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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-20 · Heft 51 (20.12.1895) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
Seite 609 (sequence 9)
Language
German
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609 Juden im Staate ist die gegenwärtige Zeit wahrlich keine glänzende. Auf allen Gebieten zeigen sich Erfolge der antisemitischen Bewegung, und namentlich die Stätten deutscher Wissenschaft, die nnsern Vätern direkt und indirekt Belehrung und Bildung verschafften, sind ein Tummelplatz wilden, leidenschaftlichen Hasses geworden. Mehr noch wie früher gilt es daher im jetzigen Augenblicke, zu zeigen, daß auch das Judenthnm eine tüchtige, harmonische Geistes- und Herzensbildung gewähren kann, und nichts zu unterlassen, was darauf hinzielt, die Gesammtheit der jüdischen Jugend zu deutscher Bildung hinznleiten, ohne deshalb die Grundlagen des Judenthums verleugnen zu wollen. Je höher die Wogen des Antisemitismus gehen mögen, desto sicherer bleibt gegenüber der Allgemeinheit die Pflicht, tüchtige, rechtliche und edeldenkende Frauen und Männer zu erziehen. Ihr ruhiges, selbstlose? Wirken wird jederzeit die beste Antwort auf rohen Haß und zügellose Anfeindungen sein. Auch heute bedarf daher die Gemeinde der thätigen Mitwirkung der Schule nach innen und außen. II. Wer dies für richtig hält, braucht eigentlich die Frage garnicht auszuwerfen, ob seitens der Mitglieder der Gemeinde ein Bedürfniß für das Bestehen der Schule anerkannt wird. Denn wenn die Gemeinde eine innere Pflicht hat, die Schule zu erhalten, so braucht sie hierfür nicht erst die Anregung von ihren Gliedern zu empfangen; sie selbst soll mit der Schule imb durch dieselbe führen. Aber die Schule ist auch wirklich Bedürsiiiß der Mitglieder der Gemeinde geblieben. Man hört oft die Behauptung, zur Zeit der Gründung möge die Schule ein Bediirfniß gewesen sein, hellte aber, lvo wir eine stattliche Anzahl städtischer höherer Schulen besitzen, die den Juden ebenfalls zugänglich sind, habe sie teinen Zweck. Hierin liegt ein doppelter Jrrthnm. Gute, städtische Schillen, welche Jlldeii aufnahmen, hatten wir inrmer, wenn auch nicht in der unserer helltigen Bevölkerungsziffer entsprechendeii Zahl; daß Mancher sich ihnen in der Neuzeit zum Schaden unserer Schule zugewandt hat, liegt au anderen noch zu erörteruben Gründen. Daß aber keine Rede davon sein kann, daß etwa das Bedürsiiiß unter der Genieinde im Jahre 1807 größer gewesen sei als in beit späteren Zeiten, wird schlagend durch eine Betrachtung der Frequenz bewieseli. Ich will hierbei die älteren Zeiten, in denen naturgemäß der Schulbesuch noch ein sehr schwacher sein mlißte, ganz außer Betracht lassen, sondern nur von der neueren Zeit sprechen. Im Jahre 1860 hatte die Schule 652 Zöglinge (445 Knaben Mid 207 Mädchen), im Jahre 1870 zahlte sie 703 Schüler, und zwar 441 Knaben und 262 Mädchen, unb erreichte in Jahre 1878 ihre höchste Frequenz mit 873 Zöglingen, unter welcheii sich 485 Kliaben und 388 Mädchen befandkn. Bon diejer Zeit ab ging der Besuch, anfangs wechselnd, später stetig, zurück und gelangte mit dem Beginne der 90er Jahre wieder zu einer nur um kleine Zifferii bifferirenben Stetigkeit. In diesem Schllljahre besuchen noch 559 Kinder die Schule, nämlch 372 Knaben und 187 Mädchen. Die höchste Blüthe der Schule siel also immerhin in die Neuzeit. Bor 17 Jahren noch erfreute sie sich des stärksten Besuches, welchen sie überhaupt hatte; damals stand sie in ganz besonderen! Ansehen, welches ihr auch das Vertrauen jüdischer Familien aus allen Theilen des Jnnnd Auslandes sicherte und viele auswärtige Zöglinge zuführte. Die Zahlen beweisen aber auch für die Gegenwart. Die Zahl von 559 Kindern ist gewiß im Verhältnisse klein, und es mag auch anerkannt werden, daß ein meiterer Rückgang der Frequenz möglich erscheint. Allein es ist zu