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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-29 · Heft 48 (29.11.1895) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
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574 wenn er vom Feld heimkommt, denn Gottlob, er arbeitet heut wieder." Leib verjprach's. „Gut," sagte Hilariou und erhob sich. „Aber Du bleibst fest, nicht wahr? Er wird Dir vielleicht drohen, mach' Dir nichts draus. 'Denn da hast Du Gott den Herrn zur Seite und olle Heiligen .. Leib sah ihn befremdet an, der Priester bemerkte es nicht. „Nämlich, weil das ei» gutes Werk ist," fuhr er salbungsvoll fort. „Ein Gott wohlgefälliges Werk. Eine Jüdin soll keines Ehristen Weib werden. Das will Gott nicht, sonst hütt' er Euch nicht verflucht und Euch so schwarze Seelen gegeben.. .. Also, mein braver Leibko, ich weiß, auf Dein Wort kann man Häuser bauen und so verlas; ich mich ganz auf Dich!" Der Kleine trat in die Wohnstube und »ahm mit Weib und Kind das kärgliche Mahl ein. „Der Brief ist besorgt," sagte er. Chane fragte zum Glück nicht, durch wen. Sie sah heut noch viel bleicher und verfallener aus, als sonst; er bemerkte es mit tiefem Schmerz, mit nagender Sorge, aber bereuen konnte er seinen Widerstand nicht — „Sein" Wille mußte geschehen. Zaghast erzählte er ihr, nachdem Miriam gegangen war, den Auftrag des Pope»; er fürchtete, daß auch dies sie erregen würde. Doch nickte sie gleichmnthig und meinte blos: „Wir müssen uns nur etwas ansdenken, was sein Ausbleiben für Miriam erklärt. Sonst grübelt das Kind darüber, und es soll überhaupt nicht an ihn denken. Ich erzähle ihr hent' irgend etlvas Häßliches von ihm, und daß wir ihn; darum das Haus verboten haben." Leib tvurde unruhig. „Du sollst nicht falsches Zeuguiß reden wider deine» Nächsten", dachte er. Laut aber meinte er: „Was könnte das sein? Sie ist klug, hat eine gute Meinung von ihm. Auch ist derlei — verzeih' — eine Sünde . . ." Sie wollte aufsahren, da trat selben Augenblicks ein Mann in die Stube, der sich lange nicht mehr in der Schänke hatte sehen lassen: der alte Martin, der Großknecht des Herrn von Paterski. „Du sollst sofort zum Herr» kommen," befahl er. Leib wurde blaß; welch neue Pein hatte der Gebieter, der ihm zürnte, ausgedacht? Auch Chane war bestürzt, faßte sich aber sofort, lud den Großknecht zum Sitzen ein und brachte ihm ein Gläschen von; Beste». Und dann suchte sie ihn auszuholen. „Weiß nichts!" sagte er, schnalzte aber behaglich mit der Zunge, nachdein er das Gläschen geleert, und schob es wieder vor sie hin. Sie verstand den Wink und'füllte es. „Mir scheint, ein Geschäft!" meinte er nun; sie füllte das Gläschen znm zweiten Male. Und darauf erzählte er: „Der Herr war von gestern Morgen bis heut Mittag in Halicz und hat dort mit den „Schreibern" getrunken. Das kostet immer viel Geld; er thut's nur, wenn er was von ihnen will, aber was es diesmal für ein Geschäft war, weiß ich nicht. Jedenfalls hat er erreicht, was er wollte, denn er war bei der Heimkehr sehr vergnügt. Und dann giebt er mir gleich diesen Befehl. Tie Gnädige ist darüber erstaunt, er aber sagt ihr: „Ohne den kleinen dummen Hund kann ich's nicht machen . . ." Ja," schloß er behaglich, „so hat er gesagt, Ihr könnt Euch also freuen!" In der That empfing Herr von Pnterski den Schänkwirth, als er unter tiefen Bücklingeir vor ihn hintrat, sehr freundlich. „Komin' näher, Hnudsblut", sagte er. „Ich will's noch einmal mit Dir versuche», weil ich glaube, daß Tu >uehr dumm als schlecht bist. Du hast undankbar, habgierig, gemein, mit einem Wort jüdisch gehandelt, als Du