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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-06 · Heft 49 (6.12.1895) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 49 (6.12.1895)
Date
1895-12-06
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
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587 „Narr! . . . Blicke! . . . seit wann habe» Blicke Jemand besudeln können?... Also, morgen früh redest Du mit dem Janko. ... Oder noch besser, ich thu's selber. . . „Du?!" Er stieß es halblaut, fassungslos vor Erstaunen hervor. „Du?" wiederholte er langgedehnt, heiser, während alle Farbe ans seinem Antlitz wich und die Augen starr und immer starrer blickten. Ein ihm furchtbarer, ja entsetzensvoller Gedanke schien in ihm aufgestiegen zu fein. „Du?" rief er zum dritten Male, diesmal fast schreiend, und faßte ihre Hand. „Was soll das wieder heißen?" Sie wollte es zürnend rufen, aber es klang fast verzagt. „Warum nicht ich?" Kreidebleich stand er vor ihr. „Das geschieht nicht," sagte er langsam und laut. „Ich verbiete es Dir — ich, Dein Mann, ein armer Mann, der aber Ihn fürchtet und sein Kind liebt! ... Du willst dem Janko sagen: „Ich erlaube Dir, wieder zu uns zu kommen und mein Kind mit Deinen Blicken zu umbuhlen, wenn Du dem Herrn Deinen Garten verkaufst!" Sie wollte sprechen. „Leugne nicht!" rief er; nie vorher, in all' den langen, langen Jahren, da die beiden Menschen neben einander hergingen, batte er diesen Ton gegen sie angeschlagen. „Das hast Dn thun wollen! Du hast eben darauf vertraut, daß er in seinem Wahnsinn das Geschäft mit Dir macht. Die Rechnung war gut, aber ich lebe ja noch und sage: Nein! nein! nein!" (Fortsetzung folgt.) Feldzugsbriefe eines jüdischen Truppenarztes. II. In der Nähe der Festung Sedan, den 2. September 1870, Morgens früh. Liebe Bertha! Gestern, am 1. September, war hier den ganzen Tag über eine große blutige, hoffentlich die letzte und entscheidende Lchlacht, in der die Armee Mac Mahons, die uns gegenüberstand, nahezu vernichtet worden ist. Ich bin, Gott sei Dank, auch diesmal unversehrt und wohl! Ueber meine persönlichen Erlebnisse am Schlachttag erhältst Du vorläufig nur den folgenden kurzen Bericht meines Kriegstagebuches: Zwei Kompagnien des 1 Bataillons, welche ich begleite, rücken in der Frühe des Morgens aus und nehmen zunächst Aufstellung unweit des Dorfes Remilly am Ufer der Maas. Bon dem Uferrande aus, auf dessen hervorragendsten Höhenzügen unsere Korps-Artillerie ihre Geschütze aufgepflanzt hat, erblickt man, anfangs vom Morgennebel verschleiert, später ganz deutlich im Hintergründe der wellenförmigen Thalebene den Thurm der Festung Sedan und die dahinter gelegenen waldigen Berghügel. Wir bleiben hier Stunden lang unbeweglich stehen, hören und schauen, dem bald dem Flußufer sich nähernden, bald wieder sich davon entfernenden heftigen Artillerie- und Gewehrkampfe zu, in den das baierische Heer mit dem Feinde eingetreten ist. Endlich erhalten wir, nebst anderen Truppentheilen der Division, den Befehl, zur Unterstützung der anscheinend hart bedrängten Baiern eine von ihnen über die Maas geschlagene Pontonbrücke zu überschreiten, werden als Helfer in der Noth jubelnd begrüßt und gelangen an der Eisenbahnstation vorbei bis dicht vor das Dorf Bazeille, das die Baiern nach einem hartnäckigen, blutigen Straßenkampfe erstürmen und besetzen. Wir halten hier kurze Zeit angesichts des verwüsteten, brennenden Ortes und rücken dann weiter vorwärts dahin, von wo am lautesten der Kanonendonner und das Knattern der Mitrailleusen ertönt. In der nun eingenommenen Stellung an einem Waldsaume zu Füßen eines von Artillerie besetzten niedrigen Bergrückens sind die Kompagnien dem feindlichen Geschützfeuer fast eben so sehr als die vor ihnen stehende Artillerie, welcher sie als Bedeckungsmannschast dienen, ausgesetzt. Als die erste Granate dicht hinter uns krachend niederschlägt, erfolgt bei einem unserer Offiziere plötzlich der Ausbruch einer Geistesstörung, weshalb seine sofortige Wegführung geboten ist. Die durch das grobe Geschütz bewirkten Verwundungen sind meist