Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- Seite 604 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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604 Die Reihe der Gepredigten eröffnete am leisten Sabbath Herr Rabbiner Dr. Rippner aus Gr. Glogau. Unserem Prinzip getrell, müssen wir es uns auch diesnial versagen, diese Predigten zu beur- Lheilen, wie schwer es uns and) gerade im vorliegenden Falle wird. Wir resumiren daher nur in Kurzem den Gedankengang der Rede. Der Redner knüpfte an das Fest der Makkabäer, an die Ruhmesthat Judas Makkabis an, die wie ein Sonnenblick im Langen und bangen Winter der Geschichte Israels leuchte. Aber nicht die kurzlebigen politischen Erfolge dieses Triumphes seien es, die den Namen des frommen Helden noch heute zum Ruhm und zur Ehre Israels machen, sondern die moralische Wirkung, die diese That ausgeübt, die noch fortdauere bis in unsere Zeit und die u. A. auch in jener Zeit, als man den Juden in Deulschland die Kriegspflicht nicht auserlegen wollte, mitgeholfen hat, Israel aus der Schmach der Rechtlosigkeit emporzuziehen. So habe die That Judas Makkabis eine solche Erinnerung an die Vergangenheit, den Muth für die Zukunft belebt und die Hoffnung aufgerichtet, daß einst bessere Tage kommen werden. Aber ein kurzer schöner Wintertag, dein neue Stürme folgen, vermag nicht zu wirken, wie ein sonniger Frühlingstag, der neues Leben ersprießen läßt. So folgten dann auch der That der Makkabäer Zeiten erneuter Erniedrigung. Man hat unser Zeitalter mit dem der Makkabäer verglichen, und in der That, heute wie damals begegnet sich das Judenthum nach langer Abgeschlossenheit mit der Kultur der Zeit, aber die Kultur der Gegenwart ist nicht matt und krank wie damals die heidnische mit ihrer gleißenden Wortkunst, die ihren Verstand wie eine Maare zu Markte trug. Die heutige Kultur ist trotz mancher Auswüchse kerngesund, und es ist trotz mancher Bitterniß eine Lust, in diesem Zeitalter zu leben. Nicht Despotenlaunen, wie einst im hellenisirten Asien, sondern Recht und Gesetz beherrschen die Geschlechter der Sterblichen, und die Mächtigen der Erde beugen sich vor dem Gott in der Höhe. Wie sollten wir vom Geiste der Zeit geringschätzig reden, wie Feindschaft zwischen ihm und dem alten Judenthum hegen, da doch beiden so viele Ziele gemeinsam sind. So werden wir denn nicht aufhören, von Judas Makkabi zu singen, aber wir brauchen in unseren Tagen keinen trotzigen Kämpfer, der uns führt, ist doch der Kriegsruhm überhaupt nicht das größte in Israel, sondern weit eher entspricht unserem heutigen Ideal Joseph, der Sohn Jakobs, der viel Unfreundliches erfahren, aber da er zur Macht berufen, alles vergaß und vergab und ein Retter und Erlöser wurde. So ist auch jetzt die Aufgabe, die den Edlen in Israel, und da Jeder bestrebt sein sollte, ein Edler zu sein,.die ganz Israel vorgezeichnet ist. Wir bewundern Juda Makkabi, aber wir beklagen sein Loos, daß er von Kampf zu Kampf hat schreiten müssen; so hat er den Winter der israelitischen Geschichte für eine kurze Spanne Zeit unterbrochen, aber nicht abgewendet. Das Haus unseres Gottes ist dem Frieden geweiht. Wir bewundern Juda Makkabi, wir singen sein Loblied, aber wir ersehnen ein höheres und reineres, dessen Grundton nicht der Kampf, sondern die Versöhnung ist. Und weil wir die Palmen des Friedens schwingen, rufen wir in unserem Herzensfrieden: Israel wird niemals wanken! Weihnachts - Brscherrung. Von Dr. I. Ziegler in Karlsbad. „ltnD (5-fraim q leicht Der einfällig girrenden 5 an de, Die keine (rinficiu kennl, Aeqppten stellt eo uni Hilfe an, nach Zl'chur pilgern sie. . . . Wehe ihnen, Daß sie von Mir gewichen, Verderben über sie, Dieweil sie aefrevell wiver Mich!" (Hosea 7/11, 13.); Tfc ft sie nicht buchstäblich in Erfüllung gegangen, diese traurige Prophczcihlmg, die einst der Gottesmami berkündet hatte, nicht nur am Israel jener Zeit, sondern auch