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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-06 · Heft 49 (6.12.1895) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 49 (6.12.1895)
Date
1895-12-06
Page
Seite 581 (sequence 5)
Language
German
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581 als Gattin heimgeführt, und diese hochbegabte Frau ist in Berlin ebenso unernüidlich auf dein Gebiete der weiblichen Erziehung thätig, wie bei uns in Leipzig ihre ältere Schwester, die Jubilarin des heutigen Tages. Der Briefwechsel der beiden Schwestern, in dem das Persönliche ganz zuriicktritt, würde, wenn er veröffentlicht werden sollte, einen höchst interessanten Beitrag zur Kulturgeschichte der Frauenbewegung bilden. Aus den begeisterten Aufschwung des Jahres 1848 folgte die Reaktion, welche in der kleinen Stadt mit bleierner Wucht auf der Familie Benas lastete. Dieselbe siedelte daher nach Posen über, und hier reichte 1853 Henriette ihre Hand dem Warschauer Rabbiner, Dr. Goldschmidt, welchensie seit früher Jugendzeit kannte und verehrte. Derselbe hatte nach kurzer Ehe seine erste Frau verloren; diese hatte ihm drei Knaben hinterlassen, welche noch im zarteste» Alter standen. Diesen Knaben wurde die neue Mutter eine hingehend liebevolle und zugleich einsichtige Erzieherin. Alle drei sind tüchtige Männer geworden und schauen im Verein mit ihren Kindern voll Verehrung und Dankbarkeit zu der edlen Frau auf, welche ihnen noch jetzt die treueste Mutier ist. In innigster Uebereinstimmung mit ihrem Gatten erweckte sie in ihren Söhnen den Drang nach höherer Lebensführung. Eins nur war es, wodurch ihr in jenen reichen, schönen Jahren der Frieden des Gemüthes getrübt wurde: Die Gatten fühlten sich in Warschau gleichsam in der Verbannung, denn beiden gemeinsam war die leidenschaftliche Liebe zum deutschen Vaterlande. Deshalb nahm auch Dr. Goldschmidt im Jahre 1858 eine» Ruf nach Leipzig an, denn wenn auch hier keine größere Aufgabe seiner wartete, so fühlten sich beide Galten doch hoch beglückt in dem Gedanken, von nun an in einer Stadt Deutschlands leben zu dürfen, die seit langer Zeit als Vertreterin eines strebsamen, intelligenten Bürgerthums gerühmt wurde. Die freudigen Erwartungen des Ehepaares erfüllten sich. Um jene Zeit machte sich ein neues Geisteswesen fühlbar, welches im Jahre 1859 in der unvergleichlichen Feier von Schiller's 100 jährigem Geburtstag seinen begeisterten Ausdruck fand. Die Jubilarin hat mir später oft geschildert, welche Fiille der Freude ihr durch das Leben in der wiedergewonneuen deutschen Heimath wurde. Ein Kreis gleichgesinnter Freunde, zu dem die Professoren Roßmäßler und Wnttke, sowie deren Frauen gehörte, versainmelte sich in dem Goldschmidt'schen Hause; jüngere Gelehrte fanden vielfach in dieser angeregten Geselligkeit, der auch die weibliche Jugend nicht fern blieb, Anregung und Erhebung. Unterdessen offenbarten sich die ersten Anzeichen einer Bewegung der Frauen, welche die Erringung einer größeren Selbstständigkeit der Frauenarbeit und Fraueubildung zum Ziele hatte. Im Jahre 1805 war hier in Leipzig von Louise Otto der Allgemeine Deutsche Frauenverein gegrülidet worden, welcher sich zunächst die Bekämpfung aller der Frauenarbeit entgegenstehenden Hinderniffe zur Aufgabe stellte. 1866 trat Frau Dr. Goldschinidt als Mitglied in diesen Verein lind wurde schon 1867 in den Vorstand gewählt, dem sie ununterbrochen bis jetzt «»gehörte und in welchem sie gegenwärtig die Stelle der zweiten Vorsitzenden bekleidet. Au allen Schöpfungen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins hat die Jubilarin unmittelbaren Antheil genommen; fast allen Frauentagen welche der Verein in vielen Städten Deutschlands veranstaltet, rvohnte sie bei, und ihre nach Inhalt und Form mustergiltigen Reden halfen den Boden vorbereiten für die Aussaat unserer Ideen. So hat sie in fast allen großen Städten Vorträge gehalten und ist auch außerhalb der Frauentage von bedeutenden