Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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602 Nie Woche. Berlin, 17. Dezember. /4jgLuui sehr wichtige und iutevcffaute Erklärung giebt Herr Archivar Dr. G. Winter, einer der wackersten Känlpser gegen den Antisemitismus, über die Streitfrage ab, ob es zweckmäßig sei, den Antiseiniten in ihren eigenen Versammlungen entgegenzutreten. Er sagt darüber: Die Mehrheit neigte zu der Anschauung, daß bei dem außerordentlich turbulenten, den Gegner unaufhörlichen Insulten aussetzenden Charakter dieser Versammlungen der Besuch derselben im Allgemeinen nicht anzurathen sei. Im Gegensatz hierzu habe ich, trotz der traurigen Erfahrungen, die ich in Hessen in dieser Beziehung gemacht habe, bisher stets die Ansicht vertreten, daß man sich nicht damit begnügen dürfe, den Antisemitismus litterarisch zu bekämpfen, zumal die Antisemiten erfahrungsmüßig gegnerische Zeitungen und Zeitschriften nicht lesen oder doch nicht beachten, sondern daß es Pflicht jedes überzeugten Gegners des Antisemitismus sei, diese seine Ansicht auch persönlich den Antisemiten selbst gegenüber zu vertreten. Eine Zeit lang schienen in der That die antisemitischen Versammlungen in Magdeburg diese meine Ansicht zu rechtfertigen. Es ging verhältnißmäßig ruhig und anständig in diesen Versammlungen zu, und auch der Gegner konnte mit einiger Sicherheit darauf rechnen, ruhig und, ohne von der Versammlung persönlich angegriffen und insultirt zu werden, zu Worte zu kommen. Nach den Erfahrungen der letzten antisemitischen Versammlung, welche am 4. Dezember d. I. stattfand, muß ich leider von diesem bisherigen Standpunkte zurückkommen; denn and) Die Pflicht, seine eigene Ueberzeugung selbst dem schärfsten Gegner gegenüber zu vertreten, hat ihre nothwendige Grenze in der Selbstachtung, welche jeder anständige Politiker sich selbst schuldet, und die ihre nothwendige Ergänzung darin finden muß, daß auch eine gegnerische Versammlung jedem anständigen und seine Ueberzeugung sachlich vertretenden Gegner dasjenige Recht von Achtung und persönlicher Rücksicht entgegenbringt, welches er verlangen kann und muß. Diese Grenze ist, sowohl von den antisemitischen Rednern, als noch mehr von der versammelten Menge in einem Grade überschritten worden, daß ich es in Zukunft mit jener Selbstachtung, die ich mir sclulde, nicht mehr vereinbaren kann, antisemitische Versammlungen zu besuchen. Ich erkläre daher nach den Erfahrungen, welche ich am letzten Mittwoch in der antisemitischen Versammlung gemacht habe, daß ich mich durch keine, wie auch immer geartete „Einladung" oder Provokation der Antisemiten mehr bewegen lassen werde, in ihren Versammlungen zu erscheinen. * Durch die deutsche Presse machte jüngst eine Zusammenstellung die Runde, die Ausschluß giebt über die soziale Stellung und > den Berns der Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlins. Dieselbe stammte aus nnserein Blatte, aber auch nid)t ein einziges der sie iiachdrnckenden Blätter fand es für nöthig, die Quelle dieser recht innhevoll zusannnengestellten Mittheilnng anzngeben. Ja, noch mehr: Die „Deutsche Tageszeitung", das Organ des „Bllndes der Laudwirthe", druckte diese Ziisammenstellnug arn 7. Dezember nach, unterschlagt aber die ganze Reihe der von uns ansgezählten jüdischen Handwerker: 112 Schneider, 57 Kürschner und Mützenmacher, 20 Schuhmacher, 18 Uhrmacher, 12 Buchdrucker, 13 Tapezierer, 11 Buchbinder, 0 Klempner, 5 Drechsler, 8 Sattler, 5 Schlosser, 6 Bäcker, 14 Glaser, 8 Vergolder, 5 Mechaniker, 4 Tischler, 9 Graveure, 3 Bürstenmacher, 2 Friseure, 2 Lederarbeiter, 1 Webermeister, 