Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228146--52441-3273235- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
611 bürgern völlig gleichgestellt, sie wiirdeii zu öffenllichen Aemtern zugelassen und nahmen a» den Studien der provencalischen Gelehrtenireise theil. Die romanische Litteratuc wirkte ans die jüdischen Gelehrte» ein. lind wenn Joseph Kimchi als der Erste das alte Vokalsystem verlies; und die Vokale in fünf lauge und fünf kurze eintheilt, so war er hierzu jedenfalls durch die Einwirkung des rouiauischen Sprachidioms veranlaßt worden. Joseph Kimchi und seine Nachfolger beherrschen nunmehr die grammatische» Studien. (Bergt. Bliith, Joseph Kimchi und seine Grammatik, Magazin für die Wissenschaft des Jndenthums 1891.) Sie gelten als unerreichte Muster. Daher datirt die Eiutheilung der Vokale in lange und kurze. Kimchi's Syst m ist folgendes: Lange Vokale: Kurze Vokale: Kamez gadol entspricht Patliacli gadol Zere „ Segol Cholem „ Chateph Kamez Schurek „ Kibbuz Chirek mit Jod „ Chirek ohne Jod Hier finden wir das sogenannte sephardische oder portugiesische System der Aussprache. Nach den am Anfänge gemachten Bemerknngen ist das sogenannte polnische durch Territorialeinflüsse aus diesem entstanden. Was die Name» der Vokale anlangt, so sind alle tonbcschreibend, anßerSegol, welches die Gestalt beschreibt (^IZO ^Traube). Wahrscheinlich ist Letzteres eine spätere Erfindung, während die anderen (außer Kibbuz, welches von Joseph Kimchi herrührt) wahrscheinlich in Tiberias entstanden sind. So bedeutet Patliacli „Oeffnung" sc. des Mundes, Zere-Scheber „Spalt", „Riß", Chirek „Knirschnng", Choleni „Verschluß" (auch Melo Pum „Vollfülle des Mundes), ähnlich Kamez „Zusammendrückung" und zwar entweder des Gaumens an die Kehle, so daß ein in o getrübtes a entsteht, wie die Slave» das lange a anssprechen, oder Zusammendrückung des Mundes, so daß ein reines o entsteht; Schurek „Pfiff", Kibbuz „Zusammenziehung des Mundes." e_ jgfi minruwii MMM w JÜkLfJTlUAJ iißmlill™ im I 1 FEUILLETON & 1 nrammmnuaiii SSIMuillflfflll — .. MiMWMmtlMlwMnIlMIMMMmLMlIiIMklMMiffMMWMMMMffMMM — 1 — > MUMMiijSZ IlMMMlzL Leib Mcihnachtskuchen und fein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) achdem der „Schnorrer" ein fünftes Glas geleert, erhob er sich; die Nase war nur noch ein wenig röther, aber er wankte nicht. „Ihr seid ein braver Mensch, der seine Pflicht thnt," sagte er herablassend. „Das verdient Belohnung. Ich Hab' hier einen Brief für Euch von Reb Mosche, dem Halsabschneider. Der elende Kerl giebt mir zwei Kreuzer und sagt: „Dafür müßt Ihr diesen Brief bestellen. Es steht was Gutes darin, Reb Leib wird Euch also gut aufnehmen." Ich aber denke: „Gut ausnehincn muß mich dieser Leib, weil ich ein Gast bin; knickert er, so geb' ich ihm den Brief nicht, es ist ja was Gutes drin— soll ich Schlimmes mit Gutem belohnen? Nun — Ihr verdient es — hier ist der Wisch!" Der Russe reichte ihm das Schreiben hin und ging. Mit bangem Herzen erbrach Leib das Siegel und las. Er traute seinen Augen nicht, aber da stand cs wirklich und wahrhaftig in den verschnörkelte» Zügen der hebräischen Carsivschrift: „Lieber Freund! Hossenttich habt Ihr nicht ernst genommen, was ich Euch am Montag