de» Janko bewogen hast, das Geld vom Solinzer Popen zu leihen. Aber es war auch dumm, denn was war Dir nützlicher, meine Güte oder die zehn Gulden Maklerlohn?" „Ich Hab' nur zwei Gulden davon gehabt," betheuerte Leib. „Die hat mir der Janko freiwillig gegeben. Vom Popen Hab' ich nichts verlangt und nichts bekommen." „Lüge!" rief der Edelmann, „Aber wenn es Wahrheit sein sollte, was dann? Dann hast Du keinen Nutzen davon gehabt und der Janko und ich nur Schaden! Vielleicht kommst Du mir wieder mit Deinem Geschwätz von den geringeren Zinsen! Aber meinetwegen, zwanzig Prozent, war das ein guter Rath? So viel läßt sich vielleicht in guten Jahren herausschinden, aber die erste schlechte Ernte richtet Deinen geliebten Janko zu Grunde! Auch bleibt er ja ewig der Schuldner des Popen! Vernünftig wär's gewesen, wenn Du ihm gesagt hättest: „Verkauf ein Drittel Deiner Aecker, dann bleibt Dir das Uebrige fast schuldenfrei!" Aber daran hast Du Dummkopf garnicht gedacht!" „Doch!" versicherte Leib. „Aber er, Gnädigster, hat nichts davon hören wollen. Und wer hätte ihm einen halbwegs guten Preis —" Er hielt bestürzt inne; er konnte dem „Gnädigsten" doch nicht in's Gesicht hinein sagen, daß dieser die Preise unerhört drücke und für Winkowze der einzige Güterschlächter sei. Seine Konkurrenten hatte er unschädlich gemacht, den Moses Erdkugel durch die Anzeige wegen Wuchers, den Armenier durch ein Abkommen, wonach dieser nichts in Winkowze kaufen sollte und er, Paterski, nichts in Halicz. „Wer?" donnerte der Edelmann. „Ich! Du weißt doch, daß ich mich für die Laune, nieinen Besitz abzurunden, geradezu zu Grunde richte! Und weil wir gerade darauf gekommen sind: ich bin noch heute dazu bereit! Will mir der Janko den Obstgarten neben seinem Hause verkaufen, so zähl' ich ihm das Geld morgen auf. Er grenzt an den Garten, den ich vom Wassili Bukowitsch gekauft habe; darum will ich ihn haben. Mit dem Preis soll er zufrieden sein. Der verdammte Kerl, der Pope von Solinze — ein Pope, der Wucher treibt, Schimpf und Schande! — hat ja Alles schätzen lassen. Du kennst die Schätzung — war sie zu niedrig?" „Nein," sagte Leib. „Ganz gerecht." „Nnn also! Diesen Preis zahle ich und meinetwegen noch einige Gulden drüber. Du kennst mich ja, Leib, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, so bin ich wie ein Kind. Ich habe Dich wegen einer andern Sache holen lassen: ich will dem Armenier die Wechsel des Onufrij abkaufen; aber das hat Zeit. Machen wir vorher dies Geschäft. Für Dich zehn Gulden Maklerlohn! Und natürlich bleibst Du dann in der Schänke. Aber rasch muß es sei», zieht sich die Sache in die Länge, so verliere ich die Lust daran und mache keine Dummheiten mehr! Also?" Leib war fassungslos vor Staunen; ein solcher Preis, ein solcher Maklerlohn — was war da plötzlich in Paterski gefahren . . . Zudem war es ja unausführbar! „Gnädigster," sagte er zögernd, „das thut der Janko wahrscheinlich nicht. Er hat sich's in den Kopf gesetzt, der Hof muß ganz bleiben. Und den Obstgarten, den cr so pflegt, giebt er schon gar nicht her, eher noch einen Acker . . ." „Hund!" schrie der Edelmann auf. „Ich biete Dir Rettung und Du verweigerst mir Deine Hilfe?! Der Janko thut, was Du ihm sagst — willst Du das leugnen, Frechling?! Weh' Dir, wenn Du es mir nicht richtest . . . Uebrigens, etwas Acker will ich ihm auch noch abkaufen," fügte er ruhiger bei. „Aber der Obstgarten muß mein sein, nun gerade steife ich mich darauf! . . . Geh' und sei vernünftig! Daß ich nicht mit mir spaßen lasse, weißt Du!" (Fortsetzung folgt.)

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