Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
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603 „Liberalen Verein" aufgestellten Kandidaten aber 2403 Stimmen. „Der große Sieg" beziffert sich also im Ganzen nuf 198 Stimmen! Und diese Wahlarithmetik wäre vielleicht eher eine berechtigte; doch wir verzichten gern auf dieselbe. Aber es wird bei dieser Wahlbetheilignng unb bei diesem Stimmenverhältnis; doch wohl Niennrnd int Ernste versuchen dürfen, von dem Siege irgend einer Richtung zu sprechen. Die Berliner- Gemeinde zählt 16,235 Mitglieder, davon haben 4620 gewühlt, also etwas mehr als der vierte Theil, und von diesem vierten Theil fallen auf den „Ceutralverein" im günstigsten Falle 2800 Stimmen. Das also wäre der Sieg der „positiven" Richtung in Berlin! Biel eher, als von dem Siege einer Richtung, föuute mau von dem Siege des Zufalls, — und mit dem größten Rechte von dem Siege des Jndifferentismus sprechen. Doch das ist ein anderes Kapitel. Wenn durch die Wahlen dieser traurige Jndifferentrsmns wenigstens einigermaßen gebrochen würde, so wäre dies ein mehr als dankenswerther Erfolg. Die liberale Partei wirb nun alle Kraft anzuwenden haben, um ihr Recht, das Recht der großen, überwiegenden Majorität der Berliner Gerueinde, zu wahren. Die innere Entwickelung der Genreinde aber wird sich hoffentlich in friedlicher und fortschrittlicher Weise auch ferner vollziehen. * Wir erhalten eben den Verwaltungsbericht des Vorstandes der jüdischen Gemeinde über die Zeit von; 1. Januar 1892 bis 31 März 1895. Und wenn nnm nun dieses Schriftstück mit den verschiedenen Wahlaufrufen und Flugblättern vergleicht, so fragt man sich erstaunt: „Wozu der Lärm?" Alle Forderungen, die dort aufgestellt wurden, sind hier entweder erfüllt oder als berechtigt anerkannt oder deren Erfüllung ist in sichere Aussicht gestellt. Da der Bericht selbst in Aller Händen ist, so fonneit wir uns bei bei* Beweisführung kurz fassen. Ter Zeitraum, über welchen sich dieser Verwaltungsbericht erstreckt, darf sicher nach aller: Richturigen hin als eirre Periode gedeihlicher! Fortschritts angeseherr werden. Die Zahl der Gemeindemitglieder ist von 13,500 auf 16,235 gestiegen; aus der Gemeinde sind im Ganzen 27 Mitglieder ausgetreten, aus dem Judenthurn selbst 243. Besonders erfreulich wird für die Mitglieder der Gemeinde die! Nachricht sein, daß der Vorstarrd auch für die nächsten Jahre mit der! gegerrwärtigen Steuerquote vorr n/20 Prozent des Einkommens arlsj zukommen hofft. Die Veranlagung der Gemeindemitglieder zur Steuer; erfolgt jetzt gleichrnäß ig nach demjenigen Einkornnren, welches für j das betreffende Jahr der Veranlagung zur staatlichen Einkommen-! steuer zu Grunde liegt. Außerdenr ist die Grenze des steuerfreien > Einkornmerrs erheblich erweitert, der Mindestbetrag auf 6 Mk. herabj gesetzt und endlich dem Vorstarrde die Möglichkeit gewährt worden, i die Härten einer etwaigen Doppelbesteuerung durch entsprechenden j Steuererlaß zu mildern.! Alle diese Nerrerungen sind durch das revidirte Statut der Gemeiride erst rrröglich geworden, dessen Genehmigung in kurzer Zeit erwartet werden darf. Wir könrrerr bei diesem Anlaß den Wunsch rricht inrterdrücken, daß rnit dem neuen Statut zugleich arich ein neuer Wahlmodus, statt des bisher herrschenden, der allgemeine Unznfriederrheit bei allen Wählern erregt hat, in Arrwendung koirrmen möge. Der Bericht wiederholt die bereits von uns gebrachte Mittherlrurg, daß die Unterharrdlrnrgen wegen Erwerburrg eirres geeigneten Grundstücks für derr Bau einer Synagoge im Westen dem Abschluß nahe sind. Was dann weiter irr diesem Bericht über die Forderungen