Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1895)
- Date
- 1895-12-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 gegründet hat. Wenn sich diese Angabe bestätigt, und sie wird glaubwürdigerseits verbürgt, so muß zugegeben werden, daß Jung-Werner sich mittlerweile verblüffend entwickelt hat, ja, daß diese seine Entwickelung besonders auch in Bezug auf das altmodische Gefühl der Erkenntlichkeit alle Erwartungen übertroffen hat, die des Stipendiengebers nicht ausgenommen. g. Ems, 2. Dezember. Mit Beginn des Winters bereits pflegen bei dem hiesigen Verein „Majne hajeschuoh" (Emser Heilquelle) Unterstützungsgesuche solcher Kranken einzugehen, welche einer Emser Badekur bedürfen, aber im königlichen Kurhospitale keine Aufnahme finden können. Nach den Statuten werden Kranke ohne Unterschied der Nation ausgenommen, Lehrer und andere Kultusbeamte werden bevorzugt. Der Jahresbericht des Vereins ist kürzlich erschienen und bringt an seiner Spitze in Trauerrand ehrende Worte zum Gedächtniß des dahingeschiedenen Ehrenpräsidenten, Herrn Professor Joseph Derenbourg, der zu den Stiftern des Vereins gehörte. In der Reihe derselben finden wir auch S. H. Goldschmidt, Präsident der Allianc6, Baron Ad v. Rothschild, Frau Baronin Nathaniel v. Rothschild, Henry Hirsch, Nottingham, ebenso führt das Verzeichniß der Woblthäter, welche einen einmaligen Beitrag von 50 bis 100 Mark geleistet haben, Glaubensgenossen aus allen Ländern auf. Der Uebersicht über die Bereinsthätigkeit entnehmen wir, daß für arme Kurgäste, zumeist in Form der Gewährung freier Pension nach den religionsgesetzlichen Anforderungen, 2006 Mark, ferner Arznei und Bäder verabreicht wurden. Die Einnahmen betrugen im im Berichtsjahre 3118 Mark, der feste Fonds 5433 Mark. Vorsitzender des Vereins ist z. Z. Dr. Aronsohn-Ems-Nizza und Schriftführer Bezirksrabbiner Dr. Weingarten. Oesterreich Ängarn. □ Wien, 2. Dezember. Der Antrag auf Auslieferung der Abgeordneten Lueger und Schneider gab den Antisemiten wieder Anlaß, eine der von ihnen neuerdings mit Vorliebe inszenirten Skandalsitzungen zu provoziren; insbesondere Schneider geberdete sich derart, daß selbst ein antisemitisches Blatt davon folgendermaßen spricht: „Das Benehmen des Abgeordneten Schneider ist ein derartiges, daß es entschiedene Zurückweisung und Berurtheilung verlangt. Der schärfste parteipolitische Gegensatz rechtfertigt den rüden, rohen Ton nicht, den dieser Abgeordnete im Hause anzuschlagen beliebt. Das ist mit einem Worte unanständig und nützt der antisemitischen Sache nicht nur nichts, sondern schädigt dieselbe auf das Empfindlichste." — In Kolomea herrscht ein erbitterter Wahlkampf um das Reichsrathsmandat; die hiesigen Antisemiten haben schriftlich ihre Gesinnungsgenossen aufzefordert, die Wahl des Dr. Bloch mit allen Mitteln zu bekämpfen, weil sie ihn vor Allen fürchten. Und nun — Sie werden es in Deutschland kaum glauben — haben sich dort Juden, die sich als solche bekennen, gefunden, die bereit sind, dem Prinzen Liechtenstein diesen Gefallen zu erweisen und einen Strohmann, einen gewissen Dr. Trachenberg, statt des schneidigen und unermüdlichen Bloch zu wählen. Man sollte es in der That nicht glauben! Dieser Vorfall erinnert ohne Zweifel an die dunkelsten Perioden unserer Geschichte. Aber Gott sei Dank, daß derartige Dinge heute doch nur noch in Galizien möglich sind. — Heute fand sogar eine Straßen dem onstration mehrerer tausend antisemitischer Frauen statt. Für heute Nachmittag war eine Frauenversammlung nach einem im Prater belegenen Lokale berufen. Dr. Lueger und andere antisemitische Größen sollten hier sprechen. Die Frauen waren aber in solchen Massen erschienen, daß die Lokalitäten sie nicht zu fassen vermochten und ein lebensgefährliches Gedränge entstand. Die Polizei machte die Abhaltung der Versammlung davon abhängig, daß ein Theil der Versammelten den Platz räumte. Nachdem jedoch alle hierauf abzielenden Bemühungen gescheitert waren, löste die Polizei die Versammlung auf. Nun zogen die Frauen in Hellen Schaaren vom Prater nach der Stadt, in den Straßen immer wieder irr lärmender Weise für Lueger demonstrirend und die üblichen antisemitischen Rufe ausbringend. Das hier beispiellose Schauspiel einer Straßendemonstration durch Frauen erregte natürlich großes Aufsehen. — Der ungarische Dichter Edmund Zalan Endrey hat mit seiner fünfaktigen Tragödie „Königin Helene" den Koczan-Preis der ungarischen Akademie errungen. Endrey ist der Sohn einer sehr armen Altofner jüdischen Familie. Der junge Mann, dessen