Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-29 · Heft 48 (29.11.1895) · p. Seite 575

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228143--52378-3273169
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

575 Feldxugsbriefe eines jüdischen Truppenarztes. fie Zeitung des Jttdenthums hat unter der Rubrik „Kriegserinneruugen" eine Reihe von Mittheilungen veröffentlicht, welche beu Antheil jüdischer Soldaten am jüngsten Feldzuge Deutschlands gegen Frankreich und ihr Verhalten während des Krieges näher festzustellen bestinnnt sind. Hierzu einen weiteren kleinen Beitrag zu liefern, ist der Zweck der nachstehend abgedruckten Feldzugsbriefe, welche nicht, wie die Mehrzahl der vorangehenden Beitrüge, über die Kriegsthaten von jüdischen Kombattanten im engeren Sinne dieses Wortes berichten, sondern die Bernfsthätigkeit und die persönlichen Erlebnisse eines jüdischen Truppenarztes während des Krieges schildern sollen. Der Verfasser der vorliegenden Feldzugsbriefe, welche an die längst verstorbene Gemahlin desselben gerichtet und in deren Nachlaß aufgefundeu worden sind, hat nahezu V4 Jahrhundert dem stehenden Heere als Militärarzt angehört und in dieser Eigenschaft sowohl während des Feldzuges gegen Oesterreich 1866, als in dem französischdeutschen Kriege seine Dienste geleistet. Während des letzteren bekleidete er die Stelle eines Regimentsarztes bei dem zum vierten Armeekorps und zur achten Division gehörigen S chleswig-Holstein'schen Füsilierregiment Nr. 86, welches, wie die ganze große Heeresabtheilung der cs zugetheilt war, die ersten blutigen Kriegslorbeeren in der Schlacht bei Beaumont pflückte und demnächst an der Schlacht von Sedan, sowie ferner an den heißen Kämpfen vor dem belagerten Paris einen hervorragenden, ehrenvollen Antheil genommen hat. Von der großen Zahl der vorhandenen Briese ist von vornherein nur eine Auswahl derjenigen zum Abdruck bestimmt worden, welche in der denkwürdigen Zeit, kurz vor der Schlacht von Beaumont bis zur Kapitulation von Paris, geschrieben worden sind. Selbstverständlich mußte davon abgesehen werden, die Briefe vollinthaltlich wiederzugeben; vielmehr ist darin gekürzt oder gänzlich gestrichen, was entweder weniger wichtig oder überhaupt ungeeignet für die Veröffentlichung erschien. Marschquartier Sommeille, den 25. August 1870. Geliebte Bertha! Ja meinem vorigen Briefe theilte ich Dir mit, daß die dritte und vierte, sogenannte Maas-Armee, welcher letzteren unsere Truppenkörper jetzt zugetheilt worden, sich aus dem Bormarsche auf Paris befindet und daß unser nächstes Ziel Chalons ist, woselbst der bei Wörth geschlagene Marschall Mac Mahon ein neues Heer gebildet hat, mit dem er den Kampf gegen die siegreichen Deutschen wieder aufnehmen will. Man glaubt indeß, daß er nicht schon in der Ebene von Chalons Stand halten, sondern gegen Paris zurückgehen und erst hier, unter dem Schutze der starken Vertheidigungswerke der Hauptstadt, die Entscheidungsschlacht wagen wird. Daß diese nicht minder blutig wie die furchtbaren Kämpfe vor Metz am 16., 17. und 18. d. Mts. ausfallen wird, ist wohl sicher anzunehmen. Die Fortbewegung so ungeheurer Truppenmassen, wie sie jetzt dichtgedrängt nebeneinander Paris entgegenziehen, ist mit überaus großen Schwierigkeiten und Beschwerden verknüpft. Die Verpflegung läßt meist viel zu wünschen übrig und die Quartiere, wenn man überhaupt ein solches bekommt und nicht, wie gewöhnlich, den Unbilden der regnerischen Witterung preisgegeben, im Bivouae liegen muß, sind herzlich schlecht; wie dicht und eng wir zusammenliegen, magst Du daraus entnehmen, daß gestern in einem Dörfchen von 100 Häusern nicht weniger als 4000 unserer Soldaten mit Pferden, Wagen u. s. w. untergebracht waren; man kann zufrieden sein, wenn sich überhaupt nur . ein trockenes Plätzchen findet, wo man das müde Haupt niederlegen kann; ein Bett zu erhalten, gehört zu den seltenen Ausnahmen, und wenn man eins bekommt, ist es oftmals schlechter, als ein Lager im Freien auf Heu und Stroh. Trotz Entbehrungen und Mühseligkeiten solcher Art kann ich Dir versichern, daß ich mich ganz wohl und munter befinde. Auch der Gesundheitszustand meines Truppentheils ist im Allgemeinen vorzüglich; unzufrieden und mißvergnügt