Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-13 · Heft 50 (13.12.1895) · p. Seite 592

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
Seite 592 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228145--52413-3273206
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gottestenipel wieder zu zünde»? Gilt cs nicht auch für uns, der Schwäche und Erniedrigung uns entgegenzustellen und uns die Ehre und Geltung zu erkämpfen? Das war das Werk der Hasmonäer! Nach diesen Seiten hin wandte sich ihre Kraft; sie ruhten und rasteteil nicht, bis daß es vollendet war, das Werk der Wiederversiingung und Erhebung Jisraels in seinem inneren Leben, sowie in seiner äußeren Stellung! Als jenes erste Heiligthnm, das das seinem Sklavenjoche entronnene Jisrael seinem Gotte in der Wüste gründete, fertig war, als nun die Umhänge und Teppiche und Säulen und Gestelle aus der eifrigen Künstlerhand vollendet hervorgegangen, als nun endlich dem ans seinen Zügen herumirrenden Volke ein fester Mittelpunkt sollte gegründet werden in seinem Heiligthume, das auf das unablässig hinwies, das der eigentliche Mittelpunkt des Lebens Jisraels ist und bleiben soll, da kamen, wie wir in der Schrift vorhin vernommen, die Fürsten, die Edelsten und Ersten und brachten ihre Opfer und Weihgeschenke! Freudig und willig boten die Führer von ihrem Reichthuine, daß er zum Schmucke und Dienste dessen werde verwandt, was sie als das höchste Kleinod und den theuersten Besitz erkannt! Und als das Heiligthnm war ausgestellt worden und die Einweihungsopfer abgethan, da zündete Aharou, der Hohepriester, das Licht vor dem Herrn an, und als die nächste Verfiigung Gottes an Moscheh lesen wir in demselben Abschnitte, daß er silberne Drommeten fertigen ließ, die das Volk zusammenrufeu und vereinigen sollten, wenn es hinauszog in den Kampf gegen den drohenden Feind! Da habt ihr wiederum die drei Stücke, die wir als das wesentliche hervorgehoben, die Weihe des Heiligthnms, das Licht im Heiligthnm, der Aüeu gemeinsam erschallende Ton, der sie Verbünden und einigen soll, wo es gilt, vor dem Feind den Kampf zu bestehen. So möge denn das unserer heutigen Betrachtung Ziel und Richtung sein, was uns fehlet und was wir daher uns erringen müssen, uns zum Bewußtsein zu bringen und auch darauf hinzudeuten, wie und wodurch es zu gewinnen und zu erreichen sei, daß wir den höchsten und heiligsten Interessen Theilnahme und liebende freudige Hingebung erwecken, daß wir unserer Kraft Weg und Richtung anweisen. Dazu gebe Gott der Herr seinen Segen, dem Worte, das wir reden, seinen Beistand, und Denen, die es vernehmen, die Willigkeit und Empfänglichkeit des Herzens. Amen! I. Das erste, das uns fehlet, ist da? Heiligthum, und das müssen wir vor Allem wiedergewinnen! Nehmet das Wort in weitestem Umfange, nehmet es in engerer Fassung, der Ausspruch ist und bleibt giltig und wahr! Uns fehlet das Heiligthum, der Sinn für Gott und Glauben. So hart und verletzend die Rede klingen mag, sie ist nur zu sehr begründet und gerechtfertigt durch einen Blick ans die Zeit und ihre Gestaltung! Sind nicht die Altäre Gottes entweihet und wird nicht den falschen Göttern geopfert, die nichts nutzen, nichts fromuien, während dem ewigen und wahreil Gotte die Opfer werden vorenthalten? Was ich für Götzen meine, wiffet ihr; ich habe erst jüngst Gelegenheit gehabt, auf sie hinzuweisen, da ich die Worte des Patriarchen an seine Söhne euch auslegte, darin er sie auffordert, die fremden Götter von sich zu thu», die unter ihnen und in ihnen und mit frevler Liebe von ihnen gehegt und ausbewahrt werden! Uns fehlet das Heiligthum! Uns ist der Glaube und die Lehre, die unser Berrif und unsere Aufgabe ist, ein Gleichgiltiges worden! Fraget euch selber, da doch in solchen Dingen ein jeglicher selbst nach redlicher, gewissenhafter Erforschung allein Zeugniß abzulegen fähig ist. Fraget euch selber, was euch als der letzte feste Gmnd eures Glaubens und eures Bekenntnisses