Frauen- und Männervereiuen als Rednerin nach einer großen Anzahl von Städten berufen worden. Hier in Leipzig hielt sie im Kriegswinter über „Die Stellung der Frau bei den alten Kulturvölkern" eine Reihe von Vorträgen, welche den ungetheiltesten Beifall fanden. Das Jahr 1871 sollte überdies für die Vereinsthäiigkeit unserer Jubilarin erhöhte Bedeutnng gewinnen. Sie hatte sich seit mehreren Jahren mit dem Studium der Schriften Friedrich Fröbel's beschäftigt und in den Werken dieses wunderbaren Mannes die Grundlage für eine ideale Erziehung des Menschengeschlechtes gefunden. Sie ließ sich nicht ernüchtern durch den handwerksmäßigen Betrieb, der in vielen Kindergärten herrschte, sondern stellte sich auf den idealen Standpunkt, von dem aus die Baronin Marenholtz-Bülow ihre bedeutsamen Werke über Fröbel und de» Kindergarten geschrieben hat. Um diese Ideale zu verwirklichen, gründete sie 1871 in Verbindung mit trefflichen Männern und Frauen den „Verein für Familien- und Volkserziehung". In dem schöpferischen Geiste der Gründerin des Vereins lebte schon damals ein Erziehnngsplan, nach welchem das weibliche Geschlecht von dem Kindergarten dis zur Universität geführt werden sollte. Bei Gründung des Vereins konnte natürlich nicht der ganze Plan zur Ausführung kommen; man begann daher mit der Errichtung von Volkskindergärten und einer Bilduugsanstalt für Kindergärtnerinnen. Diese Anstalten blühten um so schneller empor, als ihnen unter der lebensvollen Leitung ihrer eigentlichen Schöpferin jede mechanische Handhabung des Kindergartenwesens fernblieb. Als Beweis dürfte der Unistand gelten, daß der größte Theil der hier gebildeten Kindergärtnerinnen, auch nachdem sie die Anstalt verlassen hatten, nach immer höherer Durchbildung strebten. So sind z. B. mehrere derselben hier in Leipzig als Lehrerinnen au städtischen Schulen thätig. Gegen 600 junge, arbeitsfreudige Mädchen sind erwerbsfähig aus dieser vortrefflichen Bildungsstätte hervorgegangen und haben, wie ich aus Erfahrung weiß, derselben die lebhafteste Dankbarkeit beivahrt. Tausende von Kindern besuchten die sehr gut geleiteten Volkskindergärten. Der Verein hat überdies jetzt sein stattliches Heim im eigenen Hause, Weststraße 16. Ferner hat Frau Dr. Goldschmidt mittelbar die Anregung zur Gründung der städtischen Fortbildungsschule für Mädchen i» Leipzig gegeben. Sie hielt in dieser Sache einen Vortrag, dem der damalige Oberbürgermeister Koch und mehrere Stadtrüthe beiwohnten; auch reichte sie einen Lehrplan für die zu gründende Schule ein. Außerdem wurden auf ihre Veranlassung vom Verein für Familien- und Volkserziehung alljährlich zwei Reihen von Vorträgen für Damen eingerichtet, in denen von Professoren der Universität die bedeutsamsten wiffenschaftlichen, künstlerischen und sozialen Themata behandelt werden. Die letzte, im Sinne der Gründerin ihr Werk abschließende Neuschöpfung war das im Herbst 1879 gegründete Lycenm für erwachsene Mädchen. Der Lehrplan setzt die in einer höheren Mädchenschule gewonnene Bildung voraus, unterscheidet sich aber dadurch von verwandten Lehranstalten, welche eine wissenschaftliche und künstlerische Fortbildung des weiblichen Geschlechtes anstreben, daß sie nicht für den Erwerb vorbilden will, sondern für ihre Schülerinnen nur eine höhere, harmonisch gegliederte Bildung anstrebt. Die jungen Mädchen sollen durch die Fröbel'sche Erziehnugslehre und durch die Theilnahme an den Beschäftigungen des Kindergartens auf ihren späteren Erziehungsberuf als Mütter vorbereitet werden. Und hier berühre ich eine der verdienstvollsten Seiten in der unermüdlichen Thätigkeit unserer verehrten Jubilarin! Seit Gründung der Anstalt bis zum heutigen Tage ertheilt Frau Dr. Goldschmidt den Unterricht in der Fröbel'sche» Erziehungslehre mit ergreifender Innerlichkeit und höchster Geistesfrische. Da ist keine Spur der leider allzu häufigen mechanischen Lehrweise, da werden die Schülerinnen durch

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