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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-06 · Heft 49 (6.12.1895) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 49 (6.12.1895)
Date
1895-12-06
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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579 lernen und sich gegenseitig zu respektiren; sie haben dort lebhaft demonstrirt, daß sie, ohne von ihrem credo abzugehen, sich die Hand bieten können, um an der gleichen Mission der Kultur, der Barmherzigkeit, der ethischen Hebung und des sozialen Fortschritts zu arbeiten; und wenn sie sich auch in wichtigen Fragen, wo ihr Glaube in Betracht kam, trennten, so haben sie doch ebenso viele Berührungspunkte gefunden, in vielen Wahrheiten sich getroffen, die ihnen gemeinsam sind, weil sie die Grundlage der Humanität selbst bilden. Das war ein Schauspiel, einzig bis jetzt in der Geschichte, von einer wirklich imposanten Größe, das im Ganzen der Sache der religiösen Idee, in welcher Form sie sich auch manifestirt, große Dienste geleistet hat. Warum könnte das, was mit solchem Aufsehen in der neuen Welt sich abspielte, nicht auch im alten Europa unter viel günstigeren Bedingungen, da viel mehr religiöse Gemeinschaften daran theilnehmen würden, sich wiederholen? Wir alle Geistliche, welcher Art es auch sei, haben die Pflicht, den unserer Obhut übergebenen moralischen Besitzstand zu wahren; haben wir nicht ebenso wie unsere amerikanischen Kollegen, ja vielleicht noch viel mehr als jene, die heilige Pflicht, die Ideen, die Grundsätze und Hoffnungen, die uns beseelen, klarzustellen, um uns gegenseitig zu stützen in dem täglichen Kampf gegen die immer mehr an Boden gewinnende Irreligiosität, gegen die traurigen Lehren, welche den Zweck verfolgen, die Humanität zu entthronen und sie ohne Schutz allen Gelüsten preiszugeben, besonders aber gegen den Jndifferentismus, der sich nicht einmal fragt, ob es keine höheren Interessen gebe als die des materiellen Lebens? Der künftige Kongreß wird seine Aufgabe, und ich hoffe mit Ihnen, auch sein Resultat haben, mit aller Macht den Ehrenplatz zurückzufordern, der der Religion in der Welt der menschlichen Erscheinungen gebührt. Allen das Verständniß beizubringen, daß die Religion eine große soziale Macht ist, die zu vernachlässigen unvorsichtig und der keinen Glauben zu schenken ungerecht wäre; und das würde ein unberechenbares Vorurtheil für unsere unruhige und verwirrte Zeitrichtung sein. Das Judenthum, Herr Abbe, hat keinen Grund, aus dem Spiel zu bleiben bei einer solchen Manifestation. In den ältesten Zeiten seiner Geschichte sind alle seine Propheten gegen den Götzendienst und seine bösen moralischen Folgen aufgetreten; sie haben es ausgesprochen, daß die Gottesidee keiner organisirten Gemeinschaft fremd sei, daß überall auf dem weiten Erdenrund die Menschen Gott suchen und daß ihre Huldigungen, auch wenn sie nicht den richtigen Weg fanden, doch immer ihren Werth behielten: „An allen Orten bringt man mir Weihrauch und Opfer dar!" Ja, sie sind noch weiter gegangen; mit einer geradezu kühnen und erstaunlichen Auffassung haben sie die frohe Hoffnung verkündet, die leider auch in unserer Zeit noch ein ferner Traum ist, von der Vereinigung aller Menschen in demselben Glauben, der aus ihnen eine einzige Familie machen wird, die im tiefsten Frieden, von der höchsten Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe erfüllt, leben wird. Der allgemeine Religionskongreß wird nicht den Anspruch erheben, dieses große Wunder zu vollbringen! Seine Ziele werden weniger anspruchsvoll sein. Aber als sicher erscheint dieses, daß die Gottesidee in dieser feierlichen Sitzung, wo die verschiedenen Völker sich zusammenfinden werden, um ihren Glauben zu bekennen und sich vor der großen souveränen Macht, die die Welt beherrscht, zu beugen, in einem neuen Lichte erstrahlen wird. Und auch dies ist gewiß: die Idee der Toleranz, der gegenseitigen Unterstützung, der Achtung, ja sogar der Sympathie für den Glauben Anderer, sie Alle können nur von dem friedlichen Zusammenwirken der Repräsentanten aller Kulte Gewinn ziehen. Das ist der unmittelbare Gewinn aller möglichen Kongresse. Aber der Sieg des Geistes des Friedens, der Gerechtigkeit, des Wohlwollens wird ein viel größerer sein, wenn er der Thätigkeit Derjenigen zu verdanken ist, die die oberflächliche Volksmeinung sich gern als grundsätzliche Gegner und unversöhnliche Feinde vorzustellen geneigt ist. Welch' eine