beachten, daß die Zahl der verschiedenen Familien eine bedeutend größere ist, welche im Laufe der letzten Jahre ihre Kinder zur Schule geschickt haben und sie daher später auch dorthin senden werden. Und hiervon abgesehen. Wenn es auch kaum 400 Knaben und nicht ganz 200 Mädchen sein sollten, für welche die Schule besteht, so kann inan wohl die Frage aufwerfen, ob man deshalb eine Schule gründen soll; aber auch diese Anzahl dürfte mehr als genügend sein, die Forterhaltung allein zu rechtfertigen. Man darf annehmen, daß die Eltern dieser Kinder nicht ohne inneren Grund ihre Kinder gerade dieser Schule anvertrauen, daß sie vielmehr auf dein Standpunkte stehen, der vor Zeiten ihre Gründung bewirkte und ihre Lebensfähigkeit erhielt, und daß sie ihre Kinder in diesen Grundsätzen erzogen wissen wollen. Daß es aber namentlich ein freisinniger Geist ist, der die überwiegende Mehrzahl dieser Gemeindeinitglieder erfüllt, hat am besten die im vorigen Winter stattaefundeue Abstimmung über die Abschaffung des Sonntagsunterrichtes dargethan. Dieser wenn auch noch so kleinen Zahl gegenüber hat die Gemeinde die Pflicht, für einen regelrechten Unterricht, wie er in der Schule und durch dieselbe gesichert ist, zu sorgen. Dadurch allein werden alle Diejenigen der Genieinde und ihrem religiösen Leben erhalten, welche noch einen Werth darauf legen, ihren Kindern eine auf Grundlage freisinniger und religiöser Ueberzeugung basirte Jngendbildung zu gewähren. Andernfalls würden diese gezwungen werden, entweder auf jede derartige Bildung zu verzichten oder ihre Kinder in die Schule der „Religionsgesellschaft", das heißt also in die Hochschule des religiösen Fanatismus und der äußersten Orthodoxie zu senden. Eine solche Wirkung märe ein bedauernswertster Schlag gegen die freisinnige Vergangenheit der Genieinde, die jederzeit in der energischsten Bekämpfung jener Orthodoxie eine ihrer besten Aufgaben erblickt hat. Dies zu verlneideu, ist die Gemeinde ebenso sich selbst, wie dem Vaterlande schuldig. Hierfür genügt es aber auch durchaus nicht, wenn die Gemeinde etwa für freiwilligen Religionsunterricht an sänuntlichen städtischen Schulen sorgen oder die Schule in eine Religionsschule nmwandeln würde. Denn, wie schon mehrfach betont, nicht der Religionsunterricht allein ist es. der gewährt werden soll, sondern eine auf seiner Grundlage aufgebaute harmonische Bildung, wie sie eben nur erreicht werden kann, wenn derselbe in den systematischen Lehrplan der Schule eingeführt ist. Hierzu kommt noch, daß sowohl die Religionsschulen, als auch der außerhalb des gewöhnlichen Lehrplans der anderen Schulen stehende jüdische Unterricht in der Religion erfahrungsgemäß wenig Entgegenkonunen seitens der Eltern und der Kinder findet. (Schluß folgt. Me Aussprache der hebräischen Vokale. Vortrag, gehalten in der Verbandssttzung der Rabbiner Oberschlesiens, von Rabbiner Dr. A. Loewenthal in Tarnowitz. f ie Frage, welches die richtige Aussprache der hebräischen Vokale sei, ist keineswegs alt. Die jüdischen Grammatiker ans alter Zeit kennen die Scheidung in portugiesische oder sephardische und polnische Aussprache noch nicht. Erst im vorigen Jahrhundert finden wir den ersten Versuch, die richtige Aussprache zu finden, in einem kleinen Merkchen eines Amsterdamer Lehrers, Moses Treitel Lemans, der in seiner Schrift nBl^S (die geläuterte Aussprache) die alleinige Nichtigkeit der sogenannten sephardischen Anssprache, freilich mit wenig stichhaltigen Gründen, zu beweisen sucht. Für immer auch muß die Frage unentschieden bleiben, wenn man daran geht, die Richtigkeit der einen oder der andern Aussprache beweisen zu wollen; gar häufig ist dann der Beweis die Behauptung. Vielmehr kann man der Wahrheit nur näher kommen, lvenn man untersucht, wie eigentlich die beiden verschiedenen Systeme entstanden sind. h a i

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