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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-06 · Heft 49 (6.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 49 (6.12.1895)
Date
1895-12-06
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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59. Jahrgang. Nr. 49. ^ßXX + Eerlin. 6. Dezember 1895. Beilage zur „Akkgemeinen Zeitung öes Iuöenttzurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. LL2 Berlin, 4. Dezember. Die Betheiligung an den Repräsentantenwahlen am 28. v. Mts. war eine recht lebhafte, allerdings nicht eine so starke, wie man verbreitet hatte und auch wohl erwarten durfte. Es haben im Ganzen 4820 gewählt, also 8 Prozent wehr als bei den letzten Wahlen, davon im Centrum etwa 1460, im Westen 1013, in den übrigen Stadtbezirken erheblich weniger. Die von mehreren Blättern gebrachte Mittheilung von einem Sieg der „positiven" Partei war, nach den bisherigen Ermittelungen, jedenfalls verfrüht; das Wahlresultat werden wir aber erst in der nächsten Nummer mittheilen können. £2 Berlin, 2. Dezember. Kurz vor den Wahlen ist das Verzeichniß der wahlfähigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde erschienen, eine, nebenbei bemerkt, recht unvollständige und ungenaue Liste, der wir aber doch mit Bezug auf die soziale Stellung der Juden in Berlin manch interessante Daten entnehmen können. Was zunächst die gelehrten Berufe anbelangt, so befinden sich unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde 526 Aerzte und 315 Rechtsanwälte (nur der schamloseste Antisemitismus wird es wagen, diese Zahl erzwungener Berufe gegen die Juden auszubeuten); unter den Aerzten befinden sich 2 Geh.-Medizinalräthe, 12 Geh. Sanitätsräthe und 52 Sanitätsräthe. Unter den Rechtsanwälten 1 Geh. Justizrath und 18 Justizräthe. Dem juristischen Berufe gehören noch an 9 Amts- und Landesgerichtsräthe, 8 Amts¬ und Landrichter. Die Liste zählt ferner auf 40 Professoren, darunter 3 Geh. Regierungsräthe, 11 Privatdozenten, 12 Oberlehrer, 42 Lehrer, 30 Journalisten und Redakteure (das ist die verjudete Berliner Presse!) und 31 Schriftsteller, ferner 25 Musiker und Komponisten. Im Staatsdienst sind angestellt 1 Legationsrath, 4 Regierungsräthe, 1 Rechnungsrath, 1 Steueraufseher. Im Kommunaldienst 9 Stadträthe (darunter mehrere a. D.), 2 Stadtbaumeister, 1 Bauinspektor, 1 Syndikus, 2 Magistratsassessoren, 1 Standesbeamter, 2 Magistratsbeamte. Beim Postfach befinden sich 10berpostsekretär, 1 Postsekretär, 2 Postbeamte, 1 Briefträger. Beim Eisenbahnfach 1 Eisenbahnbetriebssekretär, 1 Eisenbahnbüreauassistent. Es finden sich ferner 12 Maler, 7 Bildhauer, 8 Schauspieler, 3 Theaterdirektoren. Im Baufach sind 11 Reg.-Baumeister, 10 Maurermeister, ferner 48 Ingenieure, Architekten, Zimmermeister und Baumeister. Hieran schließen sich 30 Chemiker in der Liste. Indem wir nun zu den Gewerben übergehen, zählen wir 112 Schneider, 57 Kürschner und Mützenmacher, 20 Schuhmacher, 18 Uhrmacher, 12 Buchdrucker, 13 Tapezierer, 11 Buchbinder, 9 Klempner, 5 Drechsler, 3 Sattler, 5 Schlosser, 6 Bäcker, 14 Glaser, 8 Vergolder, 5 Mechaniker, 4 Tischler, 3 Graveure, 3 Bürstenmacher, 2 Friseure, 2' Lederarbeiter, 1 Webermeister, 1 Korbmacher, 1 Töpfer, 3 Gärtner, 1 Färber, 1 Schirmmacher. Wir bemerken aber ausdrücklich, daß gerade hierbei die Liste am wenigsten maßgebend sein dürfte. Es finden sich aber außerdem noch in dieser Liste 2 Masseure, 1 Schaffner, 1 Oberkellner, 1 Feuerwehrmann, 1 Stallmeister, 1 Privatdedektiv und 2 Tänzer. Was nun die glücklichen Inhaber von Titeln und Würden betrifft, so finden wir 20 Kommerzienräthe, 9 Geh. Kommerzienräthe, 7 Konsuln und 7 Generalkonsuln, ja sogar 2 Freiherren und 4 „von" in der Liste der jüdischen Gemeindemitglieder verzeichnet. £2 Berlin, 1. Dezember. In den jüdischen Litteraturvereinen herrscht seit Beginn der Wintersaison ein wahrhaft reges Leben. Aus allen Gegenden und Städten Deutschlands kommen uns fortwährend ausführliche Berichte über interessante Vorträge, über die lebhafte Theilnahme und den reichen Beifall, den dieselben finden, zu. Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, daß wir uns dieses frisch pulsirenden Lebens herzlichst freuen — aber leider sind wir nicht in der Lage, diese ausführlichen Berichte über jeden einzelnen Vortrag in jedem einzelnen Verein in extenso bringen zu können. Dazu reicht der ohnehin so beschränkte Raum unseres „Gemeindeboten" keineswegs aus und wir wollen dies hier gleich ein für allemal bemerken, damit sich kein Verein und keiner unserer Korrespondenten zurückgesetzl oder verletzt fühle. Wir können fortan selbstständige Berichte nur in ganz besonderen Fällen bringen; dagegen wollen wir gern die uns zugehenden Nachrichten in einer Rubrik registriren und wir glauben, daß damit allen Theilen besser gedient sein wird. Indem wir hiermit den Anfang machen, erwähnen wir zunächst die besonders erfreuliche Neugründung von Litteraturvereinen in München — dank der Initiative des Herrn Rabbiner Dr. Werner — in Düsseldorf — dank der Initiative des Herrn Rabbiner Dr. David — in All enstein und Schönlanke. Auch bei dieser Gelegenheit bitten wir Alle, die ihren Gemeinden einen solchen Verein begründen wollen, sich ohne Weiteres an uns zu wenden. Wir werden ihnen gern mit Rath und That zur Seite stehen. Die Vorträge betreffend resumiren wir Folgendes: In Königsberg i.P r. hat Herr Rabbiner Dr. Rippner über „Herder und das Judenthum" gesprochen, in Mannheim Dr. med. Felsenthal über „die Hygiene in der mosaischen Gesetzgebung", in Karlsruhe Oberlehrer Dr. Lewy aus Mühlhausen über „die soziale Frage und das jüdische Alterthum", in Neisse Rabbiner Dr. Blumenthal aus Ratibor über „Elisa ben Abuja und Goethes Faust", in Hamburg Prediger Dr. Leimdörfer über „Sara Copia Sullam", in Lublinitz Rabbiner Dr. Friedmann über das Thema: „Ein Blick in die jüdische Geschichte und Litteratur", in Ratibor, wo sich der Litteraturverein besonders gut entwickelt — er ist erst vor einem Jahre begründet worden und schon jetzt der fünftgrößte in Deutschland — Rabbiner Dr. Blumenthal über „Ludwig Börne und sein Berhältniß zum Judenthum". Die dortige Vereinsbibliothek umfaßt nach dem eben erschienenen Katalog bereits über 300 wissenschaftliche und belletristische Werke. Im nächsten Quartal werden dort die Herren Professor Dr. Philippson und Oberlehrer Dr. Schäfer sprechen. Das Hamburger Vereinsprogramm verspricht noch in diesem Vorträge der Herren Kirchenrath Dr. Kroner, Rabbiner Dr. Frank, Rabbiner Dr. Werner, Professor Dr. Lazarus, Prediger Dr. Grunwald, Professor Dr. Cohen. ^2 Berlin, 2. Dezember. Zur Frage, ob jüdische Gutsbesitzer ihres Glaubensbekenntnisses wegen von der Mitgliedschaft im Schulvorstande einer christlichen Schule ausgeschlossen werden können, wird jetzt mitg.theilt, daß ein Erlaß des Kultusministeriums vom 21 November 1871 den Grundsatz aufgestellt hat, daß ein Jude zwar Mitglied der städtischen Schuldeputation, nicht aber Mitglied des Vorstandes einer christlichen Schule sein könne. Dagegen kam unter dem Ministerium Falk die Ansicht zur Geltung, aus den Bestimmungen des Schulaufsichtsgesetzes vom 11. März 1872 in Verbindung mit dem Bundesgesetze vom 3. Juli 1869 folge, daß die jüdischen Mitglieder der Schulgemeinde lediglich ihres Glaubensbekenntnisses wegen von der Mitgliedschaft im Schulvorstande nicht mehr ausgeschlossen werden können. z. Berlin, 1. Dezember. Am 25. v. M. fand im Festsaale der Gesellschaft der Freunde die diesjährige ordentliche Generalversammlung des Vereins „MädchenHaus Pankow" statt, an der die vornehmsten Mitglieder unserer Gemeinde, Herren und Damen, theilgenommen haben. Der Vorsitzende der Vereins, Herr Justizrath Makower, dankte nach Eröffnung der Sitzung den zahlreich erschienenen Mitgliedern für ihr reges Interesse an der guten Sache und erstattete hierauf Bericht über den Fortgang des Unternehmens, „das schon jetzt, nach kaum zweijährigem Bestehen, ohne besondere Reklame Erfolge verzeichnen könne, die zu den besten Hoffnungen, für die Verwirklichung der Zwecke des Vereins: arme jüdische Mädchen, insbesondere Waisen, zu dienstlichen Stellungen Stellungen zu erziehen, berechtigen könne. Das Vereinshaus in Pankow beherberge gegenwärtig nur 15 Mädchen. Da aber zahlreiche Bewerbungen vorlägen, die aus Mangel an Raum nicht berücksichtigt werden könnten, so müsse der Vorstand schon jetzt an einen Erweiterungsbau denken und Alle, die Herz und Sinn für dieses sozial wichtige und zeitgemäße Unternehmen haben, um weitere Beiträge zur Erreichung des gesteckten Zieles ersuchen." Es folgte hierauf die Auslassung eines Vorstands-

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