sehr schwerer Art, ärztliche Hilfe, außer Anlegung des Nothverbandes, kaum möglich. Bei einem Soldaten verrichte ich sofort die Amputation des nahezu abgerissenen Unterschenkels. Ihn und mehrere andere schwer Verletzte lasse ich auf den Tragen unseres Medizinkarrens schleunigst nach dem Feldlazareth schaffen, welches in dem benachbarten Bazeille alsbald nach dessen Eroberung durch die Baiern errichtet ist und begebe mich spät Abends, nachdem die Schlacht siegreich für unser deutsches Heer geendet, ebendorthin. Da das Gebäude, in welchem das Lazareth sich befindet, zur Unterbringung der zahlreichen Verwundeten nicht hinreicht, so liegt ein Theil derselben im Hofe auf Stroh. Der Chefarzt Dr. G. nebst den ihm untergebenen Aerzten ist in angestrengtester Thätigkeit bei den Untersuchungen, Verbänden und Operationen beschäftigt, die bei Laternenlicht vorgenommen werden müssen. & Im Bivouac bei Bazeille vor Sedan, den 2. September 1870, Nachmittags. Geliebte Bertha! Ich schreibe Dir mitten unter den gewaltigen Eindrücken der letztvergangenen Tage. Durch die Kämpfe am 30. v. Mts., bei Beaumont und namentlich die gestrige, furchtbare Schlacht bei Sedan ist das französische Heer, das noch im offenen Felde Widerstand leisten konnte, vernichtet — der Kaiser Napoleon, so wird eben unter dem Jubelgeschrei der Soldaten und den Klängen unseres Nationalliedes verkündet — hat sich, an der Rettung verzweifelnd, sammt seiner in der Festung Sedan eingeschossenen, geschlagenen Armee gefangen gegeben, das Ende der Napoleonischen Herrschaft und vielleicht auch des ganzen Krieges ist gekommen. Ich sage vielleicht, weil Manche der Ansicht find, daß die von nationaler Begeisterung glühende französische Nation durch den Sturz Napoleons sich nicht abhalten lassen wird, den, wenn auch aussichtslosen, Kampf fortzusetzen, wofern, wie wahrscheinlich, deutscherseits Friedensbedingungen gestellt werden, die den Nationalstolz zu sehr demüthigen. Der gestrige Kamps wurde mit entsetzlicher Erbitterung geführt, Szenen der Barbarei und des Fanatismus sind vorgekommen, wie man sie unter zivilisirten Völkern der Gegenwart kaum für möglich halten würde, wenn man sie nicht selbst mit angesehen. Aus den Häusern der eroberten Dorfschast Bazeille ward von Weibern und Kindern auf die baierischen Truppen geschossen, von denen nunmehr die Häuser erstürmt, die Insassen getödtet oder dem Flammentode preisgegeben wurden. Soeben wird ein Trupp gefangener Greise, Mädchen und Frauen aus Bazeille, die Letzteren mit ihren zum Theil ganz kleinen, noch an der Brust liegenden Kindern, dem kommandirenden General vorgeführt, um aus seinem Munde ihr Schicksal zu erfahren. Eine junge, vornehm aussehende Dame voll nobler, stolzer Haltung führt das Wort und verlangt Schonung und freien Abzug der Gefangenen nach der benachbarten belgischen Grenze. Der General erklärt, daß sie, weil sie aus Häusern und Fenstern auf unsere Truppen geschossen, keine Gnade verdienten und daß deshalb auch ihr Dorf in Brand gesteckt sei; doch läßt er sich schließlich erweichen und gewährt freien Abzug. Ein Theil der Bewohner ist in den Flammen umgekommen, und die verkohlten Leichen werden unter Schult und Trümmern hervorgezogen. Tod und Zerstörung allüberall, wohin man blickt. Brennende und zerschossene Häuser, verwüstete Felder und Gärten, Blut und Leichen ringsumher. Die Lazarethe sind mit Sterbenden und Schwerverletzten überfüllt. Aber nicht blos in ihnen, sondern in fast allen Häusern, in Schuppen, Ställen, ja zum Theil auf offenen Höfen und Straßenwinkelu liegen Verwundete, stöhnend, in ihrem Schmerz sich windend, nach Hilfe oder Speise und Trank rufend. Ich schließe, ich halte Den für glücklicb, der diese Greuel des Krieges nicht mit eigenen Augen anzusehen braucht und sie nur aus den Berichten der Zeitung kennt. Adieu für heute, liebes, treues Herz, habe guten Muth, ich hoffe doch, der Krieg wird nunmehr bäld enden, und in nicht allzuferner Frist wird zu Dir und den lieben Kindern wohlbehalten zurückkehren Dein Dich liebender Mann.

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