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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-29 · Heft 48 (29.11.1895) · p. Seite 573

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
Seite 573 (sequence 9)
Language
German
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573 zweiflung dagegen aufbäumen wollte, da iibmimimte sie der Feind, der in dem siechen Leibe hauste. „Und Mosche?" rief sie. „Und ich? ... Ich Hab' durch Dich eiir elend Leben gehabt . . . aber ich fordere ein Sterbelager . . . Ich will nicht . . . hinter der Hecke ..." Der Krampf erstickte das letzte Wort; das Gesicht verzerrte sich; auf die Lippen, die sich wie in Todesangst weit ««ach Luft öffneten, trat blutiger Schaum. Aber vielleicht noch furchtbarer lag derselbe Zug der Todesangst auf dem Antlitz des Mannes. Er schwankte, wie ein Trunkener; die eine Hand nmkrallte die Tischkantc, »in Halt zu gelvinnen. die andere reckte sich zitternd empor. „Ich kann nicht.. .", stöhnte er, „ich kann nicht!" Miriam hatte die Mutter husten hören; besorgt kam sie hereingestürzt und umfaßte sie. So entging ihr die Bewegung des Vaters. Erst als Chane, nachdem sie Athen« gewonnen, den Blick finster ans ihn richtete, erkannte sie, daß es zwischen den Beide,« «viedcr einen Auftritt gegeben «vie so oft: die Mutter schalt, der Vater suchte zu begütigen oder nahm die Schelte in demüthigem Schweigen hi». Das war so, seit sie denken konnte; es gehörte mit znm Leben, wie daß ans de» Montag der Dienstag folgte; sie machte sich keine Gedanke» darüber. Höchstens, daß ihr der Vater innner ein wenig leid that, etwas mehr, als sie sich selber leid that, wenn sie das gleiche Loos traf, aber wahrlich nicht allzusehr . . . Heute, wo sie ihn so verstört dastehen sah, «vie nie ziwor, überkam sie zum ersten Mal im Leben der Gedanke: er ist so gut, so nachgiebig, denkt nie an sich selbst, warum ist die Mutter immer so hart gegen ihn? . . . Unwillkürlich zuckte der Arm zurück, den sie um Chane geschlungen hatte, und die großen, braunen Auge» richteten sich voll Liebe und Mitleid auf den Vater . . . Er sah den Blick und seltsam, der Mann, der sich sonst nur auf den Verkehr mit „Ihn«" verstand, aber mit Kindcraugeu in die Welt blickte, erkannte blitzschnell, ivas in der Seele seines Kindes vorgiug . . . „Nein! nein!" schrie er auf, als wollte er das Mitleid abwehrc», sein Weib entschuldigen. Dann seufzte er tief auf, schüttelte den Kopf und schlich a«is der Stube. Auf dem Bänkchen vor dem Hanse saß er nieder und starrte vor sich hin. Kam ein Bauer vorbei, so bot er ihm unterwürfig den Gruß; vor dem Popen Hilarion, der in's Pfarrhaus ging, erhob er sich von seinem Sitze, aber er «vnßte kaum, daß er's that. Alles, «vas Leben in ihm war, kehrte sich nach innen und lauschte und lauschte . . . Kein Zweifel, es war Seine Stimme und sie sprach: „Nein!" . . . Tief und immer tiefer sank sein Hanpt ans die Brust; er konnte sich nicht helfen und nicht seinem Weibe; Sein Wille mußte geschehen. . . So saß er noch, als Miriam auf ihn zutrat. „Die Mutter schreibt eben einen Brief nach Halicz", sagte sie, „Du sollst ihn lesen, ehe sie ihn schließt." Er erhob sich und schlich in die Wohnstube. Die Frau blickte nicht auf. „Hör' zu!" sagte sie finster und las ihm den Brief vor. Sie forderte darin tausend Gulden für Miriam, dreißig Gulden für die Aussteuer; über das Andere wollten sie, wenn Reb David in der Hauptsache znstimure, am Sonntag vor der Verlobung mündlich verhandeln. „Und mm schaff' eine» Boten nach Halicz," fügte sie bei. Er stand unschlüssig. „Ich will's thnn," sagte er endlich. „Aber sollen «vir dann