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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-20 · Heft 51 (20.12.1895) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 51 (20.12.1895)
Date
1895-12-20
Page
Seite 605 (sequence 5)
Language
German
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605 für die guten Kinder hängen. — Kein Märchenbuch und kein Bilderbuch, ganz abgesehen von de» direkt religiösen, in dem nicht eine oder mehrere Schilderungen des Weihnachtsfestes stünden, und das mit gutem, vollem Rechte. — Da muß nun eingegriffen werden. Es soll eben Bilder- und Märchenbücher geben, die das religiöse Monient vollständig unberührt lassen, nur die kindlich-sittliche Erziehung im Auge behaltend. Und nur solche sollen jüdischen Kindern geschenkt werden. Nur solche? Warum soll unser Kind nicht auch religiös durch Märchen erzogen werden? Wenn es in einem Lebensmomente leicht ist, das Herz des Menschen religiös zu stimmen, ihm die sichere religiöse Grundlage zu verleihen, so ist es in jenen jungen Jahren, da Herz und Seele noch ein unbeschriebenes, reines Blatt, das sich unschllldig und offen der Erziehung darbietet. Wie benutzen wir Juden diese Jahre? Gar nicht. Wir begnügen uns, dem Kinde den Unterschied zwischen gut und schlecht einzuprägen, den Gottesbegriff oberflächlich einzuimpfen, das ist alles. Von einer tiefergehenden, eingreifenden religiösen Erziehung leine Spur. Die Eltern können es ja auch nicht. Weder haben sie die genügende Muße, noch die Fähigkeit dazu, dem Kinde die ersten bleibenden religiösen Eindrücke zu geben. Im christlichen Hanse,füllt diese Lücke das Bilder-, Märchen- und Lesebuch aus, die die Sagen und Mythen der Religion in unzähligen Formen enthalten. Die jüdischen Kinder müssen das alles zum unendlichen Schaden ihrer Herzen entbehren, ihnen wird nichts von alledem geboten, ihre Seelen müssen sich sättigen mit den wässerigen Dichtungen, die ihnen als schmaler Ersatz für die urwüchsig - religiösen Legenden gereicht werden. — Und doch, wie reich ist unsere Bibel, wie reich unser Midrasch, wie reich unsere mittelalterliche Tradition an Sagen, Mythen, Geschichten und Erzählungen, deren religiös-erziehliche Macht von tiefer, unverlöschbarer Wirkung und Dauer ist. Wenn wir unsern Kinder» Bilderbücher und Märchenbücher schenken könnten, die nicht nur vom Struwelpeter und vom Schneewittchen, sondern auch von Abraham und Jsak, von Josef und den Brüdern, von den Helden der Vorzeit fabulirte», wenn die Kinder die Erzählungen von den Märtyrern, die verschiedenen jüdischen Sagen zu lesen bekämen, wahrlich, bald würde die Klage über die Religionslosigkeit der Kinder verstumme». Uns aber wäre damit das beste Mittel in die Hand gegeben, dein Einfluß, den die christlichen Feste, besonders das Weihnachtsfest, auf das kindliche Gemüth unbedingt haben müssen, seine gefährliche Spitze abzubrechen. Schaffet Bilder- und Märchenbücher auch religiösen Inhaltes unseren Kindern! rv#y- Me Juden in Oesterreich. Wien, im Dezember. äein Jrrthum wäre größer, als der, daß der eben verstorbene Graf Taaffe ein Judenfeind gewesen ist. Wenn auch der Antisemitismus gerade unter seinem Regime die eigentliche Entstehung, Verbreitung und Vertiefung in Oesterreich gefunden hat, so ist dies nicht auf einen etwaigen Haß dieses Staatsmannes gegen die Bekenner des jüdischen Glaubens zurückzuführe», als vielmehr darauf, daß in seinen Augen der Antisemitismus die erwünschte Bombe zu sei» schien, mit deren Hilfe er die deutsch-liberale Partei, welche bei der Ausführung der zu inaugurirenden reaktionären Intentionen ihm im Wege stand, in Stücke zu zerreißen vermeinte. Der Plan war nicht so Übel ausgedacht. Die Juden bildeten ein gewaltiges Kontingent im Heereslager der liberalen Streiter; gelingt