Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Kerlin, 20. Aezember 1895. 59. Jahrgang. Nr. 51. Allgemeine eitung des Audenchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabüiner Ludwig Philippson-Äonn. Vertags-Trpedition: Lerlin, Ferufatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. I Leitartikel: Zur Statistik der Judentaufen. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Weihnachts-Bescheerung. Von Dr. I. Ziegler. — Die Juden in Oesterreich. — Bericht über die Konferenz der israelitischen Lehrer und Kultu beamten des Reg.-Bez. Köslin. — Die Zukunft des Philantbropins zu Frankfurt a. Ai. Von Dr. Ernst Auerbach. — Die Aussprache der hebräischen Vokale. Von Dr. A. Löwenthal. — Feuilleton: Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. „ Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. AuS der Provinz Posen. Tborn. Brakel. Aus Schlesien. Ratibor. Frankfurt a. M.. Wien. Budapest. London. New-Bork. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. Zur Statistik der Iudentaufen. Berlin, 17. Dezember. eber dieses Thema, welches leider ein sehr aktuelles geworden ist, hat Herr Dr. N. Samter, dem wir bereits sehr werthvolle Beiträge über diese Frage verdanken, neuerdings eine interessante und wichtige Arbeit in dem „Breslauer Volks- und Hauskalender" veröffentlicht. Es verlohnt sich, auf dieselbe näher einzugehen, da sie die preußischen Verhältniffe an der Hand genauer statistischer Erhebungen besonders berücksichtigt. Es ist in der That eines der traurigsten Kapitel unserer Geschichte, welches wir da berühre», und wir empsehlen unseren Lesern angelegentlichst die Darlegungen des Autors darüber, warum sich die Juden taufen ließen, über die Mittel gegen die Massentaufen, über das Verhältniß des Staates zu dieser Frage, über die Arbeit der Judenmission aufmerksam nachznlesen. Wir werden wohl auf einen oder den anderen Punkt dieser Ausführungen zurückkommen müssen; heute soll uns aber nur der letzte und wichtigste Punkt, nämlich die Statistik der Judentaufeu in diesem Jahrhundert, beschäftigen. Eine auch nur annähernde Berechnung darüber, wie viel das Judenthum durch Massentaufen in diesem Jahrhundert verloren hat, läßt sich wohl kaum feststellen. Die Missionäre geben natürlich sehr hohe Zahlen an; einer spricht von 100,000, ein anderer von 130,000 und ein dritter gar von 250,000 getauften Juden. Nach Angabe der Mission sollen jährlich 1000 bis 1500 Juden getauft werde». Im Jahre 1870 wurde die Zahl der lebenden Judenchristen von der Mission auf 20,000 abgeschätzt, im Jahre 1891 — offenbar sehr übertrieben — aus 100,000. Zuverlässige Angaben existiren nur für Preußen. Im Gebiete der preußischen Landeskirche sind 1822 bis 1840 0,7 Prozent Juden protestantisch geworden, d. h. 7 von 10,000. Eine noch kleinere Zahl (6 von 10,000) ergab sich für das erste Jahrzehnt des Antisemitismus, 1880—1889, wo doch die Judentaufen an der Tagesordnung waren. Von besonderem Interesse ist natürlich für uns die Statistik der Judentaufen in Berlin. Im Jahre 1811 reichte David Friedländer dem Staatskanzler Hardenberg ein Verzeichniß von Berliner Juden ein, die in den letzten 5—8 Jahren übergetreten waren. Es befanden sich darunter 32 Familien und 18 mwerheiraihete Männer, für jene Zeit eine erhebliche Anzahl. Schottische Missionäre »vollen 1840 in Berlin unter 8000 Inden 1000 getaufte gefunden haben. Es erscheint bemerkenswerth, daß diese Taufen in einzelnen Perioden besonders zahlreich hervortreten. 1822—1840 sind jährlich im Durchschnitt 122 Juden in Preußen evangelisch geworden. Eine schlimme Taufperiode war die Zeit des Antisemitismus; während noch 1872—79 in Preußen nur 66 Inden im Durchschnitt übertraten, waren es 1880 schon 120, und die Zahl wuchs stetig bis 1888, wo sie die Höhe von 348 Täuflingen erreichte; seitdem soll wieder eine erfreuliche Abnahme bemerkbar geworden sein, — leider ist dies der einzige Punkt in dem interessanten Aufsatz, wo wir die Ansicht unseres geehrten Mitarbeiters nicht theilen können. Die Taufen beschränkten sich aber zumeist auf die großen Städte. Bis 1823 sind in Berlin allein 1236 Inden übergetreten, im ganzen übrigen Preußen 1382. Von den 1901 Täuflingen der Jahre 1875 bis 188 waren 890 Berliner. Noch schlimmer ist das Verhältniß in Wien, wo im Jahre 1888 781 Juden übertraten, im ganzen übrigen Oesterreich aber blos 141. Interessante Aufschlüsse giebt der Verfasser auch über Kindertaufen, deren Zahl er nicht gar so hoch anschlägt. In der schlimmsten Zeit, also in den Jahren 1885—88 waren es in Preußen 114, die noch nicht den achten Theil der in diesen Jahren Getauften (921) ansmachen. Viel bedeutender ist die Einbuße, welche das Judeuthum durch die Mischehe erduldet. 1890 gab es in Preußen 2532 jüdischchristliche^Ehepaare7mit 3991 Kindern unter 16 Jahren. Von diesen Kindern waren aber nur 1017, also etwa der vierte Theil, jüdisch. All Denen, die es angeht, möchten wir ganz besonders das letzte Kapitel in dem Aufsatz Samters empfehlen, das die Unterschrift trügt: „Was thun?" Es sind wahrhaft beherzigenswerthe Worte; möchten sie nur überall da gehört werden, wo es nöthig ist. Der ganze Aufsatz, der wohl in einer Separatausgabe allgemein verbreitet zu werden verdient, schließt mit der folgenden Bemerkung, die in allen jüdisch fühlenden Kreisen freudige Zustimmung finden wird: „Gustaf Dalman hat ausgerechnet, daß die Juden in diesem Jahrhundert V27 ihrer Seelenzahl durch Taufen verloren haben. Mag sein; es blieben also immerhin noch 2G/27 übrig. Aber wie sagt der Prophet? „Und wenn auch nur ein Zehntel bliebe, ja, wenn auch dieses noch gesichtet werden sollte: — Wie eine Eiche oder Terebinthe, auch wenn sie gefällt ist, dennoch von der Wurzel aus neue Schößlinge treibt, so wird auch der heilige Stamm stets seine Triebkraft bewahren."