neuer Synagogen und über die Mehrbelastung des Etats, welche dadurch entstehen lvürde, gesagt ist, ruöge gewissen Kreiserr zur Belehrung bienen. Die Zahl der von der Gemeinde zum Zweck gottesdienstlicher Veranstaltungen an den hohen Festtagen gemietheten Säle betrug im letzten Jahre 7 rnit 7085 Plützerr, inr laufenden Jahre trat noch ein Betlokal mit 1564 Plätzen hinzu. Reger Theilnahrrre erfreut sich auch der von der Gemeinde eingerichtete Jugendgottesdienst, rrnd vorr besonderer Bedeutung ist, was in diesem Bericht über die brerrnende Frage des Religionsunterrichtes gesagt wird. Die drei Religionsschulen der Gemeinde werden von 681 Schülern besucht. Neuerdings ist auch eine vierte Religionsschule im Südwesten der Stadt errichtet rvorden. Auf den Antrag des Gerneindevorstarrdes nur Einführung jüdischen Religionsurrterrichtes an derr hiesiger: königlichen Gynrrrasien ist seitens der zuständiger: Behörden ein bewilligender Bescheid erfolgt, jedoch mit der Maßgabe, daß dieser Unterricht fakultativ und auf Kosten der jüdischen Gemeinde durch diesseits vorzuschlagende Lehrer erlheilt werde. Die Wohlthätigkeitsanstalten der Genreinde erforderter: irr dem verflossenen Zeitabschnitt infolge der allgemeinen wirthschastlichen Lage erhöhte Zuschüsse; so hat die Arurenkonnnission inr Jahre 1892 den Betrag von 114,546 Mark, inr Jahre 1893/94 einen solchen von 152,504 Mark, inr Jahre 1894 95 einen solchen von 12,915 Mark an Urrterstützungen verausgabt. Bon dieser Surrrme hat die Gemeinde im Berichtsjahre 62,950 Mark zugeschossen. Eine wichtige Neuerung ist die Begründung einer Cerrtralstelle für das gesammte Wohlthätigkeits- und Stiftnrrgswesen der Gemeinde. Besondere Aufmerksamkeit wurde in den letzten Jahren in sehr dankenswerther Weise der Fürsorge für entlassene Strafgefangene zugewendet. In 57 Fällerr ist es der Kourmission bereits gelungen, durch Arbeitsnachweis einen günstigen Erfolg zu erzielen, in 81 Fällen rourde den Familien die erforderliche Hilfe zu Theil. Das Kuratorium der Ephrairn-Stiftung hatte in der Berichtsperiode 2970 Gesuche zu erledigen; bei 1143 tonnte eiite Bewilligung ausgesprochen werden im Gesamnrtbetrage vorr 16,420 Mark. Die Anzahl der in der Pflege der Waisenkomnrissiorr befindlichen Kinder hat sich im Laufe der letzten drei Jahre geradezu verdoppelt; dieselbe ist von 172 auf 320 gestiegerr, von diesen sind 138 Knaben und 155 Mädcherr bei den Müttern, bezw. bei Verwandten, ein Knabe und 26 Mädchen bei Pflegeeltern untergebracht. Im Reichenheim'schen Waisenhause befinden sich drrrchschnittlich 77, im Erziehurrgshause zu Pankorv 48 Zöglinge, darunter 33 Schüler, der Rest besteht ans Lehrlingen. Die Altersve rsorg un g saust alte n der Genreinde zählten 1895 inr Ganzen 213 Hospitaliter:; auch die Verwaltrrngen des Krankenhauses sowie des Siechenhauses waren durch die Munifizerrz edler Stifter in der Lage, allen fortschreiterrden Auforderuugerr gerecht zu werderr. Besorrderer Erwähnung verdient die Stiftung des Herrn Moritz Marrheirner und seiner Gattin im Betrage von 500,000 Mark zu einem neuen, für 80 Insassen Raum bietenden Hospital der jüdischen Genreinde. Der Verwalturrgsbericht des Vorstarrdes erwähnt auch die Ausschreitungerr der arrtisemitischerr Bewegung, gegen die derselbe wiederholt hat einschreiten müsierr. Alles in Allem rnacht der Verwaltungsbericht einen durchaus erfreulichen Eindruck. Es wird wohl wenig Gemeinden in der Welt gebe::, welche in der Lage sind, in dieser Weise Recherrschaft über ihre Arbeit im Dienste der drei Grundprinzipien des Jrrdenthums: der Lehre, des Gottesdienstes und der Wohlthätigkeit, zu geben. *