Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228142--52361-3273151- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3 f. München, 17. November. Die israelitische Kultusgemeinde München hat binnen 19 Monaten ihren Rabbiner, ihren Vorstand und jetzt, durch den bereits gemeldeten Heimgang des Rechtsanwalts Dr. Jacob Kohn stamm, ihren rechtskundigen Sekretär verloren. Ungefähr im Jahre 1833 hat wohl zum ersten Male sich eine baierische Kultusgemeinde einen rechtskundigen Sekretär bestellt, nämlich die damals größte baierische Gemeinde zu Fürth in der Person des damals „Vereinsakluar" benannten nachmaligen k. Advokaten Dr. Karl Feust. Vor etwas über 25 Jahren hat dann die israelitische Kultusgemeiude München, unseres Wissens zum ersten Male seit ihrem Bestehen, einen Rechtskundigen in der Person des Dr. Kohnstamm zu ihrem Sekretär berufen, der dieses Amt mit einer kurzen Unterbrechung länger als ein Vierteljahrhundert bekleidete. Während der Thätigkeit des Dr. Kohnstamm hat die Seelenzahl der Gemeinde sich wohl mehr als verdoppelt; unter seiner Mitwirkung ist die großartige hiesige Synagoge gebaut worden, ein neues Statut für die Verwaltung geschaffen worden und eine große Anzahl wohlthätiger Stiftungen, darunter die Lippschützische Versorgungsanstalt, errichtet worden. An allen diesen Schöpfungen hat Dr. Kohnstamm, dem eingehende Erfahrung, ein scharfer Blick und ein konziliantes Benehmen zur Seite standen, wesentlichen Antheil genommen, so daß sein Heimgang dem israelitischen Gemeindeleben einen sehr fühlbaren Verlust bereitet hat. München, im November. Nachdem die am 22. Oktober d. I. gewählte Kommission die Statuten für den hier zu gründenden Verein für jüdische Geschichte und Litteratur entworfen, hat dieselbe am Donnerstag, dem 14. d. Mts., im Hotel Jochsberger eine Versammlung abgehalten, behufs Berathung und Beschlußfassung über die zur Gründung des Vereins erforderlichen weiteren Maßnahmen. Das Komitee besteht aus den Herren Rabbiner Dr. Werner, Justizrath Boseowitz, Dr. Ehrentreu, Rechtsanwalt Dr. Fränkel, Justizrath Gotthelf, Direktor Kahn, Dr. Merzbacher, Albert Schulmann, Landgerichtsrath Silbermann. Oesterreich-Angarn. □ Wien, 18. November. Wien steht unter dem Eindrücke der neuerlichen Auflösung des Gemeinderathes und der Lärmszenen im Parlament. Noch versuchen die Antisemiten, die aus ihren kühnsten Träumen gerissen wurden, zu retten. Sie thun, als ob sie blind und taub wären, mißdeuten absichtlich den klar ausgesprochenen Willen des Monarchen und fordern in leidenschaftlichem Appell an das bekannte „Volk von Wien" die Auflehnung. Aber der Eindruck der gestrigen skandalösen Vorgänge im Parlament, die sich zu einem noch nicht dagewesenen Hexensabbath entwickelten, wird doch ein tiefer sein. Darüber, daß Lueger nach oben hin gründlich abgethan ist, kann gar kein Zweifel mehr herrschen, und ebensowenig, daß Graf Badeni das Oberhaupt der Wiener Demagogen auf geschickte Weise in eine Sackgasse geführt hat. In antiliberalen Kreisen macht sich daher eine tiefe Depression bemerkbar. — Bei herrlichem, klarem Herbstwetter fand gestern auf der israelitischen Abtheilung des Centralfriedhofes die Enthüllung des Denkmals für den sel. Dr. Adolf Fischhof statt. Auf mächtigem Sockel ruhend, in massigen Proportionen ausgeführt, macht es einen imponirenden und Zugleich vornehmen Eindruck. Fast siebeneinhalb Meter hoch, ragt es in die Lüfte, gekrönt von einer flammenden Freiheitsfackel. Der Granitsockel trägt die Jnschriftentafeln aus schwarzem Syenit. Die linksseitige zeigt eine hebräische Inschrift, welche dem Wirken Fischhofs gewidmet ist, die rechtsseitige lautet: „Eine übelberathene Staatskunst hat die Völker Oesterreichs bisher auseinander gehalten. Sie müssen sich jetzt brüderlich zusammenfinden und ihre Kräfte durch Vereinigung ethöhen. 13 März 1848." Auf der mittleren, dem Beschauer zugewendeten Tafel liest man: „Dem Vorkämpfer für Freiheit und Recht, gewidmet von Freunden und Verehrern 1895." Der aus Laaser Marmor verfertigte Würfel, der sich auf diesem Sockel erhebt, zeigt gleichfalls Inschriften: Dr. Adolf Fischhos, dem Vorkämpfer für Freiheit und für Recht, gewidmet von Freunden und Verehrern 1895." „Erste Freiheitsrede, Wien, Landhaus 1848. Präsident des Sicherheitsausschusses 1. Juni bis 17. Juli 1848. Reichstagsabgeordneter der Stadt Wien 1848 — 1649." „Arzt und Publizist, geboren in Alt - Ofen, 8. Dezember 1816, gestorben in Emmersdorf, 23. März 1893." Als Erster nahm Architekt Max Fleischer, der Schöpfer des Denkmals das Wort, und sprach von der Liebe und Begeisterung, mit welcher er dem