Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1895)
- Date
- 1895-12-06
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 eventuell zu veranlassen, daß ein derartiges Petitum an die Sobranje eingebracht werde. Der Ministerpräsident meinte, daß ein solcher Schritt wohl versucht werden könne, doch könne man für den Erfolg der Sache selbst keine Garantien bieten. Der Sobranje aber werde ein Strafgesetzentwurf zugehen, welcher geeignet erscheint, derartige Ausschreitungen strengstens hintanzuhalten durch Bestimmungen, welche das ottomanische Strafgesetz nicht kennt Es sind das jene Paragraphen, welche von Aufreizung gegen eine Nationalität, von Beschimpfungen einer Konfession, ja nicht blos einer Gemeinschaft, sondern auch von Einzelpersonen handeln. Die Schuldigen, wenn dieselben dem bürgerlichen Stande angehören, ereilt eine empfindliche Freiheitsstrafe, die kompromittirten Regierungsorgane Entsetzung von ihrem Posten. Gegen Bosheit lassen sich kann: genügende Gesetze machen, und hängt es von der Regierung und deren Handhabung ab, dieselbe zu paralyfiren. Im Wrazzaer Prozesse trägt die ehemalige Regierung allein die Schuld, daß diese so klare Sache nicht mit einem Schlage beseitigt und die Schuldigen bestraft worden sind. Der Ministerpäsident erkundigte sich auch über den tand des Tempelbaues u. A. m. und entließ die Deputation nach einstündiger Audienz. Zur Ergänzung des ersten Berichtes wollen wir noch bemerken: Wenn in Wrazza alles ausgeboten wurde, um den mystischen Mord noch undurchdringlicher zu gestalten, beharrte der Ministerpräsident diesmal auf der gründlichsten Nachforschung. Schon am Freitag Nachmittag, nach Einbringung des Telegrammes seitens der Juden in Tatarbazardschik, entsendete Dr. Stoilow eine UntersuchungHkommisston mit dem Justiz-Inspektor an Ort und Stelle. Dort ang'elang^, wurde die Untersuchung nicht mehr bei den Juden, sondern im Haust der Eltern des Kindes geführt. Eine protestantische Nachbarin hat noch Tags zuvor die Aufmerksamkeit des Bezirksnatschelnik darauf gelenkt, man solle nur den Anstandsort im Hause jener Eheleute suchen, waö der Bezirkshauptmann beharrlich mit den Worten verweigerte: Wozu bei diesen Unglücklichen noch suchen. Endlich, beim Erscheinen der Kommission aus Sofia, wiederholte das betreffende Weib ihre Aussage untz ging man darauf ein, was auch nicht resultatlos blieb. Denn als man die Oeffnung des Aborts mit einem geeigneten Stück Holz untersuchte, stieß man in einer geringen Tiefe auf einen elastisch-weichen Körper, welcher sich, als man ihn hervorzog, als die Leiche des Kindes präsentirte, die keine sichtbaren Spuren einer Verletzung an sich trug. Die Aerzte konstatirten bei der Obduktion, der Tod sei durch Erstickung eingetreten. Wer aber war der Mörder dieses Kindes? werden unsere geehrten Leser fragen — ein Jude oder eine Jüdin, oder wie hier ein Hebräer oder eine Hebräerin — bewahre! Nun, wir wollen dies auch gleich mittheilen, daß es die Welt, in der man antisemitistrt und Blutmären erlügt, erfahre. Die Eltern des Kindes, die trostlosen armen Eltern, wurden auf höhere Weisung in Haft genommen und einer gerichtlichen Untersuchung unterzogen, und es stellte sich heraus, daß die eigene Mutter wegen einer Eifersucht eben ihr eigenes Kind umgebracht! Amerika. 0. H. New - Dort, 16. November. Am 5. November wurden in 13 Ltaaten der Union Wahlen abgehalten, welche einen überwältigenden Sieg der Republikaner ergaben. Gewählt wurden im Staate New-Iork: Jakob Cantor und Henry Munzinger als Senatoren, Charles Adler als Mitglied der Repräsentanz und Josef Newburg als Richter. Im Staate Ohio wurde als Senator Charles Fleischmann, als Repräsentant Theodor Meyer; im Staate Kentucky Moses Kaufmann als Repräsentant gewählt. Samuel Goldwater, ein polnischer Jude der von der demokratischen Partei als Kandidat für das Amt eines Mayor von Detroit aufgestellt worden war, unterlag zwar, vereinigte jedoch eine bedeutende Stimmenzahl auf seinen Namen. — Die Gemeinde Israels Hope in New - Uork hat Sonntagsgottesdienst eingeführt. Ihr Rabbiner ist Herr Dr. Adolph Radin. Auch Herr Rabbiner A. Norden in Chicago hat Sonntagsgottesdienst begonnen. Desgleichen wird die neugegründete Gemeinde lsaiah-Temple in Chicago Sonntagsgottesdienst abhalten. Sonst giebt es in Chicago vier, in New - Jork zwei Gemeinden mit Sonntagsgottesdienst. — Die Gemeinde Temple Israel in New-Uork, welche bisher ihren Mitgliedern das Aufbehalten der Kopfbedeckung