Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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572 Gemeinde nicht! Was mm Ihnn? Ich, der nnter solchen Verhältnissen leidende Theil, sah ein, daß nnr eiserne Ausdauer zum Ziele führen könne; ich taufte mir ans den Rath eines lieben Kollegen mehrere Meter Geduld und ließ trotz aller Hindernisse die einmal in Fluß gekommene Neubildung nicht ins Stocken geratheu. Der Mensch darf mitunter auch ein bischen unbescheiden sein: Durch mein stilles, langjähriges Wirken war meine Gemeinde mir einmal verpflichtet; ohne mein Eintreten wäre sie heute noch ohne zweckentsprechende Synagoge unb besonders ohne Schulhaus. Hatte ich doch alls ihren Kindern „Menschen" gemacht, so das; meine Schule lauge als Mnsterschnle galt, und ich sollte später, meint ich mich „abgeschafft", oder wenn Alter und Gebrechen mich dienstunfähig gemacht, sehen, wie und wo ich bleiben könne! Ja, es war ein Gluck für mich, daß ungeachtet dieser unerquicklichen Tage ich stets berufstren blieb; das war auch dort, wo es gilt, bekannt und G. S. D. auch anerkannt, und darum standen selbst die Mitglieder unserer politischen Gemeindevertretung (vgl. unten!) und meine ganze Schul- und Verwaltungsbehörde bis zur Regierung hinan mit kräftig zur Seite und — auf einmal, es war am 12. März 1S94, waren unter Leitung unseres tapferen Herrn Bürgermeisters Boeano hier die Repräsentanten und Vorsteher vorschriftsmäßig gewählt, in dem betreffenden Protokolle war die Oeffentlichkeitserklärtmg der Schule vorgesehen und der alte Lehrer Sender auch für die Folge bestätigt. Da erkannte ich, daß der Dichter, ich glaube es war Geliert, Recht hat, wenn er mahnt: „Ermatte nie in deinen Pflichten; Geduld und Muth kann viel verrichten." Nachdem die Grundlagen fertig, wirst du, mein verehrter Leser, mir noch einen ethischen Gedanken zu äußern erlauben, der stets, besonders aber in unserer antisemitisch angehauchten Zeit — wovon man hierzulande jedoch Gottlob kaum was verspürt — nicht außer Acht gelassen werden darf. „Suche die Achtung der Andersgläubigen zu gewinnen!" Dies zu erzielen ist wenigstens für einen Lehrer auf dem Lande nicht schwer. Wie aber das zu machen ist, wird — wenn du willst — dir Hillel lehren (Spr. der Väter I 7). Wie ich bei vorliegender Arbeit zu diesem Gedanken komme? Als unser Laudrath, Herr von Harlem, behufs Feststellung der Vorbedingungen zur Gründung einer öffentlichen israelitischen Volksschule dahier, bei hiesigem Gemeinderathe anfragte, ob dieser auch bereit sei, die Synagogeugemeinde von den Beiträgen zu den drei christlichen Ortsschulen, ivas hier 34 Prozent au den Konnnunal- Umlagen macht, zu entlasten? — wurde einstiinmig mit „Ja" gestimmt. Das ist der erste Portheil, den meine „vorsichtige" Gemeinde jetzt hat; hierzu kommt zweitens die Befreiung der Schüler vom Schulgelde und drittens die alljährliche staatlicheZmvendung von 500M. Das gefällt den Herren Gemeinde-Mitgliedern und neun Zehntel bereuen es, ihrem Lehrer nicht schon vor langer Zeit gefolgt zu haben. „Ende gut, Alles gut", sagt man. — Für mich persönlich, der ich nach bald verbrachten 49 Dienstjahren nicht lange mehr mitlaufen kann, ist die Ernennungs-Urkunde zum eudgiltigen Volkslehrer von keinem großen Belang mehr; aber das Beivußtsein, es doch verdient und — erlangt und dabei auch für Andere mitgewirkt zu haben, ist mir ivohlthnend, erfrischend und, wer weiß, vielleicht auch noch verjüngend! Damit mich manche, besonders jüngere Kollegen nicht mißverstehen, muß ich noch folgenden Wink geben: Wollt Ihr — wie wir Lehrer m R.