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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-12-06 · Heft 49 (6.12.1895) · p. Seite 578

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 49 (6.12.1895)
Date
1895-12-06
Page
Seite 578 (sequence 2)
Language
German
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5?8 Ne Woche. Berlin, 3. Dezember. f ie Partei der christlich-sozialen Pastoren, die jetzt so oiel angefeindet wird, hat nun auch Stellung zum Antisemitismus genommen. Gegen denselben erklärte sich in einer Bersanunlung in Frankfurt Pfarrer Naumann, der Führer der „jungen" Christlich-Sozialen. Er führte u. A. ans: „Es giebt aber traurige Zustände in Deutschland genug, an denen die Juden gar keinen Antheil haben. Die sächsischen und schlesischen Weber haben einen viel schlimmeren Kampf durchzumachen als die hessischen Kleinbauern, und in jenen Gegenden sind keine Juden. Unter die ostpreußischen Gutsarbeiter kommt kein lebendiges Christenthum, aber diesen Mangel haben nicht Israeliten verschuldet, sondern Germanen, die möglicherweise Konservative sind. Der Antisemitismus ist nicht zur Basis einer volkswirthschaftlichen Bestrebung geeignet, als Weltanschauung ist er gefährlich. In Christus steckt, soweit er Mensch war, ein Stück Semitismus; es bleibt in ihm, wenn es viele Völker auch nicht anerkennen wollen." Wir halten diese Erklärung für wichtig, weil Viele befürchteten, daß die christlich-soziale Partei auch einmal in den Hafen des Antisemitismus einlaufen könnte. * Es geht zu Ende mit dem Radau-Antisemismus! Das „Deutsche Volksrecht", das als Organ der Antisemiten Ahlwardt und Böckel begründet wurde und in das deren Blätter „Bundschuh" und „Reichsherold" aufgingen, mus; sein Erscheinen als Tageszeitung einstellen und wird schon im Dezember nur wöchentlich einmal ausgegeben werden. Tie Leitung des antisemitischen Blättleins ververösfentlicht über die Gründe dieses Zusammenbruches Folgendes: „Durch die Ungunst der Verhältnisse gezwungen, sehen wir uns genöthigt, da uns bisher nicht die erhoffte und erwartete Unterstützung zu Theil wurde, den aussichtslosen Kampf für die Erhaltung eines Tageblattes aufzugeben. Die gehässigen Verleumdungen unserer Gegner, die Lässigkeit der Gesinnungsgenossen, zum größten Theile aber das persönliche Streberthum einzelner Führer, die, anstatt zu dem Kampfe die Gesinnungsgenossen zu sammeln, ihre eigenen Wege gingen und über den Glanz der eigenen Persönlichkeit das große Ziel, die heilige Sache aus dem Auge verloren, sowie die oft nicht in unserem Sinne geführte Redaktion trugen die Schuld daran." Diese Kundgebung scheint sich in erster Linie nicht gegen den auf eine Geschäftsreise nach Amerika gegangenen Ahlwardt, sondern gegen Dr. Böckel zu richten. Gegen diesen veröffentlicht nämlich der „Verleger" Emil Bodeck an der Spitze des „Volksrechts" nachstehende Erklärung an die „Mitkämpfer für die antisemitische Sache" : „In der letzten Zeit wurden sowohl mündlich wie in der Presse Gerüchte verbreitet, welche eine angebliche Abwendung Dr. Böckels vom Antisemitismus zum Gegenstände hatten. Ich selbst und engere Parteigenossen hatten schon seit Monaten sehr oft Differenzen mit dem Reichstagsabgeordneten Dr. Böckel, weil er es ängstlich vermied, einen wirklich ausgesprochenen antisemitischen Charakter in der Redaktion des „Deutschen Volksrechts" zum Ausdruck zu bringen. Um endlich Klarheit zu erlangen und bevor ich in der Oeffentlichkeit in dieser Angelegenheit einen Schritt thun wollte, ersuchte ich Herrn Dr. Böckel, nachstehende schriftliche Erklärung zu unterzeichnen: Hiermit erkläre ich, daß ich nach wie vor auf dem Boden des Rassenantisemitismus