Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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595 angethane Unrecht zu entfernen, jene Brandmale. der Ausschließung, jene Ordnungen und Gesetze einer verschollenen Zeit aus dem Leben zu beseitigen — es bedarf von unserer Seite des rechten Geistes, der ebenso beharrlich ist in der Vertheidignng seines Rechtes, als auf der anderen Seite Zähigkeit nnd böser Wille mit eiserner Festigkeit sich rüstet; heute zurtickgestoßen, melde sich morgen wieder das Wort des Rechtes; heute abgewiesen, klopfe es morgen wieder an! Der rechte Sinti und der ernste Wille bedarf nicht der Macht und nicht der Gewalt; sein wöhlgegriindeter Boden, sein unverrückbares Ziel ist unveräußerlich und unwandelbar gegeben. So rüstet euch mit solchem Geiste und solcher Gotteskraft, nnd es wird das Wort des Propheten in Erfüllung gehen: Secharja 2,14.) -pira 82 'NN '2 sl'L M2 'NL2N ^"1 „Juble und freue dich. Tochter Zijon; denn siehe, sich komme und throne in deiner Mitte." Aus Rumänien. Bukarest, im Dezember. (A^^ach achtjähriger Wirksamkeit zweifelhafter Natur ist der greise Führer der Konservativen, Lasear Catargi, in einer Weise gestürzt worden, die den politischen Parteien über die konstitutionelle Exekutive, die König Karl handhabt, zu denken gebe» wird. Indessen, für die rumänische Judenheit hat der jähe Sturz der Konservativen nicht viel zu bedeuten. Er hat uns weder überrascht, noch erschreckt, noch Bedauern eingeflößt. Der rumänische Jude weiß nicht mehr, mit welcher Partei zu gehen. Jede politische Gestaltung ist die fatale Umgestaltung seines traurigen Status quc> in einen womöglich noch traurigeren Status. Man hatte in den Liberalen die blinden Werkzeuge des Haman-Bratiano gesehen; man athmete auf, als die Konservativen kamen. Es war ein kurzes Athemholen imaginärer Freiheit. Trotz jder Fusion seiner Partei mit den wirklich freisinnigen Elementen des Jnnimisten Petre Carp und des Radikalen Gheorghe Panu, ist Lasear Cartargi in den Fußstapfen seines Vorgängers gewandelt. Die Restriktionsgesetze begannen aufs Nene ihre vernichtende Macht auf den ambulanten Handel, und die Paragraphen des Ruralgesetzes, welche den Fremden den Aufenthalt auf dem flachen Lande verbieten, wurden mit einer Rücksichtslosigkeit in Kraft gesetzt, die de» Neid des frommen Rußland hätte erwecken können. Ja, was selbst Sturdza. was Bratiano nicht gewagt hätten, das geschah unter den Augen Carps, des einzigen Ministers des Kabinets Lasear Catargi, der ein energisches Veto einsetzte: die Einschränkung der Freiheit des elementaren Unterrichts für die Schüler jüdischer Konfession! In der That, für das „Belgien des Orients", wie Rumänien von seinen „großen Patrioten" genannt wird, eine Errungenschaft, welche es in der Geschichte der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts mit goldenen Lettern in Erinnerung zu bringen berufen ist! Der jüdische Schüler, deffen Vater, Gott weiß wie . . . sämmtliche Staatsnnd Kommunalsteueru zu entrichten, sehr oft selbst den Blutzins für das „Vaterland" zu zahlen hat, wird erst dann in die Schule resp. in die entsprechende Klasse aufgeiioinmen, lven», nach Einschreibnng sänimtlicher Christenkinder, einige Plätze freigeblieben sind. Und auch dann nur nach Entrichtung einer Jahresgebühr von 20 bis 40 Francs, die den christlichen Schüler nicht trifft. Dieses Alinea im Unterrichtsreglement bleibt ein Schandfleck für das Ministerium