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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-20 · Heft 51 (20.12.1895) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
Seite 610 (sequence 10)
Language
German
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610 Wir finden diese Variationen in der Aussprache keineswegs nur im Hebräischen, vielmehr lassen sich selbst bei Icbenbcn Sprachen territoriale Einflüsse bei der Allssprache genau konstatiren. Der Dstprenße spricht von Albing und Königsbarg nnd meint Elbing imb Königsberg. Auch variirt dos polllische System vielfach, indem inan in Litthauen statt des Cholem, welches nach der polnischen Allssprache nn lantet, oi spricht. Bekannt ist allch, daß in gelvissen Gegenden ,,!.ehm" „Leim“ gesprochen wird. „Leim“ dagegen „Lam“, „lahm“ „lolim“ n. s. w. Variirt also die Anssprache der Vokale scholl in Iebenben Sprachell in hohem Maße, so wird die Entscheidung, lvelches die richtige Allssprache des Hebräischen, also einer tobten Sprache, sei, noch weit schwieriger. Die Frage nlnß daher anders gefaßt lverden: Wie hat man zu der Zeit gesprochell, als die hebräische Sprache lloch zu den lebenden gehörte, oder: giebt es in der Litteratnr Zeugnisse über die Art unb Weise, wie das Hebräische in der aenaunteu Zelt gesprochen wurde? Tie Schlvierigkeiten lverdeil hier ilicht geringer: Wenn nur nälnlich Zeugnisse über die Allssprache besitzen, so ftauuncii diese alls einer Zeit, die voll der ttassischell Zeit der hebräischen Sprache lveit entfernt ist. In einer lebenden Sprache bietet die Feststellung der Aussprache keine Schlvierigkeit. dagegen kann das Urtheil darüber, welln die Sprache zll leberl allfgehört hat, nur ein relativ richtiges Lin, und ist meistentheils durch malnligfache Einflüsse getrabt. Der echte Ring ist dann — imb wahrscheinlich für immer — verloren. Jedoch, je näher eine Vorschrift über die Anssprache der klassischen Zeit steht, desto autoritativer ist sie. Wie hat nun die Septuaginta das Hebräische gelesen? Wir finden als Ersatz für bzn in der Septuaginta vAfr). Abel, nnd könnten somit konstatiren, daß das anlantende Segol dem Pathacli ähnlich gesprochen wurde, wofür wir auch ans der Zeit der spanischen Grammatiker l's. lveiter unten) Beweise haben. Demnach tuutbe das n nicht als ein spiritus asper ausgesprochen. Wenn die Septuaginta für DHD liest, so ließe sich wiederum konstatiren. daß das Schwa mobile mit dem, dem folgenden langen Vokale entsprechenden kurzen ausgesprochen wurde, ferner, daß die Aussprache des Cholem wie o lautete. Doch ist hier Folgendes nicht außer Acht zu lassen : Erstens: bei jeder Uebertragnng in eine andere Sprache leidet die Ursprache. Wir erkennen in Hasdrnbal eine Verballhornung von dem phönizischen entsprechenddenl hebr. in Hannibal eine Umwandlung ans SkTjiX entsprechend dem hebr. S^;n. Mithin werden auch bei der Umschreibung hebräischer Namen bunt) die Septuaginta Territorialeinflnsse vorgekonnnen sein. Zlveitens: ist der Text der Septuaginta keineslvegs festgestellt. Die Handschriften variiren unter einander und von den Trnckausgaben, bezüglich der Vokale, in zahlreichen Fällen. Wie hat nun der Talmud das Hebräische ausgesprochen? Bekanntlich zieht der Talmud fremde Wortfamilien in den Kreis seiner Untersuchnngen. So wird das Wort des Moses Rum. 20, 10 D^TIfcn Kj U'EtT vom Midrasch gedeutet, als ob Moses das griechische laöooj gemeint habe (Echa Rabb. Sect. 31, Bamidb. R. Sect. 19), woraus zu schließen wäre, daß der Midrasch Cholem wie o gesprochen hätte. Der Name Jethro's biTESlB wird von (Licht) abgeleitet, wonach Jethro ein Diener des Sonnentempels gelvcsen lväre; häufig findet sich p mit IV umschrieben, so daß der Talmud das Zere *= e gesprochen hätte. Im Anschluß an Talm. babli b. Nedarim 10b, zur Stelle pbinb wird gewarnt, daß man in 1^27, das b nicht mit Palliacb spreche, da dies eine ominöse Bedeutung hätte. Dies kann nur dahin verstanden lverden, daß der Talmud pSin $b und dementsprechend — tib vermeiden