Freunde des Volkes ein würdiges Denkmal aus edlem, dauerndem Stoffe zu schaffen bestrebt war. Als der Beifall verklungen war, welcher diesen Worten folgte, fiel die Hülle des Denkmals. Nun hielt Professor Eduard Sueß die Gedenkrede. Seine Worte übten eine tiefe Wirkung und alle Anwesenden waren bewegt. Als nächster Redner sprach Abgeordneter Dr. Kronawetter, der in begeisterten Worten d'e Verdienste Fischhoffs um die Erkämpfung der Freiheit in Oesterreich pr.es. Sodann übergab Herr Matscheko das Monument Namens des Komitees in die Obhut der israelitischen Kultusgemeinde, indem er einen Kranz mit der Schleifen-Jnschrtft: „Die akademischen Legionäre 1848" niederlegte. Nach ihm sprach Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Alfred Stern, der das Denkmal übernahm und das Gelöbniß der israelitischen Kultusgemeinde, dasselbe getreulich zu hüten, leistete. Im Namen der Vereinigten deutschen Linken legte sodann Abgeordneter Noske einen Kranz am Grabdenkmale des unvergeßlichen Volksmannes nieder. Nachdem noch eine größere Anzahl von Rednern, Vertreter akademischer und demokratischer Vereine gesprochen und ihre Kränze an dem Sockel des Monuments niedergelegt hatten, darunter der Journalisten- und Schriftstellerverein „Coneordia" („Seinem unvergeßlichen Mitglieds Dr. Adolf Fischhof"), war die würdige und erhebende Feier zu Ende. — Ein nettes Corps sind die Grazer Antisemiten! Einer ihrer Führer, Ferdinand v. Schönhofer, der Gründer des antisemitischen „Extrablatt", wurde wegen Krida zu vierzehn Tagen Arrests verurtheilt. Ein anderer, der bekannte Fe ich - tinger, genannt der „Grazer Lueger", erhielt wegen Beleidigung einer jüdischen Tischgesellschaft im Gasthause, sowie zweier Gewerbekommissäre eine Geldstrafe von 200 Gulden. — Einer althergebrachten Sitte gemäß wurden am Martinitage, vor Beginn der allgemeinen Audienzen, von einer Deputation der israelitischen Kultusgemeinde in Preß bürg die von der genannten Gemeinde für den Kaiser bestimmten Martinigänse, welche reich geschmückt waren, in der Hofburg abgeliefert. Die Martinigänse, sechs an der Zahl, wahre Prachtexemplare, die mit feinen, weißen Leinentüchern bedeckt waren, wurden auf silberne Tassen gelegt und von einem der Kammerdiener des Kaisers in der Kammer des Monarchen übernommen. Die Deputation wurde später vom Kaiser unter den allgemeinen Audienzen empfangen. — Die Rumburger antisemitische Gemeinderathsmajorität hatte beschlossen, gleich der Grazer Gemeindevertretung das rituelle Schlachten im öffentlichen Schlachthause den israelitischen Ortsbürgern zu verbieten, lieber Beschwerde der israelitischen Kultusgemeinde wurde dieser Beschluß von der Bezirkshauptmannschast aufgehoben, allein über Rekurs der Gemeindevertretung setzte die böhmische Statthalterei die Entscheidung der Bezirkshauptmannschast außer Kraft und stellte den Beschluß der Gemeinde wieder her. Dagegen ergriff die israelitische Kultusrepräsentanz die Beschwerde au das Ministerium des Innern, welches nunmehr entschied, der Beschluß der Gemeindevertretung und die gleichlautende Statthalterei-Entscheidung werden aufgehoben und die Entscheidung der Bezirkshauptmannschast wiederhergestellt, da das rituelle Schlachten ein staatlich anerkannter Gebrauch des israelitischen Kultus sei, ein bezügliches Verbot demnach eine Verletzung des Artikel 15 der Staatsgrundgesetze wäre. Der Gemeinderath will nun gegen diese Ministerial- Entscheidung die Beschwerde beim Verwaltungsgerichtshofe überreichen. — Der ungarische Unterrichtsminister Dr. Wlassies machte gelegentlich seines Aufenthaltes in Temesvar dem dortigen Oberrabbiner Dr. Löwy einen längeren Besuch. Alurrikn. C. H. Newyork, im November. Am Crew Jom Kippur unternahm die New-Iorker Polizei einen wahren Sturm auf das russisch-jüdische Ghetto, weil dessen Insassen lebendige Hühner feil hielten, was aus Sanitätsrücksichten gesetzlich verboten ist, aber sonst um diese Zeit wegen der Kapparoth stillschweigend geduldet wurde. Der Eifer der Polizei entspringt einem Wahlmanöver, um die Trefflichkeit der gegenwärtigen Munizipalverwaltung zu beweisen, und als passendstes Objekt - fiat, experimentum in anima vili — sind die armen russischen Juden ausersehen worden. — Viel Aufsehen macht der Fall einer gewissen Madame Bliden aus Saffed in Palästina, welche seit mehr als drei Jahren hier im Lande weilt, um Gaben für ein von ihr angeblich gestiftetes, mit einer allgemeinen Schule verbundenes Mädchenwaisenhaus zu sammeln. Jetzt, nachdem Mme. Bliden Tattsende von Dollars gesammelt hat, regt sich der Verdacht, daß die ganze Geschichte ein Schwindel sei. Frau