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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-20 · Heft 51 (20.12.1895) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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606 boH ihnen die durch das Sloolsgruudgesetz gewährleisteten Rechte ungeschmälert und nicht verkümmert zutheil werbein Hierin allein läge die geeignete Reinedur gegen das zügellose Treiben der Antisemiten. Nimnit die nun bis zur Tollheit exaltirte Menge mit eigenen Siinitii wahr, daß die Regierung und deren Organe unentwegt und unbeirrt im Sinne der Slaalsgrundgeseße in der Verwaltung und Justiz die volle Gleichberechtigung walten läßt, so wird die Ernüchterung bald enitreten, wahrend bis jetzt die Volksverführer ein leichtes Spiet hatten, indem sie darauf Hinweisen konnten, daß die passive Haltung der öffentlichen Organe gegenüber ihrem ungllnlifizirbaren Benehmen einer Zustimmung oder gar Gutheißung gleichkomme. Thatsächlich war die Annahme eine allgemeine, daß die Antisemiten sich eines."mächtigen Rückhaltes vergewissert haben, weil es sonst unbegreiflich wäre, daß diese Horde den schrankenlosesten Ansbrüchen wildester Leidenschaft sich hingeben könne, ohne hierin von irgend einer Seite ernstlich gestört zu werden. Wohin das führt, sehen bereits die gegenwärtig am Ruder befindlichen Staatsmänner ein. Der anr 1. Dezember stattgehabte Straßenskandal antisemilischer Weiber illustrirt zn deutlich die Gefahren, Denen wir entgegengehen, wenn nicht so rasch und energisch als möglich diesen Ausschreitungen ein Ende gemacht wird. Es Liegen auch thatsächlich Anzeichen dafür vor, daß nunmehr im besser als bisher verstandenen Interesse der allgemeinen Wohlfahrt mit allen zulässigen Mitteln darauf wird hingearbeitet werden, den gesellschaftliche!! Frieden endlich wieder herzustellen. Bezeichnend durfte diesbezüglich eine Ansprache sein, die Rektor- Kick auf einem Studentenkommers am 1. Dezember gehalten hat. Außer ihm war kein Professor anwesend. Dies berührte die Studentenschaft recht unangenehm und es wurde in der Festrede, die ein Student hielt, die Abwesenheit der akademischen Lehrer als eine „Liebedienerei nach Oben" bezeichnet. „Diese Abwesenheit drücke nur" — antwortete der Rektor — „das Bedauern darüber aus, daß jene einträchtigen Verhältnisse, welche seinerzeit in der deutschen i Studentenschaft Wiens bestanden, zwiespältigen Strönmngen gewichen sind, die solche ausschließen, welche gleich uns Jahrhunderte im Lande wohnen, welche deutsch denken und mit uns fühlen. Dies und keineswegs Liebedienerei sei der Grund für das Fehlen der Professoren die cs vermeiden wollten, durch ihr Erscheinen die gerügte Strömnug in der Studentenschaft gleichsam zn billigen. Es lag nur daran" — so schloß der Rektor seine in der heutigen Zeit bedeutsame Rede — „die Studentenschaft über meine Auffassung nicht im Zweifel zu lassen, damit ich nicht in Versammlungen geladen werde, die meinem Wünschen und Denken wiedersprechen. Mögen jn zehn Jahren dieselben Zustände wieder herrschen, wie vor zehn Jahren!" Hierauf entfernte er sich. Diese Ansprache des Rektors Kick war eine That. Sie wird auch nicht ohne wohlthuende Wirkung bleiben, wenn auch im ersten Momente manche erhitzten Köpfe sie unwillig aufnahmen. Die ruhige Ueberlegung wird auch diese zur Besinnung bringen. Aber es tritt nun auch an die Juden die ernste Mahnung heran, sich ihrer Aufgabe in dieser Zeit furchtbarer Bedrängniß bewußt zu werden. Diese Aufgabe läßt sich kilrz präzisiren: Integrität und Durchsichtigkeit in jedem äußeren Thun; Erleuchtung und Läuterung des innern Wesens durch Vermittler der ewigen Wahrheiten, ivelche die Religion des Sinai lehrt; Streben nach vorwärts im Sinne der Ansklärnng nnd der auf die Veredlung und ans den Fortschritt der Menschheit