Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- Seite 568 (sequence 4)
- Language
- German
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568 Antisemiten weilen, — nnd wo weilten sie nicht in unserem schönen Oesterreich? — Graf Badem ist mm zn»»» Führer der „Allianz israelite" avancirt, unb in ohnmächtigem Toben und Grollen macht sich in unserem Parlamente der ganze Haß der verbündeten Klerikalen, Antisemiten, Jungtschechen, Demokraten, Deutsch - Nationalen und Sozialdemokraten gegen ihn Luft. — Nicht wahr, das ist ein bunt znsannuengewürfeltes Mosaik von Parteien! Ja, in Einen» reichen sie sich Alle, Alle, die da zusanimenkameu. brüderlich die Hand, die Ebenhochs. Die zur höheren Ehre Gottes die Juden fressen, und die Haucks, die vorn alten Testamente nichts wissen wollen, dafür ihre Ahnen im Teutoburger Walde suchen: im Hasse gegen den Kapitalismus, der ihnen gleichbedeutend ist mit dem die Welt unterjochenden Judenthum, wobei es ganz außer Betracht konnut, daß die weltbeherrschenden Juden in Oesterreich von gewissen Aemtern ganz ausgeschlossen sind, daß die verjndcten Eisenbahnen in ihren Bureaus meist antisemitische Beamte angestellt haben, daß die doch total in Judenhänden sich befindenden großen Geldinstitute nur arischen Beamten Brod geben und daß man von jüdischen Lehrern beileibe nicht die Geschichte der Reformation vorgetragen wissen will. — Wenn die Juden trotz alledem die Welt beherrschen, unterdrücken, unterjochen, was muß das doch für ein Wundervoll sein! — Vorläufig also haben wir keinen Lueger als Bürgermeister von Wien, wohl aber eine Lueger-Frage, um, »vie mau sagt, einem tiefgefühlten Bedürfnisse nach Fragen abzuhelfeu. Mit dem in weiteren Kreisen bekannten Hanum hat Herr Dr. Lueger manches gemein; wie weiland ftuer persische Hofininister, erklärte auch er es gleichgiltig, ob die Juden gebraten, geschlachtet oder gehenkt werden; wenn sie nur „vernichtet" werden. Das wäre doch ein „unparteiischer, gerechter" Bürgermeister gewesen! Und noch etwas haben die Hanumiden gemeinsam; beide wurden gestürzt, als sie glaubten, die Höhe ihres Ehrgeizes erreicht zu haben. — Doch genug von Lueger, Haman von Wien und Susa! Uns Inden mag es gleichgiltig sein, wer Bürgermeister Don Wien oder Schuschau »vird; ein Antisemit wird es doch, nnd ob jetzt oder im Mai, was »nacht dieser Zeitunterschied? lieber Eines aber »vollen »vir uns doch freuen, darüber, daß die erleuchtete Weisheit unseres Monarchen die ganze Pöbelherrschaft desavonirte, daß wir eine Regierung haben, welche stark genug ist, sich den» verderblichen Zeit-! ströme entgegenznstelleu, dem Zeitstrome, mit welchem, täuschen wir > uns darüber nicht, so ziemlich alles schwimmt, Gewerbsleute und i sogenannte Intelligenz, Pöbel und die „höheren Zehntausend"; und! über sie Alle breitet segnend seine Hände der Klerikalismus und der! Fürst Liechtenstein! So herrlich weit haben »vir es gebracht! z Wie es dazu gekommen? Tie Frage ließe sich beantworten, die! Zeit würde darüber vergehe»», viel Papier verschrieben und Tinte vernichtet »verden. Unser Ackerbauminister, nebenbei ein Mann von gilt! konservativer Gesinnung, erklärte iu der für ewige Zeiten „anj znnagelnden" Sitzung des österreichischen Parlamentes von» 16. Noveinber 18U5, die „Brodunb Fleischfrage haben die »veißen Nelken geschaffen". Graf Ledebur »nag tausendmal Recht haben, aber »venn »vir Juden gerecht sein »vollen, so muffen »vir bei diesem Geständnisse rellig den Kopf hängen lassen und wie jener ägyptische Mu»»dsche»»k spreche»»: „Ich gedenke heute meiner Sünden." Oste»» heraus, das Judenthmn, »vie es heute ist, und leider auch die Wie»»er Juden, sie haben nicht an» wenigste»» zur Schilderhebung Luegers, Schneiders und Konsorten beigetrage»» durch die Gleichgiltigkeit, mit der man diesen „Helden" gegenüberstand, durch die Sorglosigkeit, mit der. »»»an die ganze Be»veg»»ng heranwachsen ließ, durch den Mangel a»» Selbst- und Abwehr, durch die Lauigkeit der Gesinnung, i durch Jndifferentismus und eine an Leichtsinn grenzende Indolenz.! Wo ist der Mordechai, der unfern Harnans sich muthig entgegenstellt? Ooer glaubt »nan durch Einrichtung