-Bez. Trier — ein gleiches Ziel erreichen, so merket: Die Anregung muß von euch, und zwar gemeinsam ausgehen, das Vorgehen Einzelner (ich sage es noch ein Mal) hat keinen Werth. Jede Synagogengemeinde aber muß die Oeffentlichkeitserklürung der Schule durch eineu Gemeindebeschluß, das ist ein übereinstimmender Beschluß seitens der Repräsentanten und des Vorstandes, herbeiführen und diesen Beschluß der betreffenden Regierung in einem Gesuche zur Genehmigung vorlegen; dann geht's. Entläßt aber eine Geineinde den bisherigen Lehrer ohne dessen und der Regierung Zustimmung — ich könnte mit Exempelu aus der jüngsten Zeit aufwarten — dann gehts nicht! Sollte eine politische Gemeinde sich entschließen, eine jüdische Schttle unter die Zahl ihrer „Gemeindeschulen" vollständig aufzunehmen, tun so besser! Zum Schluß seien noch die Herren Kollegen genannt, die seit drei Jahren in unserent Bezirke ztl öffentlichett Volksschullehrern definitiv bestätigt worden sind: 1. Stein-Offenbach a. Glan; 2. A. Nußbauut'Trier; 3. R.Nußbatnn Wittlich; 4. Grünewald-Neuinagen a. Mosel; 5. Heß-Saarwellingen; 6. Berlinger-Jllingen. Und rum habe ich noch einen Wunsch auf dem Herzen: Möge der von dem D. I. G. Bunde in Berlin projektirte „Verband der israelitischen Lehrervereiue Deutschlands" sich in Bälde verwirklichen! Mögen sämmtliche jüdischen Lehrervereine unseres Vaterlandes hierzu sich bereit finden lassen, damit das große Werk recht bald gelinge und kräftig gedeihe zmn Wöhle des ganzen deutschett Israel, tntb möge dieser Verband werden, ein „Friedensverbaud den Nahen und den Fernen " Amen! miliw CTaiiiwmaiHwii' —-v'-j MlMnMMllMiMMMMMllMkMMlMMMrMmIIMmimMMauWMIM'lrD uiminwim, IHlfflllllllN m I * 1 FEUILLETON 1 I öBIIIMUlMlu n MMfMMlIMWMvtMiMMImMMMIlMLMiiiiMIMWmWMWmMMMilMj ---j.- | 11 IMiMMmW Leib Mcihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) Hane richtete sich auf. „Schrei' nicht >vie ein Berrnckter," sagte sie scharf, „und wein' nicht wie ei» Kind! Hör' »sich an!" Dan» wies sic ihm »ach, daß sie nur einem allgemeine» Brauch folge, nannte ihm die Namen einiger Leute, die ebenso gehandelt. „Willst Dn Reb David das Geld schenken?" schloß sie. „Und wie willst Du dann den Mosche bezahlen, wie uns neues Brod schaffen?" Er hatte sie angehört, ohne sich z» rege». Nun. da er die Hönde vom Antlitz sinken ließ, konnte sie sehe», wie fahl er noch immer >var, selbst die Lippen >varen blutlos. Aber die Stimme bebte nicht, als er sagte: „Ich thn's nicht, ich duld's nicht. Früher schon Hab' ich geglaubt, Er spricht: „Ihr müßt sie fragen!" Das war vielleicht ein Jrrthum und ivenn es doch so war, so muß Er mir verzeihen . . . Aber was Er mir jetzt sagt, hör' ich so deutlich, wie Deine Stimm' und ich hör' Seine Worte: „Das darf nicht geschehen, Leib', dazu Hab' ich Euch nicht mit einem solchen Kind gesegnet, das wär' Sünd' und Schmach!" Und darum wird's nicht geschehen!" Er hob die Stimme nicht, aber fest und feierlich wie ei» Gelöbnis; lösten sich die Worte von den erblaßten Lippen. Wieder fand die Fra» zunächst kein Wort; der Zorn über seine Störrigkeit, das Entsetzen über ihre Folge» hielt ihr die Kehle zusammeugepreßt. Und als sie sich endlich mit der Kraft der Ber-