Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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599 Erlaube mir, daß ich morgen komme, mir eine Minute laug will ich sie sehen. . ." „Ich darf ja nicht," sagte der Kleine. „Und es nützt Dir ja auch nichts. . . Komm, Janko, ich will Dich heim begleiten, wir woüen vernünftig mit einander reden-" Und er führte ihn sanft, seine Hand festhaltend, hinweg. Aber zu>n Reden kam es nicht. Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sie den Hof des Janko erreicht hatten. „Also, Du willst nicht?" fragte der Bauer lind seine Stimnie zitterte noch immer. „So mag sich Gott unser Aller erbarmen!" „Das wird Er!" erwiederte Leib stark und innig. „Gute Nacht, Janko!" Und er eilte heim. Am nächsten Morgen, dem des Freitag, als Chane und das Mädchen in der Küche für den Sabbath rüsteten und Leib allein in der Schänkstnbe saß, traten nach einander nicht weniger als vier wichtige Botschaften an ihn heran. Die erste, zugleich die einzige schlimme, erhielt er mündlich. Es war Herr von Paterski selbst, der schon in aller Frühe in die Schänke trat. „Nun?" fragte er erwartungsvoll, „Hab' ich den Garten?" Leib knickte demüthig in sich zusammen. „Gnädigster," sagte er, zitternd unter fortwährenden Verbeugungen, „ich kann da nichts machen. Ich bin nicht einmal dazu gekommen, mit ihm darüber zu sprechen. . ." „Hund!" schrie der Edelmann wüthend und hob die Reitpeitsche. „Und das wagst Du mir zu sagen?!" Leib wich zurück. „Nicht aus bösem Willen!" betheuerte er. „Aber er hat mich, noch eh' ich dazu gekommen bin, vom Geschäft zli reden, an seinen Schwur erinnert, keinen Fußbreit von seinem Gut zu verkaufen. . . Wie gesagt, schon während wir über eine ganz andere Sach' gesprochen haben!" „Was war das für eine Sache?" fragte Paterski und trat einen Schritt vor, noch immer die Peitsche hoch geschwungen. Wieder wich Leib zurück. „Das kann ich nicht sagen. Aber, so wahr mir Gott helfe, sie hat nichts mit dem Garten zu thnn gehabt!" „Hundsblut, Du lügst!" rief der Pole, und diesmal sauste die die Peitsche hernieder. Nur ein Sprung in die Thüre zum Nebenzimmer rettete den Juden vor der Mißhandlung. Paterski athmete schwer. „Mir scheint", sagte er drohend, „Du spielst da mit falschen Karten! Hat Dir vielleicht ein Anderer auch denselben Auftrag gegeben?" „Nein," betheuerte Leib. Und erstaunt fügte er bei: „Ein Anderer auch? Warum sollten sich die Leut' plötzlich um den Garten des Janko reißen?" Der Edelmann biß sich auf die Lippen. „Ich wüßte auch nicht, warum," sagte er dann. Ich dachte nur — weil mau einem Inden eben alle Hinterlist der Welt zumnthen darf. . . Also Du willst da nichts thun?" „Ich kann nicht, Gnädigster! Er verkauft nicht." „Du mußt ihn aber dazu bringen!" brauste Paterski auf. „Hörst Du, Du mußt! Thu' Deine Ohren auf, Jude. Kannst Dn mir bis heut Abend melde», daß der Garten mein ist, gleichviel um welchen Preis, und kann der Kauf Montag in Halicz abgeschlossen werden, so bleibst Du in der Schänke und dekonimst zwanzig, meinetwegen sogar dreißig Gulden Maklerlohn! Geschieht dies nicht, so hast Du zu Neujahr die Kündigung und wirst im nächsten Sommer davongejagt, und wenn der Herrgott selber für