1 Korbmacher, 1 Töpfer, 3 Gärtner, 1 Färber, 1 Schirmmacher. Warum? Nur um den hämischen Satz hinzufügen zu können: „Handwerker scheinen nicht vorhanden zu sein." Und das nennt das agrarisch-antisemitische Blatt: Ehrliche deutsche Kampfesweise! * Ter Reichstagsabgeordnete A h lwardt ist zur rechten Zeit abgereist, — er, sein Blatt, seine „Partei" hatten gründlich abgewirthschaftet und die Eintrittsgelder versiechten: aber er ist zur schlechtesten Zeit in Amerika eingetroffen. Rach Telegrammen ans New-Iork ist es dem Helden jenseits des Meeres übel ergangen. Die „Times" meldet: Die amerikanische Agitationsreise Ahlwardt's erweist sich als gänzliches Fiasko. Die gesannnte Newyorker Presse sprach sich gegen Ahlwardk ans und machte sich über ihn lustig. Er kündigte eine Versammlung in der „Cooper's Union Hall" an, die 2000 Personen faßt; es erschienen luir etwa 200, von denen beinahe die Hälfte Polizisten waren, die schließlich den Saal räumen mußten. Man hörte Ahlwardk gar nicht an, zischte ihn ans utib warf nach ihm mit faitlen Eiern. Es kursiven aber auch Gerüchte, wonach Nhlwardt weder Absicht, noch Anlaß hat. wiederznkommen. Sicher ist, daß er in Unfrieden mit seinen engeren Freunden Böcke! und Bodeck geschieden ist. Seine Parteigenossen, die „freiheitlichen" Antisemiten, haben sich in ihrer letzten, nicht öffentlichen Sitznng mit dieser Angelegenheit eingehend beschäftigt. Nach stürmischen Debatten wurde folgender Beschluß gefaßt: „Die außerordentliche Hauptversammlung der antisemitischen Volkspartei — Verband Berlin — erklärt, daß der Reichstags- Abgeordnete Ahlwardk seine Reise nach Ainerika ohne Wiffen und Willen des Verbandes unternommen hat und daß der Verband diese Reise entschieden mißbilligt. Alles Weitere in dieser Angelegenheit behält sich der Verband vor." Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 16. Dezember. Sie Wahle» sind vorüber, und wir haben bereits in aller Kürze das Resultat »litgetheilt. Wir lassen nun hier das genaue Verzeichnis; der gewählten Repräsentanten und Stellvertreter mit der ans jeden einzelnen entfatlenen Stiininenznhl folgen. Als Repräsentanten sind gewählt: JosefFränkel mit 4550Stimmen, S. Leichientritt (2990), G. Löwenberg (2895), Sanitütsrath Blnmenthal <2890), Geh. Rath Kirstein (2874), Geh. Rath Senator (2741), Justizrath Heymann (2697), Professor Lewin (2651), L. Sieskind (2636), I. Oppenheim (2601). Als Steüvertreter: Prof. Baginski mit 2561 Stimmen, R.-A. Apolant (2540), Isidor Sachs (2538),M. Nenfeld (2525), A. Breslauer (2514), I. Btiittienthal (2500), O. Berlin (2478), R.-A. Holz (2419). Bi. Heitmann (2403), M. Weiß (2369), Justizrath Makower (2365), Dr. I. Stern (2354), Geh. Rath Boas (2347), Js. Löwe (2326), Js. Gntmann (2284). Es ist also die Liste des „Centralvereins", welche den Sieg daoongetragen. Außer Herrn Maurermeister Fränkel sind von der Liste des „Liberalen Vereins" nur die Herren Moritz Heilmann, Jnstizrath Makower, Geheimrath Boas und Isidor Löwe als Stellvertreter gewählt worden. Es wird wohl nun zweifellos viel Wahlarithmetik getrieben werden. Ein solches Rechenexempel liegt uns bereits vor. Weil der Kandidat des „Centralvereins", welcher die wenigsten Stimmen ans sich vereinigte, deren 2345 erhielt, während derjenige des „Liberalen Vereins", dem die meisten zusielen, 2403, also »nr 58 mehr aufweist, so soü das ein Stimmenverhältniß sein, „das für die Stärke der beiden Parteien kennzeichnend ist." Könnte inan aber nicht mit viel größerem Rechte folgendes Exempel anfstellen: Der letzte der vom „Centralverein" gewählten Repräsentanten hat 2601 Stimmen erhalten, der erste der vom