Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1895)
- Date
- 1895-12-13
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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593 Schwäche, Haltlosigkeit und Unbestimmtheit den Glauben und den religiösen Wandel im Hause untergraben, — wo soll das empfängliche, so leicht bethörte Gemüth eines Jünglings oder einer Jungfrau dem von allen Seiten herandringenden Strome widerstehen, ohne Boden und Widerhalt, ohne Stütze und Stab, ohne einen Schwerpunkt und Gegengewicht? Darum, wie das dürre Laub von dem herbstlichen Baume, rauschet ein Blatt nach dem andern von dem Lebensbaume Jisraels! Darum trifft das schauerliche Wort der Drohung an jenen Priester ein, der seiner sündigen Söhne Wandel i» schwacher Nachgiebigkeit ungerügt hingehen ließ: jwö ist nr22.11 :*pa* rva m i8i ^rii-n« wui (I. Samuel II, 31, 32) ^xi'»18 Darum werden dem Gesammtleben seine kräftigsten, hoffnungsvollsten Lebensorgane entzogen, und statt der willigen, kräftigen Helfer und Arbeiter sehen wir die Abtrünnigen und Bundbrüchigen mehr und mehr die feindlichen Reihen verdichten und verstärken. So schauet das erhebende Gegenbild der Hasmonäer an! Mathatias mit seinen Söhnen, eins und verbündet durch die Innigkeit und Festigkeit des Glaubens, in sich selber stark und sicher durch die gemeinsame Ueberzeugung, das gemeinsame Ziel, für das sie lebten! Und als er von hinnen ging, der altersniüde Held, er konnte freudig aus dem Leben scheiden, er hatte in seinen Söhnen Erbe» seines Eifers, Stellvertreter seiner heiligsten und besten Gefühle, Helden des Glaubens und des Gottvertrauens, feuervolle, glühende Herolde Gottes und seines ewigen Wortes hinterlassen! So lastet uns, meine Thenren! das Heiligthum wiedergewinnen, den entweihten Gottesraum säubern und heiligen zu seinem Dienste! Den umgestürzten Altar des Herrn wieder anfrichten, freudig und willig uns unserem Gotte, seinem Worte, den ewigen Mahnungen und Forderungen unseres befferen, unsterblichen SelbstS mit hingebungsvoller Treue uns zuwenden! II. Was aber im Heiligthume nicht fehlen darf, ist das Licht, der Leuchter vor dem Herrn! Wie im alten Heiligthum, so auch in dem von den Hasmonäern wieder geweihten, war das Licht der erste Gegenstand der Sorge und, meine Freunde, auch wir müssen es wiederherstellen. — Das Licht im Heiligthume, davon wir reden, ist die frische, freie Entfaltung des Geistes, des nach Wahrheit dürstenden Wahrheit suchenden, aber auch sie zu erkennen und zu faffen ausgerüsteten Geistes! DieKlarheit undLauterkeit dcr Erkenntniß, der frische belebende Labetrunk ans dem nimmer versiegenden Quell der Wissenschaft! Glaubet ihnen nicht, jenen falschen Frommen, die den Verfall der Religion und des Glauben? aus der andrängenden Macht der Wiffenschaft erklären wollen, und, um diese zu retten, jener den ewigen Krieg angekündigt; glaubet nicht denen, die da meinen, der unentwickelte, ungebildete Geist, der seine Kraft nicht übt, seine Schwingen nicht geregt, er sei berufen in das Reich Gottes! Der wahre, echte Glalibe und das wahre echte Wiffe» — sie sind friedliche - Zwillingsgeschwister, in Liebe und traulicher Innigkeit verbunden; der falsche Glaube und die halbe Frömmigkeit — das halbe Wissen und das falsche Wiffen — die fliehen einander und meiden sich als nimmer versöhnte Feinde! Sucht doch das echte Wissen Gesetz und Zusammenhang, das ewige Band des Gedankens als leitenden Goldfaden in dem Gewirre der Erscheinungen auf, und zeigt doch der wahrhaft echte Glaube das einigende Band dem bestürmten, hin- und hergezerrten Gemüthe, daß es sich nicht verliere und nicht irre gehe! — Das Licht in unserem Heiligthume darf nicht fehlen! Es hat nie gefehlt im Heiligthume des Herrn, es hat hell und lauter geglänzt, als