Dich um Gnade bitten wollte. Adieu!" Er ging. Ebenso betrübt, tvie erstaunt sah ihm Leib nach. Dreißig Gulden! — bis Montag! was ging da vor? Aber es hatte ja leider keinen Zweck, darüber zu grübeln. Soviel war jetzt entschieden — in Winkowze war nun nicht lange mehr seines Bleibens. Während er »och erwog, ob er seinem Weibe das Gespräch erzählen oder verschweige» sollte, trat ein anderer Besucher ein, der vor den Kleinen kaum minder herrisch hintrat, als der Edelmann, obwohl er in allem von diesem so verschieden war, daß keine Phantasie einen schrofferen Gegensatz hätte ersinnen können. Es war ein „Schnorrer", einer jener jüdischen „fahrenden Leute", die unablässig den Osten Europas durchziehen und oft genug auch nach Deutschland, ja nach Amerika und wieder nach Galizien und Rußland pilgern, eine rechte Plage ihrer Glaubensgenoffen. Biele wüstes Gesindel, andere nur eben Bettler, wieder andere nicht ungelehrt und unbegabt — man findet oft tüchtige Talmndisteii, Musikanten, Wanderprediger unter; ihnen — aber alle hungrig, durstig und dreist. „Scholem aleiehem“ („Friede mit Euch!"), sagte der Mann beim Eintritt. „Seid Ihr Leib, der Schänker?" Der Dialekt verrieth den Russen. „Aleiehem scholem“, gab dieser seufzend den Gruß zurück. „Ich bin's." Der Gast sah übel ans; in Fetzen hing ihm der schmutzstarrende Kaftan um den hageren, sehnigen Leib; der Filzhut bestand gleichfalls eigentlich nur aus lauter Löchern, und all sein Hab »nd Gut trug er in einem Taschentuch am Stock befestigt. Als das betrüblichste aber erschien dem Schänkwirth die rothe Nase in deni durchfurchten, bartumstarrten Gesicht. Die fromme Sitte gebietet jedem Juden, einen solchen „Schnorrer" nicht ungelabt zu entlassen, und kommt er am Freitag Vormittag, so muß man ihn, wenn er will, über den Ruhetag bis zum Sonntag Morgen im Hanse behalten. Aber das ist meist kein Vergnügen, und am wenigste», wenn der Gast eine solche Nase hat und der Wirth ein Schänker ist. „Nehmt Platz," sagte Leib. „Wollt Ihr einen Imbiß?" Der „Schnorrer" sah ihn hochmüthig au. „Was schneidet Ihr für ein Gesicht?" fragte er. „Glaubt Ihr etwa, ich will über Sabbath bei Euch bleiben? Ich bin's, gottlob, besser gewohnt! Auch hat mich Reb Schlome in Jezupol für heut Abend geladen — der reichste Mann im Städtchen — da bleibt mair doch nicht bei Leib Schänker! Auch Euer schimnrelig Brod brauch' ich nicht. Nur ein Glas Schnaps gebt mir, aber vom besten! Hört Ihr? Ich bin Reb Mordche Krennneuitzer und darf das verlangen!" Leib hatte zwar den Namen nie gehört, that aber, wie ihm befohlen. Der „Schnorrer" leerte das Glas auf einen Zug und schnalzte mit der Zunge. „Das laß ich mir gefallen," sagte er, „das ist doch Schnaps und nicht Wasser! Kein Wunder, daß Ihr dann ein so armer Teufel bleibt, Reb Leib . . . Noch ein Glas!" Auch dies spendet« der Kleine und versuchte sogar ein vergnügtes Gesicht dazu zu machen; der Gast halte versprochen, bald wieder anfzubrechen; das verdiente Belohnung. Dem zweiten folgte ein drittes und viertes Glas. Dazwischen befahl der Fremde nun doch einen Imbiß: zivei hartgesottene Eier und Butterbrod. Gehorsam ging Leib in die Küche und brachte dann das Gewünschte herbei. (Fortsetzung folgt.)