nachmittag mußten sie ja der vielen Gäste wegen wieder daheim sein. Als Meyerl gegangen war und Leib wieder in die Stube kani, begann sie ihn abermals zu bestürmen. Ob er denn gar so viel ans Mosche's Großmnth baue? „Nein," erwiederte er, „aber auf Ihn! Und da wird Dir auch der Rabbi nichts nütze»! Was Er will, weiß ich selbst so gut, daß es mir nicht zehn Rabbiner besser ansdeuten können. Auch meine Seele ist vor dem Sinai gestanden und hat Seine Stimm' gehört!" Sie schwieg. Mit Grunde» des Glaubens ließ sich ja dagegen nicht ankämpfen. Tie Macht des Rabbi ist unendlich groß, wenn es sich um die Einhaltung der Tausende und Abertausende von Geboten und Verboten des Ceremoninls handelt; in Gewissensfragen übt er geringere Macht als irgend ein anderer Priester. Den» alle jüdischen Seelen sind „vor dem Sinai gestanden"; jeder Einzelne in diesem Volke fühlt sich seinem Gott nah und bedarf keines Mittlers zwischen sich und seinem Herrn. Um die Mittagsstunde fand sich der vierte Besuch ein, dieser freilich nicht unerwartet. Seit das Ehepaar in der Schänke von Winkowze hanste, kam auch die lange Kasia Freitag Mittag aus Halicz herüber und blieb bis Sonntag Morgen bei ihnen. Denn sie war ihre „Schabbesgvje", das heißt: die christliche Dienerin, die alle Verrichtungen im Hanse besorgte, die ihnen ihr Glaube am Festtag verbot, namentlich die Lichter zu löschen, die Gäste zu bedienen, Geld zu empfangen oder anszngeben. Für manches arme Christenweib im Osten bedeutet ein solcher armseliger Posten den einzigen Lichtpunkt in einem Leben voll unsägliche» Elends; ob sie die Woche über noch so viel hungern und frieren mag, am Sabbath wird sie satt und hat's behaglich warm, denn da ist jede Judenstube geheizt und der Tisch darin gedeckt, und wenn sich's die Leute die Woche über vom Munde abdarben oder am Freitag pfennigweise zusammenbetteln müßten. Darum sind alle Versuche einzelner Priester und Beamten dem Juden die „Goje" zu verbieten, fruchtlos geblieben; er braucht sie und sie braucht ihn; um jede solche Stelle, und sei's selbst bei dem Aermsten, ist ein eifriger Wettbewerb, zudem ja auch der Dienst leicht und die Behandlung gut ist. Streitigkeiten sind äußerst selten, das Verhültniß zwischen Herrin und Dienerin oft genug ein menschlich schönes, trotz des ungeheuren Gegensatzes aller Anschauungen, trotz der Ueberzeugung Beider, daß die Andere eigentlich der geringere Mensch sei, schon weil sie keinen richtigen Glauben habe. Die „Goje" gehört trotzdem zur Familie und fühlt sich so, lernt auch allmälig die Gebräuche, sogar die Sprache ihrer Herrschaft. Auch die lange Kasia nahm es, was Treue und — Verjudnng betraf, mit jeder Staudesgenossin in Podolicn auf. Eine schier unabsehbare Reihe von Freitagen war seit jenem ersten vergangen, wo einst die noch blühende Chane aus einer ganzen Schaar von Bewerberinnen gerade die junge Wäscherin zum Dienste im Hanse Weihnachtskuchen erkoren. Es war geschehen, weil ihr das hagere, überlange Geschöpf mit dem häßlichen, eckigen Gesicht gar so leid that; alle hatten's nöthig, aber die am meisten. Eine Wäscherin, — das ist ja ein Geschäft, dessen Gedeihen überall auch von den landesüblichen Reinlichkeitsbegriffen abhängt, und darum ist es in Podolien die sichere Anwartschaft auf viel Muße und noch mehr Hunger; noch schlimmer erginge cs dort höchstens Einem, der sich vom Handel mit Seife ernähren wollte. Nun, so verrückt ist Niemand, aber als Wäscherin versucht sich Manche durchzubringen, im Vertrauen auf die Prinzipientrene und den Idealismus ihrer Mitmenschen. Denn im Prinzip ivechseln die jüdischen und christlichen Bürger alle vierzehn Tage das Hemde, und es fehlt auch dort an Idealisten nicht, die meinen, daß man es mindestens im Sommer allwöchentlich thun sollte. Aber wo bleiben im Drange des Lebens Grundsätze und Ideale! . . . Kurz, Chaire ivußte, was sie that, daß sie gerade die Wäscherin von Halicz erwählte, und hatte dies auch nie zu bereuen. Die Kasia erwies sich als anstellig und wußte sogar an dem Tage, wo sie allein i» der Schänkstube waltete, Gäste anzulocken, die sich sonst nicht eingefunden hätten. Das aber geschah wahrlich nicht durch den Zauber ihrer äußeren Erscheinung, sondern den ihres Geistes; die Klatschmäuler von Winkowze freuten sich, von ihr zu erfahren, was die Woche über in Halicz geschehen, und dies um so mehr, als sie in dieser Thätigkeit während des Sabbaths den entgegengesetzten Effekt von dem verfolgte, dem ihre Arbeit während der Woche gewidmet war; die Ereignisse von Halicz wurden unter ihren Händen nicht reinlicher und nahmen sozusagen Farbe an. . . (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudols Messe in Berlin. Verantwortlich sür die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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