lvollte (für das chaldäische entsprechend dem hebr. lau — nicht). Mithin würde Karne/ a zu lesen sein. Allein alles dieses ist nicht beweiskräftig. Dem Talmud liegt hier offenbar die Absicht fern, Leseproben zn geben, sein Zweck ist nur, durch Assonanzen und Wortspiele homiletischen (nnd auch halachischen) Deutungen Nahrung zu geben. Weit autoritativer, wenn auch nicht zur absoluten Wahrheit und zum erwünschten Ziele führend, sind die Anhaltspunkte, welche sich ans der jüdisch-arabischen Litteratnr ergeben. Hier begegnen wir zum ersten Male ernstwissenschaftlichen grammatischen Bestrebungen. Hier vereinigen sich die natürlich verwandten Stämme der Juden nnd Araber wieder, das Hebräische wird mit dem Arabischen verglichen, nnd hier mögen auch alte, echt jüdische Traditionen über die richtige Anssprache zu neuem Leben erwacht sein. — Die jüdisch-arabischen Grammatiker haben keine Kenntniß von zwei total verschiedenen Systemen der Aussprache. Hier ist die allgemeine Ansicht, daß das Hebräische, entsprechend dem Arabischen, nur drei Grundvokale hat, nämlich a, i nnd u. Tie arabischen und jüdisch-arabischen Grammatiker haben hier einen glücklichen Griff gethan, indem die neueste Sprachphhsiologie fast bis zur Evidenz belviesen hat, daß diese 3 Vokale allgemein die Grundvokale in »allen Sprachen bedeuten, (vgl. Will). Viktor, Lehrbuch der Phonetik). Jehuda Halevi stellt im Kusari II, 80, nach der damals üblichen Anschauung folgendes System auf: Die drei Grundvokale heißen: ^272-NN^L — pjöp, Kamoz heißt „Zusammendrückung", Peticha „Oeffnnng", Schober „Brechung". Zum Grundvokal Karno/ gehört Karne/, Cholem, Schurek; zum Grundvokal Peticha gehört Pathacli nnd Segol und zum Grundvokal Scheber gehört Chirek und Zere und tf. Bemerkenswert!) ist, daß somit nach Ansicht der arabisch-jüdischen Grammatiker die Gesammtzahl der Vokale sich auf 7 beläuft, welche sie D'obft HJDvT (die sieben Könige) nennen, wahrscheinlich, weil die Vokale die Konsonanten regieren. Ein Unterschied zwischen kurzen und langen Vokalen ist bei diesen Grammatikern nicht vorhanden. Jbn Esra stellt das gleiche System auf, nur die Termini technici der Grundvokale variiren: Dein Kamoz bei Jeh. Halevi entspricht hier Cholem, die Peticha heißt hier Patach gadol, der Scheber wird Chirek genannt. Da nun Jeh. Halevi das Karne/ und Cholem als demselben Grnndvokal angehörig bezeichnet und ibu Esra diesen Grnndvokol sogar mit Cholem bezeichnet, so darf man hieraus schließen, daß Cholem nnd Karne/ eine nicht sehr von einander variirende Aussprache hatten. Mithin wird das Karne/ keineswegs als langes a ausgesprochen worden sein, sondern wie o, d. h. weit näher dem polnischen, als dem sephardischen Systeme. Jbn Esra berichtet auch, daß die Bewohner von Liberias allein diese Anssprache des Karne/ wie o verstünden, wie sich überhaupt in Liberias die richtige Aussprache stets erhalten hat. Dort war der Sitz der Masoreten und Sprachgelehrten, dort wurde auch das einfache Schwa mobile mit dem, dem folgenden langen Vokale entsprechenden kürzeren ausgesprochen, also QN2 Sodom, wie in der Septuaginta. Jbn Esra hat sicherlich auf seinen Reisen auf diese Frage der Anssprache sein Augenmerk gerichtet, so daß seinem Zengniß unbedingt Glauben beizumessen ist. Ehajjug auch bezeugt, daß das Cholem zwischen Karne/ und Schurek in der Mitte liege, was ebenfalls für die Richtigkeit der eben vermnlheten Anssprache des Karne/ zeugen dürfte. Daß die hebräische Sprache drei Grundvokale habe mit sieben Untervokalen, war bei den jüdisch-arabischen Grammatikern feststehende Norm. Als die Almohaden in Südspanien einfielen, waren die wissenschaftlichen Bestrebungen in Spanien gehemmt, und ein großer Theil der spanischen Inden wanderte nach der Provence aus. Unter diesen befand sich der Grammatiker Joseph Kimchi, der in Narbonne seinen Wohnsitz aufschlng, der Vater des berühmten David Kimchi (pY"0- Die proveuhalischen Juden waren ihren christlichen Mit-

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