au uns, au unserm Geschlecht? — Mit einer Leidenschaft, die einer edleren Sache würdiger gewesen wäre, rissen wir von uns das alte Kleid, um Flitter anzulegen. An den Folgen bluten wir. Doch was nützt es, die Wunde noch mehr aufzureißen, giebt es ja keinen denkenden Juden, der heute uicht zur Einsicht gelangt wäre, wie die Verleugnung alles Jüdischen sich a» uns und unseren Kindern gerächt hat! Fragen wir lieber, ob es uns schon gelungen ist, der Wirrniß, in die wir uns verstrickt, zu eutrinnen, ob wir auch schon zur Bethätiguug der Einsicht, zu der wir nach so vielen Irrungen endlich gelaugt sind, geschritten sind? Unleugbar ist es besser geworden. Mau schämt sich heute nicht mehr, Jude zu sein, auch nicht, jüdisch-religiös zu denken lind zu leben. Sabbathe und Feste haben die alte Bedeiiiung, theoretisch wenigstens, wieder erhalten, mau baut Gotteshäuser und sucht sie auf. — Vieles aber ist noch beim Alten geblieben, Vieles »ins; noch geborgen und gerettet, »och Mehreres aber entfernt und gemieden werden. Zn diesen Letzteren gehört auch die Weihnachts - Bescheerung unserer Kinder. Man mag die Sache drehen und wenden, wie man auch will, man mag den heidnischen Ursprung des Festes hervorkehren oder den Weihnachtsbanm in einen Chanukahbaum umwandeln, fraget nur euere Kinder und ihr werdet die Wahrheit hören. — Es giebt kein Kind in einem bessern jüdischen Hause, das uicht schwärmerisch vom Weihnachtsbanl» spräche, das nicht neidisch in der Schule mit anhörte, was dem und jenem Kinde das gute Engeleiu zum Geschenke gebracht habe, das nicht unter Thränen die Mutter bitten wollte, ihm auch das schöne Fest zu geben. — Und die Eltern, wer wollte es ihnen verdenken, wenn sie schließlich dem Kinde nachgebe»? Ja, wir hören vft eine Begründung, der eine gewisse Berechtigung gar nicht abznsprechen ist. Wenn wir dem Kinde nachgeben, so verliert es »ach und nach seine mystische Schwärmerei für das Fest, es wird ernüchtert. Thun wir es nicht, dann ist es die verbotene Frucht; das Kind umgiebi das Fest mit einem Nimbus, der dann sehr stark an das Religiöse streift. Heute stellen wir de» Weihnachtsbaum auf, befriedigen die kindliche Neugierde, die Sehnsucht nach dem Geschenke, und behebe» damit, paralysiren die Gefahr, die dem Kindesgemiithe daraus erivachsen könnte. Es steht ja in unserer Macht, dem Kinde nach seiner Weise und wie es ihm verständlich ist, Aufklärung zu gebe», es nicht vergessen zu lassen, daß dieses Fest uicht uns zukomme; dadurch wird der Einfluß der Außenwelt au dem religiösen Gefühle des Kindes nahezu spurlos vorübergehen. Bleiben wir aber starr und unbeugsam, verschließen wir unser Haus diesem Feste, gehen wir varüber hinweg, als existirte es nicht, da»» steigt in der Phantasie des Kindes der Eindruck der Straße, der Schule ins Unermeßliche. Ob nun diese Argumentation berechtigt ist oder nicht, wir stehen der Thatsache gegenüber, daß das Weihnachtsfest das Gemüth des jüdischen Kindes bezaubert, gefangen nimmt, und daß es trotz Haß und Verfolgung, die uns heute wieder auferlegt sind, in zahllosen jüdischen Häusern feierlichst begangen wird. Wie ist dem entgegenzuarbeiten? Vor Allem müssen wir uns dessen genau bewußt sein, was wir eigentlich erwirken oder erzielen wollen. — Es ist ein großer Jrrthum, wenn man meint, in der Schule erst komme dem Kinde die Begehrlichkeit nach diesem Feste. Nein, sie kommt mit dem ersten Bilderbuche, das ihm geschenkt wird. Wenn die Kleine mit großen Augen und offenem Mäulchen zuhört, wie ihr die Bonne von dem lieben Christkindelein eine rührende Erzählung vorliest, und wenn sie dann im Buche die schönen Bilder bewundert und bestaunt, da dringt in das unschuldige Herz zum ersten Male der überwältigende Einfluß des Festes, da kommt ihm die erste Regung der Sehnsucht nach dem schmucken Bäumlein, das in hellem Lichte strahlt und an deffen Aestchen und Zweiglein die Engeleiu ihre schönen Geschenke