eigentlicher Name Edmund Ehmann ist, verwaiste früh und hatte mit der größten Noth zu kämpfen, um sein Leben in der Hauptstadt als Schauspieler und Schriftsteller zu fristen. Der nun errungene Erfolg wird den jungen Dichter, der gegenwärtig derEgry'schen Theatergesellschaft Er-Mihalyfalva angehört, hoffentlich von fernerer Noth befreien und für die zukünftige Karriere des vielversprechenden Jünglings ausschlaggebend sein. B. Budapest, 1. Dezember. Die Frage der Einsegnung gemischter Ehen bildet noch immer das Tagesgespräch. Der Araber Rabbine r Dr. Alexander Rosenberg, der seit dem Jnslebentreten des einheitlichen Ehegesetzes zwei Mischehen einsegnete, äußerte sich in dieser Frage in einem Schreiben an einen hiesigen Freund folgendermaßen : Ich wünsche wohl nicht die Ehe zwischen Juden und Christen, aber da dieses Eheverhältniß weder nach der Thora, noch nach dem Talmud, welch letzterer nur auf Heiden das Eheverbot bezieht, ein sündiges ist, und das Staatsgesetz uns gebietet, eine solche Mischehe anzuerkennen, so habe ich mich entschlossen, im Interesse meiner Religion und der Humanität, um die nicht zu entfremden, die von mir als Juden den Segen verlangen und die nicht gefühllos abzuweisen, die als Christen im Namen des einzigen Gottes gesegnet werden wollen, eine solche Mischehe, wenn auch nicht rituell zu trauen, so doch derselben den Segensspruch der Priester zu geben. Dies ist meine innigste religiöse Ueberzeuguug, nach der ich handeln werde bis zu meinem letzten Athemzuge. Während Herr Rosenberger von Seiten der jüdischen Presse vehementen Angriffen ausgesetzt ist, wird ihm von der Tagespresse und der freisinnigen Jugend Weihrauch gestreut. — Die maßlose Agitation der Volkspartei bahnte auch in Ungarn die Wege des Antisemitismu s. Nicht nur auf dem flachen Lande, sondern auch in der Hauptstadt zeigen sich die Anhänger der genannten Volksaufwiegelungspartei nicht unthätig. Unter dem Protektorate des hiesigen Universitätsklubs konstituirte sich ein antisemitischer Klub, der antisemitische Flugschriften in Umlauf setzte und auch in dem Vereinsorgane „Egyetemi Lapok" dem Antisemitismus das Wort redete. Dank dem energischen Eingreifen des Unterrichtsministers Wlassics und des Rektors Lengyel ist es gelungen, diesen morbus Viennensis im Keime zu ersticken. Der Klausenburger Universitätsklub faßte den Beschluß, dem erwähnten Vereinsorgan wegen der antisemitischen Richtung die Unterstützung zu entziehen. — Einen schönen Akt der Pietät begehen mehrere Schüler der vom Rabbiner Blumgrund gegründeten israelitischen Volksschule in Boleso, wo der vor Kurzem verstorbene Lehrer Max Lchwarz zwei Jahrzehnte segensreich wirkte. Im Wege einer Sammlung unter den Schülern wurden die Kosten zur Errichtung eines kunstvoll ausgeführten Grabsteines und einer seinen Namen führenden Stiftung für arme Schüler aufgebracht. — Herr Max Szabolcsi, welcher wegen eine Festnagelung von dem mit seinem Namen einen häßlichen Schwindel betreibenden Hirsch Majer Mendelssohn gerichtlich belangt wurde, wurde einstimmig freigesprochen. — In Garam Ris Sallo, wo von einem Geistlichen die „Blutklage" aufgesrischt wurde, wollen sich die Gemüther noch immer nicht beruhigen. Der Kaufmann Adler hat sich, um den wiederholten Insulten zu entgehen, veranlaßt gesehen, sein Geschäft aufzugeben. Krügarieu. v. Sofia, 29. November. Ich berichte Ihnen heute über die Audienz der Sofiaer sep hardischen Gemeinde bei dem Minister Dr. Stoilow. Verwichenen Freitag unternahmen es mehrere angesehene Mitglieder der hiesigen Sephardimzemeinde mit ihrem greisen stellvertretenden Rabbiner Herrn Jzchak Bakisch an der Spitze, die bewußte Angelegenheit in einer Audienz zur Sprache zu bringen. Um 4 Uhr wurde die Deputation vom Ministerpräsidenten in zuvorkommendster und liebenswürdigster Weise empfangen. Rabbiner Bakisch, als Sprecher der Deputation, nahm das Wort (in bulgarischer Sprache), um dem Ministerpräsidenten Namens aller Juden Bulgariens zu danken, daß derselbe in so rascher und energischer Weise sich der bedrängten jüdischen Unterthanen angenommen, wodurch ein großes Unglück von denselben in kurzer Zeit abgewendet wurde. Die Juden Bulgariens wissen dem Ministerpräsidenten Dank auch für die Wrazzaer Affäre, welche bedeutende Ausschreitungen hervorgerufen hat, und seiner Intervention nur ist es damals gelungen, die Unschuldigen aus der Haft zu befreien. Schließlich erlaubte sich der Sprecher, das Ansuchen an den Ministerpräsidenten zu stellen, durch ein eigenes Gesetz diesem Treiben einen Damm zu setzen.