Lasear Catargi. Bratiano mag die Juden aus den Dörfern und Städtchen getrieben haben, er mag sie in die Donau geworfen haben, er mag, wie er einmal im Parlamente mit einem Cynismus sagte, der seinesgleichen sucht, für seine Partei „den Mord" geduldet haben — er würde sich nie an dem vergriffe» haben, was für den Menschen das Heiligste, das Elementarste ist — an der Freiheit des Unterrichts! Sonderbar! Als »och Rumänien in den Windeln politischer nnd kultureller Entwickelung lag, vor etwa 30 Jahre», suchte ein edler Fürst, Alexandra Ion Cuza, die Jude» zu „civilisireu" und sie „mit Gewalt" in die Schule zu bringen. „Ich will aus den Juden gute, aufgeklärte Bürger machen!" sagte er zu seinem Kultusminister, dem noch heute lebenden Professor! Ovobeseu. — Heute aber wird dem Juden die Thür vor der Nase zugeschlagen. Aber das Ministerium Catargi hat nicht mir dem Ruralgesetze die »veiteste Auslegung seitens seiner Sbirren geben lassen, es hat nicht nur den „moralischen Mord" der jüdischen Kinder geduldet... es hat, kurz vor seinem Sturze — auch einer Anklage wegen Ritualmordes die Pforten weit geöffnet. Der Fall verdient erwähnt z» werden, wenn auch nur, um eine gewisse Art des administrativen Verfahrens zu beleuchten, wenn es sich um einen Juden handelt. Natürlich darf von der historischen Seite nicht abgesehen werden, die der leider so langen Chrouik der Anklagen wegen Ritualmordes ihr eigenthümliches Gepräge giebt. Im September des Jahres 1894 eugagirte Simon Rosenbaum aus Baltzatzi, im Distrikt Vaslui, ein elfjähriges Christenmädchen, Namens Sophia Michalcea, das Töchterchen des Frantz Michalcea aus derselben Kommune, der zu jener Zeit eine zweijährige Zuchthausstrafe abbüßte. Das Engagement galt auf acht Tage (Dauer der Laubhüttenfesttage). Nach Ablauf dieser Tage bezahlte Rosenbauni das Mädchen und schickte es nach Hause. Am 1. April 1895, als die Juden auf ministeriellen Befehl aus den Dörfern gejagt wurden, ward Rosenbaum gezwungen, Baltzatzi zu verlaffen und nach Huschi zu üdersiedeln. Zn seiner nicht geringen Ueberraschung erschien am 29. August 1895 Frantz Michalcea und verlangte sein Töchterchen zurück. Vergebens die Bethenerungen Rosenbaums, daß er seit einem Jahre das Mädchen nicht zu Gesicht bekommen. Er, seine schwangere Frau, sein dreizehnjähriger Sohn wurden verhaftet, i» Ketten gelegt und so lange mißhandelt, bis er und sein Sohn ohnmächtig blieben und die arme Frau abortirte. Diese Mißhandlungen dauerten mehr als drei Wochen, als durch einen Zufall das Mädchen in der Kommune Hormoschoia, int Distrikte Rarova, bei einem gewissen Vasile Tonaffe gefunden wurde. Dann erst wurde der unglückliche Rosenbanm mit Frau und Kind entlassen. Auf sei» Gesuch um Entschädigung, wurde ihm in Bukarest der Bescheid, nun sei er ja wieder auf freiem Fuße. In der That, es war Zeit, daß Catargi den Laufpaß bekommen. Ich behalte mir vor, in einem späteren Artikel das Ministerium Sturdza und seine Stellung zur Jndenfrage zu besprechen. 0. bl. Aus Oesterreichs vergangenen Tagen. Von Dr. M. Kayserling, i. Ignatz Ieitteles. gnatz Ieitteles aus Prag, der erste Jude, welcher in der ueueren Zeit Materialien zu einer Geschichte der Juden gesammelt hat, der Verfasser eines lange geschätzten „Aesthetischen Lexikons", verfaßte bei Gelegenheit eines Balles, welchen die Juden in Prag am 7. März 1814 zum Besten der Prager Landwehr gaben, ein „Schreiben des Jahres 1814 an das Jahr 1813". In diesem in