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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-29 · Heft 48 (29.11.1895) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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570 Jude» sich sonnenklar herausstellte, keineswegs aber die Unschuld der Bulgaren, welche Hand an jenes 7 jährige Kind angelegt haben, und als diese Mordthat nahe daran war, durch die alte Tante, gleichzeitig Mitschuldige und Mitwisserin, entdeckt zu werden, fand inan sie erhängt in ihrem eigenen Zimmer, und so lausen die thatsächlichen Mörder als freie Bürger noch ungestraft herum. Wer zählt die Zahl politischer Morde, welche die Parteien ans ihrem Gewissen tragen; doch derlei Dinge, wie verabscheuungswiirdig sie sind, beunruhigen das öffentliche Gewissen in Bulgarien kaum noch bei den Ausländern; es scheint dieses eine Art Lneger'scher Patriotisinus ins Praktische übersetzt zu sein und dürfte lauten: ein echter Patriot muß entweder das Mord- Handwerk an Anderen, oder aber an sich praktiziren laffen. Der „Carniel" bringt ans Philippopel eine Notiz, welche die Auffindung einer jüdischen Kinderleiche, die aus ihrem Grabe herausgeschleift wurde, anzeigt. Altes und Neues aus dem Schul- und Gemeindeleben. Bon German Sender, Lehrer in Tholey. «achdem ich 48Jahre, 9 Monate und 5 Tage stets amtstreu „geschulincistert", was viele Eltern und viele hundert Schüler, eine große Zahl geistlicher und weltlicher Beamten und auch mein Gewissen mir bezeuge», bin ich nach langen, langen Kümpfen unterin 20. Juni dieses Jahres von der königl. Regierung z» Trier, Abtheilung für Kirchen- und Schulwesen, 11.5501, endgiltig als „Lehrer" an der öffentlichen israelitischen Volksschule dahier bestätigt worden. Ist das kein Novum? So lauge als Lehrer gewirkt zu haben und jetzt erst — nach einem Meuschenalter — als solcher anerkaniit zu werden; ist das schon dagewesen? Tie geehrten Leser aber werden fragen: Wie ist das gekommen? Ist das so eine große Kunst, in den Rheinlandcn definitiv preußischer Volksschnllehrer (jüdischer Religion) zu werden? In dieser langen Zeit hätte man cs doch mindestens zum Oberlehrer oder zu was noch Höherem bringen können! Jawohl! Wenn — oder meinetwegen — aber! . . . Eine Fülle von Gedanken strömt eben auf mich ein, Erinnerungen, die alle zu Papier gebracht sein wolle». Ich sehe mich deshalb genöthigt — wie beim vorgeschriebenen vaterländischen Geschichtsunlerrichte — bei Jüugstgeschehenem zuerst anzufange». Da sendet mir, unter vielen Anderen, vor einigen Wochen ein sehr verehrter Amtsbruder, A. Nußbaum-Trier, folgende erhebenden Worte zu: „Dem jüngsten preußischen Volksschullehrer meinen herzlichsten Glückwunsch! Heil dem, der, wenn auch erst in spätem Lebensalter, das langerstrebte Ziel seiner Hoffnungen und Wünsche erreicht. Ihr treuer Kollege und Mitarbeiter." Mit vollem Rechte nennt sich Kollege A. Nußbauin auch meinen Mitarbeiter: denn er und alle seßhaften Mitglieder des Südwestdentschen Lehrervercins (die Zugvögel können dabei nicht in Betracht kommen!) haben redlich mitgeholfen, die jüdischen Schul- und Lehrer- Verhältnisse in der Rheinprovinz i» jeder Beziehung erträglicher zu gestalten und auf das Niveau zu bringen, die unsere Zeit gebieterisch erheischt. Im August des Jahres 1882 lvard auf Anregung Nußbaums, gelegentlich einer amtlichen Seniinarkonferenz zu Ottweiler, von drei preußische» und zwei oldenburgischen jüdischen Lehrern eine Konferenz, die erste, abgehalten, die den vorerwähnten neueil Lehrerbund ins Leben rief. Die