gilt, den ihr um keinen Preis der Erden, um keinen Gewinn und Vortheil, er sei ein noch so glänzender und verlockender, um keine Aussicht und Verheißung, und wäre sie die verführerischste, hingeben würdet? Suchet in euch selber, ob ihr das unzerreißbare Band entdecket, das euch an denr Bunde Gottes festhält? Fraget euch selber nach dem Kern und Inhalt, nach dem Inbegriff und der Summe eurer Ueberzeligungen und erwäget die Antwort redlich bei euch selber. Ist jene träge Willenlosigkeit, die den Forderungen deS Göttlichen sich abwendet, weil es, ein höheres Ziel erstrebend, als das ihr euch selbst habt vorgezeichnet, einer höheren Faffung des Lebens uns zuführend, als der, die sich bloß auf die niedrigen Ansprüche und Zumuthungen eines reichlichen üppigen Daseins in Genuß und Behaglichkeit beschränkt, ihre ewigen Marken und Grenzsteine mitten in den Tummelplatz des Gewöhnlichen und des Alltagstreibens hineinsetzet und euren trägen Gang störend unterbricht, etwa der Boden des Heiligthumcs? Ist es jene vornehme Kälte, jene hochmüthige Abgeschlossenheit, die da meint, Gott und seiner Lehre ein Opfer zu bringen, wenn er den Namen, den lästigen Namen, Jisrael nicht von sich wirft? Ist es jener frevle und unverantwortliche Leichtsinn, der das Gemüth der Jugend absichtlich den Lehren des Glaubens fernhält, um nicht in der eigenen Verkehrtheit und Willkür, in der eigenen Willenlosigkeit und Ohnmacht gehemmt zu werden, und an dem beflercn Sinne des unverdorbenen Gemüthes sein eigenes Verdammungsurtheil und Richtschwert sich zu erziehen? Ist es jene empörende strafbare Feilheit, da ihr die Erziehung der Euren denen anvertraut, die ohne Gott und ohne Glaube, ohne lleberzeugung und ohne Grundsätze, ohne Liebe zu ihrer Religion und ohne Verehrung für ihren Inhalt, um sich selber gegen den leiblichen Mangel 31t decken, euch und den Eurigen den noch viel herberen Mangel und die noch viel drückendere Dürftigkeit des Geistes und Gemüthes ins Haus bringen — oder gar sie denen in die Hände liefert, die dein Glauben Jisraels sind abtrünnnig worden, die den heiligen Bund zerriffen und aus Verblendung und Wahn oder ans Eigennutz und um weltlichen Vortheils die Reihen der Brüder habe» verlaßen? oder sollen sie vielleicht Verehrung und Liebe zu ihrem Gotte und seiner Lehre, zu dem Wöhle und Heile ihrer Brüder aus dem Munde derer lernen, die einem ganz fremden Bekenntnisse angehören? Ist es euch denn wirklich heiliger Ernst, wie ich von einem Jeden unter euch überzeugt bin, daß er Alles. Alles aufwendet, um das leibliche Dasein der Seinen fest zu begründen und es gegen alle Wechselfälle und alle Schwankungen einer unsichtbaren Zukunft sicher zu stellen, nur ebenso sehr Ernst, die Eurigen zu gottesfürchtigen, treuen Anhängern und Bekenner» Gottes und seines Wortes zu erziehen? — Habt ihr es euch wohl je gestanden, daß die erste und nöthigste aller Erkenntniffe. — der Grund und Beginn, das Ende und der Schlußstein alles menschlichen Wissens und Könnens, — die Furcht Gottes — diejenige Wissenschaft ist, die nicht in einer Stunde täglich wie eine fremde Sprache oder ein Brotwissen gelehrt werden kann, daß sie nur durch unablässiges Vorbild und Beispiel kann eingeprägt werden? — Klingt sie nun noch seltsam, meine Behauptung, daß uns das Heiligthnm, fehlt, daß es das Erste und Wichtigste sei, was wir uns wiedergewinnen und erringen müssen? Ist es nicht also, daß das Wort des Propheten sich an uns erfüllt: '2'rr nnaro nbn naai nap ro 3» baia p-o (Micha 7. 8) "irP3 'VZtt „Der Sohn spottet des Vaters, die Tochter lehnet sich auf gegen die Mutter, die Schnur gegen die Schwieger, des Mannes Feind ist der Genoß seines Hauses." Mit dem Verfalle des religiösen Sinnes und Lebens im Hause geht der Untergang und Sturz des Geisteslebens in Jisrael Hand in Hand, wo der Boden des Gesetzes und der Religion daheim unterhöhlet und unterwühlet wird, wo Nachgiebigkeit und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.