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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-06 · Heft 49 (6.12.1895) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 49 (6.12.1895)
Date
1895-12-06
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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580 erlangt hat, ist für den, der einigermaßen die hiesigen Verhältnisse kennt, ganz erklärlich. Das Hetzblatt des polnischen Ahlivardt ist erstens billig, kostet nur 1 Mark vierteljährlich, und zlveiteiis, infolge des letzten Kampfes zwischen der Hof- und der Volkspartei, hat cs sich ans den Standpunkt der Volkspartei gestellt, und deshalb tvird es durch die Freunde und Anhänger der Volkspartei gefördert. Damit ist aber nicht gesagt, daß die Volkspartei überhaupt etwas mit dem Antisemitismus gemein hat oder haben wird. Das Hauptorgan der Volkspartei ist der demokratische „Orendownik" und der Urheber der Volksbewegung Dr. Szymauski, der Chefredakteur des genannten Blattes. Und dieser, wie sein Blatt, verdammt ganz entschiede», wie jeder ehrliche Mann, die antisemitische Wühlerei. Der „Postep" muß damit rechnen, und dadurch ist ihm der Riegel vorgeschoben, daß er nicht so, wie er wohl haben wollte, spielen kann. Uebrigens steht der Rest der polnischen Presse auch im schroffen Gegensatz zum Antisemitismus, mit Ausnahme des „Goniec Wielkopolski", der durch Hetzen und Wühlen sich mehr Abonnenten erwerben will, den mau aber bei seinem kleine» und minimalen Einfluß nicht ernst nehmen kann. Ten besten Beweis dafür hat die polnische Presse anläßlich der letzten Wiener Ereignisse geliefert und entschieden den Hetz-Demagogen Lueger und seinen Kollegen, den Gasthosbesitzer Steiner, verurtheilt, mit Ausnahme des „Postep", der natürlich in Lueger „den Finger Gottes" u. s. w. sieht. Was die Bevölkerung und die Massen anbetrifft, so ist selbst in der Stadt Posen kaum eine Rede vom Antisemitismus, in der Provinz haben wir unzufriedene kleine Handlverker, die sich keinen Rath wissen und deshalb auf die bösen Juden schimpfen. Die kleinen Handwerker — das sind die Abonnenten und die Stützen des polnischen antisemitischen Hetzblattes. Die polnischen Kanfleute, die größeren Handwerker und Industriellen wollen von der Wühlerei und Hetzerei im bürgerlichen Erwerbsleben nichts wissen, da sie doch davon überzeugt sind, in dieser Hinsicht mit de» israelitischen Mitbürgern im besten Einvernehuren zu leben. In Posen haben wir ja viele polnische Kaufleute, die garnicht bestehen könnten, wenn sie nicht die israelitische Kundschaft hätten. Das ist für Niemanden, der die hiesigen Verhältniffe kennt, ein Geheimniß. Damit muß auch der polnische Ahlwardt rechnen, und dadurch ist ihm auch der Riegel vorgeschoben. Zwar hat er auch versucht, den Antisemitismus auf die Landbevölkerung und auf die kleinen Bauern zu übertragen. Es wurde» in vielen ländlichen Ortschaften Versammlungen abgehalten. Aber das hat nichts genützt und es wurde kein Erfolg erzielt, aus dem Grunde, weil Niemand, oder nur sehr wenige, sich für die antisemitischskandalösen Vorträge interessirt haben. Aber auch bei den kaufmännisch gebildeten jungen Leuten ist der Versuch mit dem Antisemitismus gescheitert. Auch hier hat er keine Anhänger gefunden und sogar Widerwillen und Unzufriedenheit hervorgerufen. Die jungen Leute haben die bestdotirten Stellungen bei den israelitischen Kaufleuten. Es kommen wohl hier in Posen wie auch in der Provinz nicht selten Fälle vor, wo die israelitischen Kaufleute den polnischen jungen Leute» materielle Hilfe geben, daß sie sich etabliren und offene Läden errichten können. Ich kenne viele solcher Fälle, davon wissen auch die polnischen jungen Kalifleute, die deshalb die antisemitischen Hetzereien entschieden verdammen. Ich habe in diesen Tagen erfahren, daß die jungen