zweite Konferenz tagte 1883 in Trier und war schon von „siebeil" Mitgliedern und drei Zuhörern besucht. In der dritten Versammlung zu St. Johann an der Saar Anno 1884, die es schon auf ca. 30 Mitglieder brachte, bekam das Vereinskind erst seinen oben erwähnten Namen und seine rcvidirten, noch heute bestehenden Satzungen. Und was war der Zweck des Vereins? In erster Linie hieß es: „Unsere Schulen miiffen zu öffentlichen erhoben und dafür müffe» alle Hebel iir Bewegung gesetzt werden!" Als praktische Männer traten wir sofort auf realen Boden. An die Gründung einer eigenen „Kaffe" dachten wir nicht; denn die Staatskasse, die zu Unterrichts- und Pensionszwecken rc. bestimmt ist, und wozu auch wir deutschen Bürger jüdischen Glaubens redlich beitragen iniisien, schien uns groß genug zu sein, um auch uns unter die Arme greifen zu können. Bei gleichen Pflichten auch gleiche Rechte verlangen, wer kann das »»billig finden? Nnn gings los. Vor Allem ward eine statistische Erhebung beliebt, und da zeigten sich erst die jämmerlichen, bedanernsivcrthen Lehrerverhältnisse; da kein NV,7> und dort keine .“Hin, oder sprechen wir in unserer Muttersprache: „bei dem Einen kein „Brod", bei dem Anderen kein „Wiffen". Alles sich selbst überlassen! Jeder suchte sich selbst zu helfen, lind drum petitionirte auch ein Jeder auf eigene Faust, und das war und ist noch heute einfach zwecklos, ja schädlich. Der Einzelne ist schwach, die Maffe dagegen stark, lind muß daher — nolens volens — schließlich berücksichtigt werden. So waren beispielsweise vier Lehrer aus nächster Nähe: die verewigten S. Levy-Ottweiler, Sänger in Neunkirchen, Tiefenbronner in Saarbrücken, Pfeffer in Illingen und Schreiber dieses mit einer Eingabe sogar bis ans Abgeordnetenhaus gegangen, und was haben wir erzielt? Nichts. Der damalige Präsident des Hohen Hauses schrieb uns — und das war der ganze Erfolg — folgenden Bescheid: „Berlin, den 9. Dezember 1868. Die Petition der jüdischen Elementarlehrer vom 14. November 1867 ist durch Beschluß des Hauses der Abgeordneten vom 28. Februar 1868 der königlichen Staatsregierung zur Kenntnißnahme mitgetheilt worden. Dieselbe liegt daher dem Hause nicht mehr zur Beschlußfassung vor, was ich Ihnen in Folge des gefälligen Schreibens vom 30. November er. hierdurch ergebenst mittheile. Der Präsident des Hauses der Abgeordneten: gez. v. Forckenbeck. An die Lehrer, Herren S. Levy und Genossen, Wohlgeboren II. Nr. 800. in Ottweiler."') ') Soviel ich mich entsinnen kann, habe ich bald allein, bald mit anderen Kollegen, im Ganzen nur acht Mal, um die öffentliche Anstellung, ich möchte sagen, gebettelt Wollt Ihr, geschätzte Leser, es wissen, wann? An wen? Bon wem? 1. Petition, die oben angeführte. 2. Petition an die königl. Reg. zu Trier am 10. Mai 1660 (allein). 3. Petition an die königl. Regierung zu Trier im Jahre 1874 (unser Vorstand hier und ich). 4. Petition an den Bürgermeister und Lokalschulinspektor Herrn Bettingen, hier, am 19. Juni 1876 (allein). 5. Petition an die königl. Regierung, z. H des Kreisschulinspektors Dr. Tyszka zu Ottweiler, am 31. August 1879 (die jüdischen Lehrer des Kreises Ottweiler). 6. Petition an die königl Regierung zu Trier ani 16. Mai 1887. 7. Petition an das Oberpräsidium in Koblenz am 1. Aug. 1887 und 8. Petition an das Kultusministerium in Berlin am 27. Febr. 1890. Doch auf die drei letzten Petitionen soll nachstehend näher eingegangen werden; denn mit ihnen oder vielmehr durch sie begann langsam der Morgen zu dämmern.

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