hinarbeitenden Wissenschaft. Das Martyrium des jüdischen Volkes ist gleich alt mit seiner Diaspora. Als Maimonides um die Mitte des 12. Jahrhunderts von seinen Glaubensbrüdern in Südarabien befragt wurde, was in der schweren, bittern Zeit, von der sie heimgesucht wurden, zu ihun sei, antwortete er in einer Epistel: Diese Zeiten seien von den Propheten vorhergesehen worden, und in Bezug auf diese bricht Jes. 21, 4 in die Klage aus: „Es wankt mein Herz, Entsetzen durchzittert mich, der furchtbare Abend setzt mich in Schreckenaber für die. welche keinen Zweifel aufkommen lassen und im Glauben keine Einbuße erleiden, gilt Daniels Wort, XII, 10: „Es werden sich abheben, reinigen nnd läutern Viele; nur fürder freveln die Frevler, und die Frevler werden es nicht begreifen; die Verständigen hingegen es begreifen." Ja wohl, die Einsicht ist für uns in heutiger Zeit niehr denn je erforderlich. Diese zn erlangen, muß unser vornehmliches und unausgesetztes Streben sein. Kein Verzweifeln, kein Schwanken und Wanken, ausharreu, standhaft sein, tute der Ruf Gottes an Josun lautete, muß die Losung der österreichischen Judenschast sein. Mit uns ist die Wahrheit, die Gerechtigkeit, ist Gott, der nicht schlumiuert und nicht schläft! T. *%■ Bericht über dir am 20. nnd 2J. November stattgefmideue Konferenz der „israelitischen Lehrer und Kultnsbeamtrn des Uegiernngsbezirks Köslin". am 20. und 21. v. M. tagte der Verein „Israel. Lehrer und Kultusbeamten des Regierungsbezirks Köslin" in Schievelbein. Von Seiten der dortigen Gemeinde wurden die Mitglieder des Vereins aufs Freundlichste empfangen. Vor Eintritt in die Tagesordnung begrüßte der Vorsitzende des Vereins, Herr Rabbiner Dr. H ahn-Stolp, mit warmen Worten die Vereinsmitglieder, wie auch die zahlreich anwesenden Mitglieder der Gemeinde Schievelbein Bei den: kurzen Rückblick auf die Thätigkeit des Vereins, gedenkt der Vorsitzende mit innigen Worten der Anerkennung des so früh verstorbenen Dr. Hoffmann s. A. „Wie er nicht nur ein thätiges, eifriges Mitglied unseres Vereins war, wie er sein bedeutendes Wissen bereitwilligst in den Dienst des Vereins gestellt, wie er allen ein Vorbild in der Friedensliebe war, soll dem Vereine unvergeßlich bleiben." Die Versammlung ehrt durch Erheben von den Plätzen das Andenken dieses unvergeßlichen Mitgliedes. Mit herzlichen Worten wurde hierauf die Versammlung von Herrn Salomon-Schievelbein begrüßt. Redner betcnt besonders, daß die Gemeinde Schievelbein das Streben des Vereins lobend anerkenne und darin mit dem Vereine eins sei. Es folgte nun die von Herrn Prediger Karnerase-Belgard gehaltene Lehrprobe über: „Moses Mendelssohn", die eine lebhafte Diskussion veranlaßte. Nach gemeinsam verrichteter Andacht erhielt dann Herr Dr. Joseph so hn Lauenburg das Wort zu seinem Vortrag. „Ueber Ziel und Methode des Unterrichtes in der jüdischen Geschichte." Von einer Diskussion über denselben wurde Abstand genommen. Nachdem der Vorsitzende dem Herrn Vortragenden Namens des Vereins gedankt hatte, berichtete Herr Dr. Hahn als Referent: „Ueber unsere Stellungnahme zu dem Allg. D. I. Lehrerverband." Jn eingehender Weise erörtert derselbe die vorbereitenden Schritte, die unser Verein in Verbindung mit dem Lehrerverein für Ostpreußen gethan hat, um eine Aenderung der Leitsätze des zu begründenden „Allgemeinen Lehrer- Verbandes", nach welchem nur Vereine, welche mindestens zwanzig staatlich geprüfte Lehrer zählen, das Recht zur Entsendung eines Delegirten zur „konstituirenden Versammlung am 24. und 25. in Berlin" haben sollen. Die Versammlung beschließt en bloc die Zustimmung zu den vom Vorstande unternommenen Schritten und spricht dem verehrten Vorsitzenden den wärmsten Dank für die gute Vertretung der Interessen des Vereins aus.

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