gesagt Hab'! Ich war, wie Ihr wißt, schlechter Laune, aber etwas zu thun, was einem allen Freund nnangenehm wäre, fällt mir natürlich nicht ein. Ich bitte, verzeiht mir den Aergcr, den ich Euch vielleicht dadurch bereitet habe. Es soll mir ein Vergnügen sein, Euch den Wechsel für so lange zu prvlongiren, als Ihr nur irgend wollt. Euer Mosche Erdkugel." Leib starrte sassungslvs vor freudigem Staunen auf das Blatt. Dan» eilte er in die Küche. „Lies!" rief er u»d reichte de» Brief seinem Weibe hin. Auch über ihr vergrämtes Antlitz flog ein Schimmer der Freude. Dann aber fragle auch sie: „Was geht da vor?! Mosche ist plötzlich Tein Freund und hat's Montag nicht ernst genieint?!" „Es steht ja da," sagte er fröhlich, „also muß es wahr sein." Sie schüttelte den Kopf. „Er wird vvii der Sach' mit Reb David gehört haben," erwiedertc sie besorgt. „Und das ist nicht gut! Reb David möcht ja. daß cs noch ein Geheimnis; bleibt, will am Ende gar nichts mehr davon ivisse» . . . Aber iver kann's unter die Leut' gebracht haben?!" Der Kleiiie wurde bleich; ein Zittern überlief ihn. Sie sah ihn befremdet a». „Dnrch wen hast Du gestern den Brief an Mcndclc geschickt?!" brach sie gellend los. Die Rene iiiid die Furcht überwältigten ihn so, daß er sich an die Wand lehnen mußte und nnwitltürlich die Augen schloß. Mit bleicheir Lippen gestand er: „Durch . '. . durch Hirschele!" „Schlemihl!" brach sie gellend los; so heißt im Jargon ein Mensch, der dnrch sein Ungeschick ins Uiiglück geräth. „Du hast uns alle zu Grunde gerichtet!" Und ein Hagel von Vorwürfen jauste auf ihn nieder. Gesenkten Hauptes ließ er ihn über sich ergehen, ohne ein Wort der Vertheidigung zii wagen. Und cs fiel ihm auch keines bei. Sic hatte Recht, er war ein „Schleniihl". Slnnnu schlich er, nachdem sie sich müde geschrieen, hinaus und sank auf das Bänkchen vor dein Hause. Einen Trost fand er auch nun nicht; in dieser Roth versagte sogar der Gedanke an Ihn. Halte Er ihm befohlen, gerade Hirschele Krakauer zuiii Boten zu wählen?! So saß er »och lind starrte betrübt vor sich hin, als er Plötzlich seinen Namen rufen hörte. Bar ih»r stand ein seltsames Männchen in zerschlissenem Kaftan; an Wuchs und Zartheit der Glieder ein Knabe, aber das häßliche Gesichtche» wies tausend Furchen und in das Fuchsroth des Bartes mischten sich weiße Fäden. Das war Meyerl Spazierstock, der Gehilfe und Botcnlüufer Mendeles, zugleich sein Ausspürer, der unablässig unterwegs war, um Namen nnb Verhältnisse der Heirathsbedürftigen auf zwanzig Meilen im Umkreis zu erkunden. Leib sah das grinsende Gesicht des Männchens n»r wie dnrch einen Nebel, so sehr flimmerte es ihm vor dem Blick. „Nun läßt lins Mendele die Sach' aiissagen," dachte er schaudernd. Aber Meyerl bemühte sich im Gegentheil, eine möglichst freundliche Miene zu ziehe». „Gottsivillkoiiim!" rief er. „Sag't Jhr's nicht mir, jo sag' ich's Euch! . . . Wie geht's? Was macht unsere schöne, dicke Braut?" „Danke!" stammelte Leib. „Was . . . was bringt Ihr?" „Gutes natürlich!" Das Männchen warf sich in die Brust. „Wenn wir was in die Hand nehme», so geht's glatt! Leicht habt Jhr's uns wahrhaftig nicht gemacht! Was reitet Euch der Teufel, es unter die Leut' zu bringen? Reb David war auch sehr