Sonntag vor Anderen —" „Schweig!" rief sie heftig. „Heilt kein Wort mehr. Nieine Kraft ist zu Ende!" Gebeugten Hauptes verließ er sie. Als er vors Haus trat, schlug die Kirchenuhr eben elf. Miriam kam ihm nachgeeilt. „Vater," begann sie, „glalibst Du, daß er heut' kommt?" Er fuhr znsainmeu. „Nein," eriviederte er dann hastig. „Ich hoffe, nein. . ." „Aber ivarnm denn?" fragte sie. „So sag's mir doch! Seid Ihr böse mit einander?" „Nein. . . Ein andermal. . Er riß sich los und ging. „Er fehlt ihr," dachte er bcberid. . . „Aber das ist ja kein Wunder," tröstete er sich dann, „auch ein Hund, der so lange Jahre täglich zu einer bcstimintcn Stunde gekomnien «väre, «vürde ihr fehlen. . ." Und doch! „Wenn sie nur schon verheirathet «väre!" Mußte er «viedcr denken. Aber «var dies ein Glück?! ... Und abermals umstrickten ihn seine traurigen Gedanke». Da hörte er «vüthendes Peitschenknallen hinter sich her und sprang bei Seite. Es »var Hirschelc Krakauer, diesmal allein und in einen« leichten Wägelchen. „Ihr »vollt geiviß nach Halicz?!" fragte cr mit schlauem Lächeln und hielt an. „Na, steigt ein; cs soll mir eine Ehr' sein! Aber rasch! In aller Früh Hab' ich nach Jeznpol müssen und Nachmittags soll ich schon «vicder mit de» Flößern auf den Dniester." „Ich fahr' nicht mit," konulc Leib endlich dazivischen werfe». „Aber «venu Ihr mir diesen Brief uiitnehmcu «vollt . . . 21t« Mendele Schadchen!" Hirschele Krakauer lachte laut auf. „Ihr braucht nicht erst zu sagen an «ve». Soll besorgt «verden! Maseltoiv!" („Gutes Glück!" der übliche hebräische Glückwunsch bei Verlobungen.) Und lachend fuhr cr dabo««. Bestürzt blickte ihn« der Kleine nach. Nun kam ihm erst zu Sin», «vas ihm sein Weib von den gestrigen Bermuthungei« des Mannes erzählt. ... In einer Stunde «vnßte cs ganz Halicz, mit «vcm sich Reb David verloben sollte, und der Greis «volltc ja das Gcheilnniß gewahrt «vissen. . . . Leib rang die Hände — um Himinelswillen, «vas hatte cr da angestellt! Aber nun «var's zu spät — man sah nur »och das Sta»b«völkchen hinter den« Wagen und bald auch dies nicht mehr. . . . Acngstlich schlich er heim — «vas sollte er Chane sagen, «venu sie ihn nach dein Boten fragte? Und sie hatte heute schon Aufregung genug gehabt! Als cr in sein Hans treten wollte, kan« der Pope Hilarion eben a««s den« Pfarrhof und rief ihn an. „Höre, mein braver Leibko," sagte er, „ich habe mit Dir zu reden. Des Janko rvegeu." Sie traten in die Schänkstube, sie war leer. Als bei ihren« Eintritt die Klingel ging, «vard Miriam's Kopf in der Thür der Wohnstube sichtbar, doch zog sie fiel) sofort zurück. „Es ist bald gesagt," begann der junge Priester halblaut. „Du weißt, «velchen verruchten Wahnsinn der Teufel dem Janko in den Kopf gesetzt hat?! Nun «vohl, wie denkst D«« darüber?!" „Ich?" sagte der Kleine. „Ich bin ei» Jnd', mein Kind eine Jüdin — «vas soll ich da erst sagen?!" Hilarion nickte. „Das Hab' ich gedacht! Lieber möchtest Du ihren Tod erleben, als ihre Taufe, — nicht wahr?" Der Kleine fuhr zusainuien. „Ihren Tod?!" murmelte er entsetzt und streckte die Hand ablvehrend vor. „Mein — mein einzig Kind —" „Ich «vünsche ihr ja nichts Böses," beruhigte der Priester. „Ich meinte nnr, Du «vürdest ihre Tanse nie zulasse»?! Nun, das Hab' ich auch den« Janko gesagt, aber Du mußt es ihm bestätigen. Und ferner: Ich habe ihn beivogen, nicht mehr herznkoinmen, aber nur, «veil ich ihn« gesagt habe: „Das fordert der Jnd' von Dir z«»n Dank für seine Gntth«iten gcge» Dich, also «nußt Du's thnn!" Aber er sagt, das «vill cr von Dir selbst hören. Also geh Abends zu ihm.

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