Lehre, Herr Abbe, für die Heißsporne aller Art, die nicht im Stande sind, eine ihrer Meinung nach irrige Auffassung zu bekämpfen, ohne Diejenigen zu beschimpfen und zu schmähen, die ihr anhängen! Ich für mein Theil bin glücklich, eine große Schuld der Dankbarkeit an das Religionsparlament in Chicago abzutragen, indem ich mir in Erinnerung rufe die hohe Unparteilichkeit, die es an den Tag gelegt, als es einstimmig eine Erklärung angenommen hat, die gegen die Anklage des Ritualmordes protestirte, unter welcher das Judenthum in den letzten sechs bis sieben Jahrhunderten so viel gelitten und unter der es auch heute noch viel zu oft in manchen zurückgebliebenen Ländern zu leiden hat, eine Anschuldigung, die ebenso ungerecht gegen andere religiöse Minderheiten erhoben wurde und die von Grund aus zu zerstören wohl an der Zeit sein möchte. Eine edle Manifestation, die schon allein hinreichen würde, um zu beweisen, wie leicht eine Versammlung von Männern von Herz und wahrem Glauben sich über die Vorurtheile der Menge erhebt, und um mir den lebhaften Wunsch einzuflößen, daß Sie Ihr schönes Ziel erreichen mögen. Ganz gewiß verschließen Sie sich, Herr Abbe, nicht der Erwägung, der sich kein denkender Geist verschließen kann, daß die Ausführung dieses Projekts auf gar verschiedene Schwierigkeiten stoßen wird. Es sind ja schon Einwendungen erhoben worden, andere werden folgen; aber Sie haben Vertrauen in die Berechtigung Ihrer Idee, Sie behandeln sie mit großer Offenherzigkeit, mit einer starken und einwaudssreien Ueberzeugung und einer unermüdlichen Thatkraft. Das sind die besten Garantien eines Erfolges. Aber auch selbst dann, wenn Sie, was Gott verhüten wolle, einen Mißerfolg davontragen sollten, werden Sie noch das seltene Verdienst haben, die Frage aufgeworfen zu haben, und Sie werden alle Ihre vergeblichen Bemühungen nicht zu bedauern brauchen. Es ist dies eine moralische und historische That, soweit mein Blick reicht, von großer Tragweite, daß die Idee eines Kongresses der Religionen in Frankreich das Licht der Welt erblicken, daß sie mit unbestreitbaren! Ernst diskutirt werden kann und daß sie den Beifall aller großen Geister findet, die mit treuem Glauben eine große Erhabenheit der Anschauungen verbinden. Dies beweist in jedem Falle, und dieses eine Resultat wird sicher bleiben, daß doch ein Wechsel eingetreten sei in der Art, die Menschen zu sehen und zu beurtheilen, daß die religiöse Toleranz wirklich eine definitive Errungenschaft unseres Jahrhunderts sei. Im Mittelalter gab es Dispute zwischen den Vertretern der verschiedenen Glaubensmeinungen; aber sie halten nur den einen offenbaren Ausgang, daß sie ein Werk des Krieges und nicht des Friedens stifteten. Sie, Herr Abbe, Sie unternehmen ein Werk des Friedens, der Toleranz, der menschlichen Solidarität, der sozialen Bruderliebe. Ich wünsche vom ganzen Herzen, daß dies Werk von Erfolg gekrönt sein möge. Es wird dies nicht der geringste Triumph einer Ausstellung sein, auf welcher sich die glücklichen Schöpfungen des zu Ende gegangenen Jahrhunderts in ihrer wunderbaren Entwickelung präsentiren werden. Zadoc Kahn. Großrabbiner von Frankreich. Sicher wird dieser Brief des ehrwürdigen und geistvollen Großrabbiners der französischen Judenheit abseitige Zustinnnung in allen jüdischen Kreisen finden. Das ist die Sprache und die Weltanschauung unserer Propheten und großen Denker, und wir dürfen wohl auch hinznfngen: der erleuchteten Führer des Jndenthnms zu allen Zeiten. „Denn mein Haus soll ein Haus der Andacht genannt werden für alle Völker!" w Der Antisemitismus unter den Asien. _/1> Posen, 25. November. ^)°^/\Vec ^nn und darf nicht bestreite», daß wir auch unter den Polen Antisemitismus haben. Auch unter den Polen wurzelt - und wühlt die antisemitische Bewegung, wie ein Maulwurf; auch unter den Polen giebt es einen polnischen Ahlwardt, wie ganz richtig die hiesige „Posener Zeitung" das polnisch-antisemitische Blatt „Postep" bezeichnet hat. Man darf aber dem polnischen Antisemitismus nicht eine zn große Bedentiing beimessen, da derselbe nicht die Dimensionen angenommen hat und auch niemals annehinen wird, wie der Antisemitismus unter den Deutschen. Der antisemitische „Postep" hat zwar ungefähr 4000 Abonnenten, aber unter den 4000 Abonnenten ist mindestens die Hälfte, die vom Antisemitismus nichts wissen will und die denselben verdammt. Und wenn das antisemitische Hetzblatt überhaupt 4000 Abonnenten

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