es, so kalknlirte Graf Taaffe, sie durch die Schrecknisse des Antisemitisnnls von der Parteinahme für die deutsch-liberale Sache auch nur äußerlich zurückznhalten, so muß diese eine empfindliche Schwächung erfahren. Es kam auch so. In eklatanter Weise zeigte sich dies bei den Wahlen, insbesondere in den Provinzen mit gemischtsprachiger Bevölkerung. Nicht, daß die Juden ihrer politischen Ueberzeugung untren geworden wären, aber sie entfalteten nicht mehr wie vordem ihre agitatorische Rührigkeit bei den Wahlen. Wie wenig Graf Taaffe auch mir einen Funken von Judengehässigkeit in sich trug, geht unzweideutig ans der Thatsache hervor, daß er keine» Anstand nahm, seine Kinder von jüdischen Lehrern unterrichten zu lassen, abgesehen davon, daß er sozial einen lebhaften Verkehr mit Juden unterhielt und jüdische Journalisten in seine amtliche Umgebung zog. Ob etwas Wahres daran ist, vermag ich nicht zu entscheiden, aber es geht die Sage, daß aus dem Kreise der Letzteren ihm der Gedanke snggerirt worden sei, zur Bekämpfung der erwähnten Partei aus dem angeführten Motive des Antisemitismus sich zu bedienen. Allzusehr braucht man sich darüber nicht zu wundern. Sollen doch auch die gesellschaftlichen Herostrate Lueger, Lichtenstein, Schneider 6 tutti quanti ihre jüdischen Informatoren haben, tvie Deckert seinen Paulus Mayer und Rohling seinen Brimanus besaßen. Daß es nicht an guten Freunden gefehlt hat, die alle Mittel der Ueberredung anwendeten, um die Judenschaft in den Bannkreis Taaffescher Reaktionspolitik zn locken, kann füglich vorausgesetzt werden; wann hat es in den Zeiten harter Bedrängnis; an falschen Propheten unter den Inden gefehlt! Es muß aber znm Lobe unserer Glanbensgenosse» hervorgehoben werden, daß dieser Liebe Mühe zumeist erfolglos geblieben ist. Einsichtsvolle Juden können nie daran vergessen, was sie dem Liberalismus schuldig sind, da nur er allein sie aus dem Staube sie erniedrigender Ordonanzen gezogen und ihnen zn einer menschenwürdigen Stellung im staatlichen Leben verholfen hat. Wohl »ins; zugegeben werden, daß die sich als „liberale Partei" gecirende Fraktion gerade in Beziehung auf ihr Verhalten der jüdischen Sache gegenüber viele und schwere Unterlassungssünden ans dem Kerbholze hat, aber cs darf nicht vergessen werden, daß sie nicht weniger wie die Inden selbst eingeschüchtert wurde durch den Terrorismus der von den antisemitischen Unholden beherrschten Straße. Erst in einer der letzten Abgeordnetensitzungen nahm Lueger keinen Anstand, sich dessen zn rühmen. Wie schwer dadurch die Interessen des Staates Schaden gelitten haben, wird jetzt in den maßgebenden Kreisen eingesehen. Auch Graf Taaffe verhehlte sich dies nicht; aber er tonnte die Geister, die er selbst gerufen, nicht mehr bannen. Dagegen ist vom Grafen Badeni, dein dcrmaligen Chef des Ministeriums, anzunehmen, das; er dieser sozialen Hydra mit voller Wucht ans den Kopf treten werde. Frei von jeder Berührung mit den Volksbethörern neuesten Datums, hindert ihn nichts, gegen dieselben mit jener Energie vorzngehen, die unabweisbar nothwendig ist, wenn die stark erschütterte staatliche Autorität restituirt und Handel und Wandel in reguläre Bahnen gelenkt werden sollen. Aus diesen» Gesichtspunkte allein ist die dermalige Situation der antisemitischen Bewegung zu beurtheilen. Nicht zn Lieb und Frommen der Staatsbürger jüdischer Konfession wird Miene gemacht, dieser Bewegung in den Weg zn trete». Es wird dies auch nicht verlangt. Die Juden prätendiren nicht, unter den Schutz der Regierung gestellt zri werden; sie tragen nicht das Gelüste, als „Schutzjuden" zu gelten, ein Stigma, das sie durch Jahrhunderte niedriger Schmach getragen; worauf sie Anspruch erheben, das ist,

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