von rituellen Bädern, durch den Streit, ob ein Stück Pint gesagt »verden soll oder nicht, durch den Zank über irgend eine kasuistische Ehefrage den» Judeulhume heute zu helfen? Wahrlich, die große Zeit, sie findet ein kleines, kleiuliches Geschlecht! Sehet, »vie sie über uns znsammeuschlagen, die Wogen des Hohnes, »vie man es »vagt, mit den Schmntzwellen der Verlemndung uns zu besudeln, sehet, wie unsere Jugend wankend wird im Glauben, »vie sie sich fahnenflüchtig von uns »vendet, »vie die Säulen des altehrwürdigen Gebäudes unserer erhabenen Religion einstürzen, »vie die Ratten das Schiff, das sinkende, verlassen und ermannt e»»ch, rettet »vas zu retten ist, das möchten »vir unseren Hirten, unfern Großen, unser»» Kälnpen zurufen! — Wo sind sie Alle, die berufen sind, für das Judenthun» einzutrete»», »varun» erheben sie nicht, gleich ihren Vorfahren, den Speer, nn» gegen die feindlichen Anstürmer zu kämpfen mit dem Muthe der Ueberzengnng? Warn»»» schlafen sie Alle und zeigen sich nicht als Männer in einer Zeit, die der Männer so noth»ve»»dig bedarf? Warum treten sie nicht auf in den Versammlungen, in welchen über das Wohl des Volkes berather» »vird? »vie es Dr. Bloch so oft gethan hat? Wo sind die Reichen, »vegen derer „unser arines, geknechtetes Volk" so viel leiden muß? Wo sir»d die Lehrer der Thora, »varun» schaaren sie sich »»icht nur ein Oberhaupt und räumen de»» Schutt »veg, den Jahrtause»»de aufgehüuft, so daß »nan den herrlichen Ban des Judenthnlns schier nicht »nehr erken»»t? Wo sind die Ge»valtigen der Gemeinden, »velche es so gut verstehen, irgend einen» „Seliarnes“ gegenüber ihren Despotismus gelte»»d zu »nachen? Mit andern Worten: Waru»n habe»» »vir »»icht eine Organisation, warum fehlt es uns an einer Centralisation, damit von diesem festen Mittelpunkte aus einerseits der Feind abgelvehrt, andererseits die Kelle gehandhabt »verde, »velche die rissigen Mauern des Judenthunrs »nieder aufbaut und verbessert? — Blicken »vir doch hin auf die andern Konfessionen. Scheuen »vir uns nicht, ihnen nachzuah»nen, selbst auf die Gefahr hin, daß dies irgend ein ungarischer oder polnischer Talmndgetvaltiger als „Chukkat ha-Goi“ erklärt. Da lasen »vir vor» Bischofs-Konferenzen, Katholikentagen, Schulvereine»», evangelischen General-Synoden, »vir lesen von christlicher Presse und christlichen Missionen, und alle diese Vereine, Vereinigungen, Tagungen und Konferenzen, sie dienen zur Hebung des religiösen Bewußtseins, zur Stärkung der Konfessionen »velche Nien»a»»d bedroht, Niemand ernstlich angreift. Und nun blicken »vir hin auf das so sanft schlummernde J»»denthu»»»! Wie fest ist doch sein Schlaf! Selbst das rohe Geschinrpfe seiner Gegner erweckt es »ncht; es schläft weiter. Die Synagogen stehen leer, kaum daß du Tenor-, Bariton- oder Baßsti»n»ne eines Kantors sie füllt, kaum, daß die mehr oder »veniger geistreichen Worte unserer Prediger di> Zuhörer heranzulocken verulögeu. Unser Gottesdienst, er is ».»»seren» jüngeren Geschlechte öde ge»vorden. Es versteht Gottes Wort nicht, es versteht die Gebete nicht, es konnut sich i»n Tempe des Herrn »vie in der Fremde vor. Gehen »vir »veiter. Unse» t Religionsunterricht, er ermangelt des Planes. Was soll de j gelehrt »verden? Wie soll es gelehrt werden? Ist die materiell' « Lage der Religionslehrer eine solche, daß sie mit Lust und Lieb-! unterrichten können? Wie steht es mit unseren Wohlthätigkeits! einrichtungen? Bedürfen sie nicht einer gründlichen Umgestaltung! und »nnfassenden Vermehrung? — Und über alle diese Fragen sollt' j sich eine, der Na»»»e thut nichts zur Sache, israelitische General , Synode nicht einigen können? Sollte es mit uns bereits soweit gekonunen sein, daß eine solche aus freigewählten Männern bestehende oberste Vertretung des Judenthums, die alljährlich zusammentritt, i Gemein solche o fragen, dienst » sie alle dieser ( überall, »vird, r »vürdig M Oesterr solchen »v»r fit kräftigt sich an Gleichg Gefühl, emporb denen > die Ve» eine U» „2 unserer slädte, immer Dich se der Di hereinz» Kleines oder er Kampf, stürlne» sein" t Regier» thun a Ail iblief. 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