freigestellt hat, will jetzt die Abnahme der Kopfbedeckung beim Gottesdienste obligatorisch machen. — Vielfache Zustimmung findet ein von dem Rabbiner Max Heller iu New-Orleans unter dem Titel „Occidentalism“ veröffentlichter Vortrag, worin für eine konservativere Richtung im Gottesdienste, Beibehaltung des traditionellen Sabbath und der Thorarolle Propaganda gemacht wird. — Die Vereinigung der jüdischen Wohlthätigkeitsgesellschaften New-Jork's, United Hebrew ( harities, hatte im abgelaufenen Jahre eine Einnahme von 144,000 Dollars und verausgabte 139,000 Dollars. Die Hilfe der Gesellschaft wurde in 33,000 Fällen angesprochen; 6629 Applikanten wurde Arbeit verschafft. Die Einzahl der jüdischen Einwanderer, die im abgelaufenen Jahre im Hafen von New-Jork landeten, betrug 27,065 (gegen 16,381 im Vorjahre), davon waren 17,896 aus Rußland und Rumänien. Die Gesammtzahl der jüdischen Bevölkerung New-Jorks wird auf 300,000 geschätzt. Von Nah und Fern. ----- Fürst Bismarck hat Stöcker zu Zeiten für einen Reichsfeind gehalten. So erklärte jüngst sein Leibblatt: „der Fürst wurde nach einander von allen Parteien angegriffen und hat sich dagegen gewehrt im staatlichen und im Reichsinteresse. Seine Haltung ist allen Reichsfeinden gegenüber, zu denen er gelegentlich in feinem Innern auch Herrn Stöcker gerechnet hat, aber immer nur defensiv gewesen — Dem außerordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät der Universität Breslau, Dr. Alb. Ne isser, ist der Charakter als Geheimer Medizinalrath verliehen worden. — Bei den Stadtverordnetenwahlen in Leipzig haben die Antisemiten eine schmähliche Niederlage erlitten. Bon 13,872 abgegebenen Stimmen erhielten die Sozialdemokraten 8228, die konservativ-nationalliberalen Kartellparteien 4265, die Bürgerpartei 633, die Antisemiten 546 (!) Stimmen. - Professor Dr. Moritz Pasch in Gießen ist anläßlich seines fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläums vom Großherzog von Hessen das Ritterkreuz I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen verliehen worden. — Dem von dem Abg. Dr. Böckel in Berlin herausgegebenen antisemitischen Blatt „Deutsches Volksrecht" ist der Postdebit für Oesterreich entzogen worden. — Ein Musikstück, der Lueger-Marsch, der in letzter Zeit bei Konzertaufführungen von antisemitischem Publikum verlangt wurde, ist in Wien verboten worden. Den Militärkapellen ist das Spielen dieses Stückes bereits von vornherein verboten gewesen. — In Fertö-Szent-Miklos wurde Nachts die jüdische Volksschule demolirt, Fenster in von Juden bewohnten Häusern eingeschlagen und in ein jüdisches Haus sogar geschossen. — Den Wiener antisemitischen Redakteur K. H. Wolf verfolgt der Staatsanwalt in Gitschin (Böhmen) wegen Vergehens gegen § 302 des Strafgesetzes und Majestätsbeleidigung. Diese Vergehen beging Wolf gelegentlich einer Kandidatenrede für den böhmischen Landtag. — Der bisherige außerordentliche Professor Dr. Herzberg-Fraenkel ist zum ordentlichen Professor der Geschichte an der Universität Czernowitz ernannt worden. — Der rumänische Pope in Mo schnitz a wurde wegen Aufreizung gegen Juden und Ungarn zu drei Monaten Gefängniß und 100 Gulden Geldstrafe verurtheilt. — Baron Samuel Montagu, Mitglied des englischen Parlaments, erklärt, daß er nach Schluß des gegenwärtigen Parlaments eine Wiederwahl nicht annehmen werde. Auch bei der letzten Versammlung des Vorstandes des „Synagogen-Bundes" gab er seinen bevorstehenden Rücktritt vom Parlament kund. — Die Maccabeans, der bekannte jüdische Klub in London, hat ein jährliches Preisausschreiben eingerichtet für Schüler-Aufsätze über Fragen, die die Wohlfahrt, den Fortschritt und die Ehre der jüdischen Rasse betreffen. Das erste Thema lautet „Judas Maceabäus". Es gingen darauf ein 53 Aufsätze und wurden vertheilt 4 Preise zu einer und 2 zu y2 Guineen. — Josef Sebag-Montefiore, ein Neffe des berühmten Philantropen, ist an Stelle Arthur Cohens zum Vizepräsidenten des Board of Deputies erwählt worden. — Das Montefiore-Kollege in Ramsgate hat jüngst die Herren Dr. Grünberg und Bornstein als Rabbiner entlassen. — In Warschau beabsichtigen angesehene Männer ein jüdisches Gymnasium zu errichten, dem als Direktor der rühmlichst bekannten Mathematiker, Gymnasiallehrer Dr. K. Herz, vorstehen soll. - Nach neuester Zählung beträgt die Zahl der Juden in Jerusalem 28,112 unter 45,000 Einwohnern, 15,074 sind Aschkenasim. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.