die Propheten redeten und die Zions-Säuger Gott verherrlichten, als jene aus heller gotterleuchteter Seele von den Saaten verkündeten, die im Schooße der Zeit reifte», weil ihnen das Gewebe der Vergangenheit klar, das Getriebe der Gegenwart verständlich, — darum hoben sie die leichten, durchsichtigen Schleier der verhüllten Zukunft! Es hat nie gefehlt im Heiligthume des Herrn! Was die Fülle der Wissenschaft bot, was in Hörsälen der Weisen war gelehrt, dem hat Jisrael willig und freudig gehorcht, und die erbeuteten Schätze hat es heimgebracht und zu seiner Lehre Verherrlichung und Erhebung genützet. Trauet nicht den Frommen, die das Wissen höhnen, nicht den Wissenden, die den Glauben verloren! Nicht die Finsterniß Jener und nicht der Kerzenschimmer Dieser kann uns den Tag ersetzen, nicht die starre, regungslose Dumpfheit Jener, nicht die laute, anmaßliche, vordringliche Beweglichkeit der Andern wird uns den Weg der Wahrheit führen. Eine Weisheit, die das Herz verödet und von Gott entfernt, die kein Gebot kennt als das der Willkür, die die Ungebundenheit und die Zügellosigkeit lehrt und die Freiheit in die Laune und Eigenwilligkeit setzet. Sehet die letztverflossenen Jahrhunderte mit ihrer Trübsal von außen, ihrer Düsterkeit von innen an, sehet die noch vorhandenen Reste jener trüben Zeit der Rohheit und Verwilderung. jene lebenden, umherschleichenden Mumien, die am hellen Tage die Angen schließe», und ihr habt die bündigste Widerlegung Jener; sehet die Gegenwart mit ihrem eitlen Wiffensprunke und ihrem absprechenden, alles verhöhnenden Hochmnthe, und ihr sehet, wohin das andere führt! Das Licht soll im Heiligthume leuchten, vor Gott soll der Hohepriester den Leuchter anzünden! Zu ihm empor die Flamme sich richten und ihm aus ihrem Strahl und ihrem Glanz in ungetrübter Lauterkeit das Heiligthum erhelle»! Von reiner, geweihter Hand soll es gepflegt und soll gewartet und gehütet werden! So weihet den Geist der Eurigen an der innigen und feurigen Liebe zu Gott und seiner Lehre, erfüllet ihre Herzen mit tiefer Demuth vor ihm und mit dem Stolze und dem freudigen Selbstgefühle, daß sie bewußt sind, ihn zu erkennen und zu bekennen und ihm zu zeugen, durch Wort und That, von der Herrlichkeit und Lauterkeit seiner Lehre, von der heiligenden Macht seines Gebotes (Deut. 28,10) Tpa1811 'pI? 8lpS 111'' Dü 12pK 1 'üV-bS 1811 auf daß alle Erdenvölker sehen, daß Gottes Name sei auf Dir genannt, und Ehrfurcht vor Dir haben! Sehet hin auf das Vorbild der Hasmonäer! Haben sie nicht ihrem Volke da? Licht wieder errungen, das Gotteslicht, das von den Nebeln des Wahnes und den Wolken der Lüge sollte verdunkelt werden? Haben sie nicht als den schönsten und edelsten Ertrag ihres Kampfes vor Allem in dein Heiligthume des Herrn die ewige Leuchte wieder gezündet? Das Heiligthum Gottes und seine Lehre und sein Glaube — ohne Licht, ohne die helle Fackel der Erkenntnis;, ohne den freien lebendigen Geist der Wahrheit, ohne den Glanz und die Helle der Erleuchtung — das ist eben nicht das rechte, wahre Heiligthum! Schöner und reiner bewähret der Glaube »immer seine Macht, als wenn er in einem lichten klaren Geiste, aus einer für alles, was Leben und Wissenschaft bietet, empfänglichen Seele in seiner lauteren Klarheit wird zurückgestrahlt. „Außerhalb des Vorhanges des Zeugnisses, da soll der Leuchter im Heiligthume brennen!"') Bedarf Er des L'chtes? Sind sie doch vierzig Jahre durch die Wüste nur an Seinem Lichte gezogen! Aber das Licht im Heiligthume, der helle, sich selbst gewisse, klare Glaube, sie sind das Zenguiß, daß in Jisrael göttlicher Sinn und göttlicher Geist walte! Wo ein solcher echter, inniger Glaube wohnt, da laufen die Strahlen der Wissenschaft in denselben Brennpunkt zusammen, l) Tr. Sabbath p. 22 b.