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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-13 · Heft 50 (13.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 50 (13.12.1895)
Date
1895-12-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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59. Jahrgang. Nr. 50. Allgemeine Berlin, 3 Dezember 1895. eitung des Dudenthums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner ü*. fuömig Philippson-Äonn. Verlags-Grpedition: Lerlin, Lerusalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion imb Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Die Bibelkritik. — Die Woche. — Die Tempelweihe. Aus dem Nachlasse von Dr. Michael Sachs. — Aus Rumänien. — Aus Oesterreichs vergangenen Tagen. Von Dr. M. Kapserling — Das Chanukahfest. II. Von Dr. B. Königsberger. — Feuilleton: Leib Weibnachtskucheu und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Die Makkabäerin. Von Clara Jaulus. — Litterarische Mitthcilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindedole. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Czarnikau. Stralsund, Wattenscheid/ München. Wien, Kojetein. Rom, Konstantinopel. New-Bork. — Don Nah und Fern. — Miseellen. Me Bibelkritik. _ra Berlin, 10. Dezember. ^L^i^ährend die Kulturmenschheit sich in unsern Tagen mit der Erörterung der großen sozialen und politischen Frage ab- 0 quält, vollzieht sich im Stillen ein Wunder, das für die Kultur der Zukunft wahrscheinlich bedeutungsvoller sein wird als alle die vielgepriesenen Errungenschaften unserer Zeit. Wo Meuschenstimmen schweigen, sprechen jetzt die Steine. Die Ausgrabungen, die von verschiedenen Nationen, namentlich von Engländern, in Babylon, Aegypten und Palästina unternommen werden, fördern die wichtigsten Resultate zu Tage, die allerdings zunächst noch den wissenschaftlichen Kreisen Vorbehalten bleiben. Ein Resultat aber, das wichtigste für uns, sollte doch bereits Gemeingut Aller werden, nämlich die merkwürdige Ucbereinstimmung, die diese Funde mit dem Bibelworte zu Tage fördern. Jede neue Ausgrabung bestätigt irgend ein historisches Faktum, das die Bibel erzählt, in der wunderbarsten Weise! Es ist mehr als seltsam, daß die moderne Bibelkritik, welche das heilige Buch schliminer wie einen alten Klassiker oder ein mittelalterliches Epos behandelt, von diesen Entdeckungen und Ausgrabungen im Grunde genommen nur selten Notiz nimmt und unbeirrt durch dieselben bei ihren Anschauungen verharrt. Ja, diese Bibelkritik! ES lohnt sich wohl, ein Wort über sie zu sprechen, gerade in dem Augenblick, wo eine neue Ausgrabung die Historizität der Geschichte Abrahams und seiner Kämpfe gegen die ostländischen Könige unter Führung Kador Leomer's glänzend bestätigt hat. Der Ahnherr der modernen Bibelkritik war kein Geringerer als Spinoza. In seinem „Theologisch-politischen Traktat", der die Religion vom Standpunkt der Wissenschaft beleuchten sollte, widmete er derselben ein eigenes Kapitel, in dem er mit großer Entschiedenheit alle seiner Anschauung entgegenstehenden Anschauungen zu betämpfen sucht. Er verlangt als den einzig zulässigen Gesichtspunkt für die Auslegung der Bibel die Wissenschaft. Er selbst stellt sich auf diesen Standpunkt und beurtheilt von da aus mit großer Sicherheit sowohl den Inhalt als die Beschaffenheit der Bibel selbst. Mit der Macht des sich Bahn brechenden Gedankens entwickelt er seine Lehren und kämpft siegreich für seine Idee, die Denkfreiheit in anderen Dingen und auch in Ansehung der Bibel zur Geltung zu bringen. Unbestritten bleibt der Ruhm Spinoza's auch auf diesem Gebiete. Namentlich seine Erklärung der Willensfreiheit, vermöge welcher der Mensch als Bestandtheil der gesetzmäßigen Natur innerhalb der Grenzen derselben seine ihm eigenthümliche Natur zur Geltung zu bringen bestimmt sei, ist bewunderungswürdig und enthält die Quelle der großartigsten Aufschlüsse über unzählige Stellen der Bibel. Leider hat sich aber Spinoza nicht überall dieses so richtigen Grundsatzes bedient. Sein wissenschaftlicher Standpunkt führte ihn oft in die Irre, und so bewährte sich an ihm selber die von ihm in solcher Tiefe erfaßte Gebundenheit der menschlichen Natur. Es unterliegt ja gar keinem Zweifel, daß der wissenschaftliche Standpunkt Spinoza's in der Auslegung der Bibel seine Berechtigung hat und daß die Bibelkritik an sich berechtigt und zulässig ist. Aber damit ist nicht gesagt, daß dies der einzig zulässige, noch weniger, daß dies der höchste Standpunkt ist. Spinoza selbst hat zugestanden, daß man die Bibel ans ihr selbst erklären müsse, aber er hat dabei de» Fehler begangen, die Wissenschaft von der Bibel mit dieser selbst zu verwechseln. Wenn heutzutage über die Inquisition geurtheilt werden sollte, so wird man aus der bloßen Vernunft heraus kein zutreffendes Urtheil über ihr Wesen gewinnen können. Dies kann vielmehr ans der Durchforschung des Gegenstandes selbst, um den es sich handelt, gewonnen werden. Daraus ergiebt sich das Verhältniß, in welchem Vernunft und Wissenschaft bei der Auslegung der Bibel in Anwendung kommen können. Vernunft und Wissenschaft müffen ausgebildet und erworben sein, um uns als Mittel zu dienen und die Befähigung zu verschaffen, den der Bibel innewohnenden Geist aus ihr selbst zu ergründen. Dies ist aber nur möglich, wenn man aus dem Rahmen der Bibel nicht heraustritt. Maimonides »nd die französischen Exegeten haben solcher Weise die Bibel ausgelegt, und diese Anschauung bekämpft Spinoza. Aber Jene verdienten als Ausleger der Bibel eine höhere Geltung als Spinoza. Denn sie befolgten jenen richtigen Grundsatz des großen Denkers, die Bibel aus ihrem eigenen Geiste zu erklären, von welchem Jener sich oft gegen seinen Willen weit entfernt. Je mehr Spinoza in wissenschaftlichem Geiste seine Anschauungen über das Wesen der Bibel bereichert und aufgeklärt hat, desto weiter hat er sich entfernt von derjenigen Auffassung, welche allein als die höchste »nd als die entsprechende gelten muß, von der religiösen. Nur innerhalb der religiösen Auslegung kann von einem Unterschiede der vernünftigen und thörichten Auffaffung der Bibel gesprochen werden. Eine wissenschaftliche Auslegung, sie mag welche immer sein, hat für die Religion oder für die religiöse Auffassung keine Bedeutung. Und darum ist es eine ungeheuere Täuschung,

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