sind die Offiziere und Mannschaften nur deshalb, weil unser Regiment nun bereits seit fast 3 Wochen in Feindes Land thatenlos umhermarschirt, während eine Mehrzahl anderer Truppenkörper schon im Feuer gestanden und reichen Siegesruhm zu erringen im Stande waren. * Im Bivouac, 1 Meile vor Verdun, den 27. August 1870. Liebe Bertha! Der Vormarsch auf Chalons resp. Paris ist plötzlich abgebrochen und statt dessen der Befehl angelangt, sofort in Eilmärschen in nördlicher Richtung auf Verdun und weiter hinaus gegen die belgische Grenze hin vorzugehen. Als Grund der plötzlich veränderten Marschrichtung wird angegeben, daß Mac Mahon mit seiner neugebildeten Feldarmee Chalons verlassen und statt des Rückzuges nach Paris sich nordöstlich nach Reims begeben habe, um von da aus auf Metz behufs Befreiung der daselbst eingeschlossenen Armee Bazaine's loszurücken. Dies soll durch das befohlene, schnelle Abschwenken unseres Heeres nach Norden verhütet werden; die Absicht liegt vor, den Feind auf seinem Zuge gegen Metz aufzuhalten, vereinzelt anzugreifen und zu schlagen, bevor er sein Ziel zu erreichen im Stande ist. Wir sind demnach gestern in aller Frühe ausgerückt und gelangten nach einer sehr anstrengenden, ca. 10 ständigen Wanderung erst in der Nacht an unseren Bestimmungsort, einen Wiesenplan neben einem Walde, wo wir ohne Holz und Stroh, ohne die Möglichkeit, die nassen Kleider trocknen und etwas Warmes genießen zu können, die kalte Nacht hindurch kampiren mußten. Die Erschöpfung war indessen so groß, daß die Soldaten trotzdem die Nacht hindurch schliefen, um heute wiederum in der Frühe den Marsch fortzusetzen. Für die gestrigen Anstrengungen hatten wir übrigens dadurch eine gewisse Entschädigung, daß der König mit seinem ganzen großen Gefolge an uns vorüberzog. Der König sowie Bismarck, dessen wie in Marmor gehauenes, wirklich imposantes Gesicht ich aus nächster Nähe beobachtete, wurden mit tausendstimmigem Jubel begrüßt. Außerdem sahen wir zum ersten Male den Feind d. h. es wurden gefangene Mobilgardisten, welche in den von uns durchzogenen Waldungen aufgegriffen worden waren, an uns vorbeitransportirt, lauter junge, zum Theil den besseren Ständen ungehörige Männer, denen man die Wuth und Verzweiflung über die Schmach ihrer Armee vom Gesicht ablesen konnte. Wir selbst, d. h. mein Regiment hatte an ihrer Gefangennahme keinen Theil; sie scheint übrigens gerade keine Heldenthat gewesen zu sein, da, wie einer der begleitenden Soldaten versicherte, ein einziger Schuß sie in ihre Hände zusammengejagt hätte. £ Im Bivouac bei Bayonville, den 29. August 1870. Abds. Liebe Bertha! Auch gestern hatten wir einen weiten, beschwerlichen Marsch, so daß wir erst Nachmittags spät ins Quartier (glücklicher Weise bei dem gräßlichen Regenwetter nicht ins Bivouac) kamen. Auf unserem Marsche zogen wir an der belagerten Festung Verdun dicht vorüber, aus welcher einige übrigens unschädliche Schüsse auf uns abgefeuert wurden. Ich kam in ein Bauernhaus zusammen mit etwa 20 Mann Soldaten und einem Sergeanten, einem jungen, gebildeten, anscheinend jüdischen Kaufmann aus Köln, mit dem ich da? enge Bauernstübchen, das zugleich als Küche und Wohnstube für die Familie diente, gern theilte. Die junge Bäuerin rückte bereitwillig und freundlich Alles heraus, was sie hatte, um die zahlreichen hungrigen Mäuler zu sättigen, sie gab uns an Brod und Butter, was ihr von der Tags zuvor stattgefundenen Heimsuchung durch andere Truppen übrig blieb, ja sogar den Brodteig und das Mehl, das sie hatte, als ihr indeß heute früh auch die Pferde aus dem Stalle und ein Wagen abgeholt wurde, um zum Transport für unsere Truppen benutzt zu werden, da verlor sie schließlich doch Ruhe und Fassung und sagte mir thränenden Auges beim Abschied, nun sei sie und ihre Familie für immer ruinirt. Solche Szenen erlebt man hier täglich! Vom heutigen Bivouac aus hörte man bis vor einer halben Stunde heftigen Kanonendonner, abwechselnd mit dem Geknatter der Gewehre, und sah die weißen Rauchsäulen des Geschützfeuers am Himmel hinziehen; in unruhiger Spannung erwarteten wir jeden Augenblick den Befehl, dahin abzumarschiren, von wo der Kanonendonner ertönte; aber zur größten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.