Leute einen Verein bilden wollen, zu dem Zwecke, um bester gegen den Antisemitismus Front zu machen, damit er weitere Schichten der Bevölkerung nicht verpeste. Der Verein soll wöchentlich einmal seine Versainmlunge» in der Zaremskischen Konditorei abhalten. Solcher Verein lväre sehr am Platze, und es unterliegt keinem Zweifel daß er von gesund und selbständig denkenden Leuten mit Freude begrüßt wird. Den Antisemitismus unter den Polen fördert unzweifelhaft der Verein zur Förderung des Deutschthums in den Ostmarken. Der antisemitische „Postep" hat die ganze Sache sofort ansgebeutet, und da er nur unter den niedrigen Schichten verbreitet ist, so ist es ihm gelungen die ganze Sache so darzustellen, als ob an der Spitze des Vereins Israeliten ständen, die die polnischen Kaufleute und Handlverker boykottiren. Es wäre nun Sache des polnischen neuen Vereins, der in nächster Zeit zu Stande kommen soll, die Sache gründlich aufzuklären und ich habe die feste Ueberzeugung, daß dies auch gelingen wird, zumal die älteren Kaufleute ihre Hilfe den jungen Leuten nicht versagen wollen. «T. Sz.. .. i. Henriette Goldschmidt. Von Auguste Schmidt.') mii lebendiger Geistesfrische und fast jugendlicher Kraftsülle vollendet heute eine der verdientesten Vorkämpferinuen der Fralienbewegung ihr 70. Lebensjahr unter allgemeiner Antheilnahme. Ihre Wirksamkeit ist nicht nur für Leipzig von hervorragender Bedeutung; auch als zweite Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, als Rednerin und Schriftstellerin nimmt sie eine ausgezeichnete Stellung ein. Sie gehört zu denjenigen energischen Franennaturen, welche zielbewußt an der Entwickelung der eigenen Persönlichkeit arbeiten und ihre höchste Aufgabe darin sehen, die errungene Fülle der Kraft im Dienste der Menschheit zu verwerthen. Henriette Benas war die Tochter eines angesehenen Großkaufmanns, der in der Provinz Posen, im Städtchen Krotoschin, nahe der schlesischen Grenze lebte. Herr Benas hatte in der Jugend große Reisen unternommen und sich dadllrch, sowie durch die dauernde Pflege geistiger Interessen, eine in jener Zeit seltene Weltbildung erworben. Es war natürlich, daß der vortreffliche Manu auch den Ton des hälislichen Lebens auf eine hohe Stufe stimmte und dadurch seinen Kindern reiche Bildnngselemente zuführte. — Leider starb den Kindern früh die Mutter, und die zweite Frau des Vaters besaß zwar viel Gutmüthigkeit, konnte aber den hochbegabten Töchtern in keiner Weise Führerin sein. Ztvischen den Kindern des Hauses herrschte herzliches, geschwisterliches Einverständniß, doch besonders nahe trat ihr Ulrike, die wenig jüngere Schlvester. — Die ersten Jngendjahre der beiden Mädchen fielen in jene wunderbare bewegte Zeit vor dem ereignißvolle» Jahre 1848. Von dein Vater hatten sie ererbt die glühende Begeisterung für das deutsche Vaterland; durch ihren Lieblingsdichter Schiller waren sie deur Streben nach sittlicher und bürgerlicher Freiheit gewonnen worden. Die beiden jungen Mädchen beschäftigten sich gern und viel mit den Werken der großen klassischen Dichter, aber auch die Dichtungen der begeisterten Freiheitssäuger ihrer Gegenwart fanden den Weg zu ihnen, und so fühlten sie in dem kleinen, abseits gelegenen Städtchen den großen Flügelschlag der Zeit. Damals trat auch als junger Kreisrichter der im vorige» Jahre zu Berlin verstorbene Senatspräsident des Obertribunals Henschke in den Kreis der jungen Mädchen, und da er, obgleich Beamter, mnthig für die freiheitlichen Ideen der Zeit eintrat, wirkte er höchst anregend aus seine jungen Freundinnen. Er hat später Ulrike Benas 0 Der obige, zum 23. November erschienene Aufsatz der rühmlichst bekannten Leiterin der deutschen Frauenbewegung wird für unsere Leser gewiß von hervorragendem Interesse sein. Die Redaktion.

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