stehe, in keiner Weise mit Juden, beziehungsweise den Herren Arnold Perls, Sochaczewski rc. politische Verbindungen habe und nur beabsichtige, im Interesse des wahren Deutschthums und der Gerechtigkeit, zum Wohle aller arbeitenden Stände zu kämpfen und zu arbeiten. Auch habe ich keine Anknüpfung mit der süddeutschen beziehungsweise demokratischen Volkspartei vor. Alle gegentheiligen Gerüchte beruhen auf Unwahrheit. Sic* trausit . . . Die folgende Erklärung macht heute die Runde durch die Blätter: „Die in weiten Kreisen verbreitete Nachricht, daß eine massenhafte Ausweisung der galizischen und russischen Juden aus Preußen bevorsteht, entbehrt, wie wir aus authentischer Quelle hören, jeder Begründung. Allem Anschein nach sind diese Gerüchte dadurch hervorgerufen, daß mit der neuesten Volkszählung eine genaue Feststellung der in Preußen sich aufhaltenden Polen u. s. w. verbunden worden ist." * Aus der Vergangenheit des österreichischen Antisemitenhäuptliugs Dr. Lueger wird Folgendes in Erinnerung gebracht. Am 27. April 1885 entwickelte er vor einer Wiener Wühlerversammlung sein Progranun und erklärte wörtlich: „Die demokratische Partei muß es als eine ihrer Hauptaufgaben betrachten, das Staatsgruudgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger durchzuführen, das bereits Errungene festznhalten, das Fehlende zu ergänzen. So wollen wir denn festhalten an dem Grundsatz e der Gleichberechtigung der Konfessionen n. s. w." Noch ein Jahr später hat Dr. Lueger, wie wir einer Mittheilung der letzten Nummer der „Volksstinnne", des Organs Kronawetter's entnehmen, vor dun Gemeindehause auf der Landstraße den Finger zum Schwure erhoben und feierlich erklärt: „Gott ist mein Zeuge, daß ich keinen Unterschied des Glaubens kenne, Christ oder Jude gilt mir gleich." Wie gewissenhaft hat er diesen Eid gehalten! * Ein recht angenehmes Dementi kommt aus Rußland, von wo uns Io selten Angenehmes kommt: Nach einer aus Petersburg zugehenden Meldung ist die Erledigung der Frage betreffend eine Neuregelung der Stellung der Juden in Rußland, mit welcher sich der Reichsrath in seiner gegenwärtigen Session befassen sollte, auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Gin neuer Religions-Kongreß. Paris, 29. November. s^Z^ie nächste Pariser Weltausstellung um die Wende des Jahr- Hunderts (1900) soll auch als great attractioa ein Religions- Parlament nach amerikanischem Vorbilde bringeil. Ein katholischer Priester, Abbe Charbouilet, hat diese Idee gefaßt und sucht sie nun zil verwirklichen. Zweifellos wird der Brief, mit dem der Großrabbiner von Frankreich, Zadoc Kahn, die Einladung zur Theilnahme all diesem Werke beantwortet, für Ihre Leser von Interesse sein. Er folgt hier in wortgetreuer Uebersetzung: Herr Abbe! Vom ersten Augenblick an habe ich der von Ihnen ausgegangenen Idee lebhaft zugestimmt, bei Gelegenheit der Weltausstellung von 1900 in Frankreich einen allgemeinen Kongreß der Religionen einzuberufen, der ganz analog wäre dem Religions-Parlament, das sich seinerzeit in Chicago versammelt hat, und ich habe Ihnen auch schon die Versicherung gegeben, daß die Theilnahme des französischen Judenthums Ihrer großherzigen Idee nicht fehlen wird. Die Erfahrungen, die in Amerika gemacht wurden, sind entscheidend. Die Mehrzahl der in der Welt verbreiteten Religionen, vertreten durch ihre hervorragendsten Führer, haben sich dort zum Zweck gemeinsamer Berathung zusammengefunden. Sie hatten dort die volle Möglichkeit, die Lehren, die sie verkünden und die Moral, die sie lehren, darzustellen. Diese Annäherung hat ihnen Gelegenheit geboten, sich näher kennen zu >

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