Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Blideu lies; nämlich die gesammelten Gelder an die Alliance in Paris schicken, deren Sekretär jetzt erklärt, daß die Alliance nur ersucht wurde, einlaufende Gelder in Empfang zu nehmen uub nach Palästina abzusenden, > aber über deren Verwendung nichts wisse. Weitere Enthüllungen werden mit j Spannung erwartet. — Das hebräische Wochenblatt „Haibri" ist nach längerer Pause wieder auferstanden Sein Herausgeber ist der Redakteur Gerson Rosenzweig, währendes früher im Verlage von Sarasohn erschien, der ein Tageblatt und ein Wochenblatt im russisch-jüdischen Jargon herausgiebt. Gerson Rosenzweig hat sich durch eine sehr glückliche talmudische Parodie „Massekhet Amerika" einen Namen gemacht. Er hat auch als Gerson Ha-Sandelar ein Schuhgeschäft betrieben. — Ein interessanter literarischer Streit ist über eine neue Talmudausgabe mit englischer llebersetzung ausgebrochen. Michael Levi Rodkinson will den ursprünglichen, von späteren Zusätzen gereinigten Talmud wieder herausgeben und ins Englische übersetzen. Das Ganze ist ein verkleideter Plan des Autors, sich einen Erwerb zu schaffen. Der unwissenschaftliche Charakter des Unternehmens ist von Jastrow, Hirsch und Felsenthal wiederholt gerügt worden. Rodkinson will den Beweis führen, daß alles dem modernen Geschmack Anstößige im Talmud von christlichen Fälschern eingeschoben wurde. Er soll auch behauptet haben, der zweite Psalm sei von Paulus geschrieben. Felsenthal schlägt ihm vor, den 74. Psalm als paulinisch zu erkennen, weil darin Paul Jeschuoß, der Paul des Heils, vorkomme. — Das jüdische Waisenhaus in San Francisco, Pacific Hebrew Orphan Asylum and Home Society, versendet seinen Jahresbericht. Es hat im abgelaufenen Jahre 122 Waisenkinder verpflegt. Seine ordentlichen Einnahmen betrugen 28,464 Dollar und blieben hinter den Ausgaben um 8000 Dollar zurück. Die außerordentlichen Schenkungen und Legate betrugen 37,550 Dollars. Die Zahl der unterstützenden Mitglieder ist von 1435 auf 2037 gestiegen. — In New-Pork soll demnächst eine jüdische Besserungsanstalt für verwahrloste Kinder, Jewish Keformatory, gegründet werden. — George W. Ochs ist zum Mayor der Stadt Ehattanooga, Teneffee, mit großer Majorität miedergewählt worden. Das Resultat der Wahl ist um so bedeutsamer, als Herr Ochs der demokratischen Partei angehört, welche in der Stadt die Minorität bildet. — William Rosenau, Rabbiner in Baltimore, ist zum Dozenten (Inslructor) in rabbinischer Litteratur an der dortigen Johns Hopkins-Universität ernannt worden. — Das rasche Wachsthum der amerikanischen Städte, welches häufig die früheren Wohnviertel zu Geschäfts- und Fabrikvierteln umgestaltet, zwingt die jüdischen Gemeinden zu häufiger Verlegung ihrer Synagogen. Die Zion-Gemeinde in Chicago, deren Synagoge sich auf der Westseite befindet, beschloß auf der von den meisten Mitgliedern bewohnten Südseite eine neue Synagoge zu gründen und berief ihren früheren Rabbiner Dr. Joseph Stolz auf die neue Kanzel. Die frühere Synagoge soll ihrer Bestimmung erhalten bleiben. — Neue Gemeinden wurden in Springsield (Mass.) und in Pueblo (Eol.) gegründet. Die erstere ist, wie fast alle Gemeinden Neu-Englands, aus russischen Einwanderern zusammengesetzt. — Der Verein zur Förderung des Religionsunterrichtes, Sabbath School Union, hat eine Broschüre unter dem Titel „Guide for Jewish Sabbath School Teachers“, Führer für jüdische Religionslehrer, herausgegeben. Das Büchlein enthält folgende Aufsätze: „Der Unterricht in biblischer Geschichte" von Dr. K. Köhler; „Religiös-sittlicher Unterricht in der Sabbath-Schule" von Dr. B. Felsenthal; „Wie soll man biblische Geschichte in den unteren Klassen unterrichten" von Rabbiner E. N. Ealisch; „Wie soll man eine Sabbathschule organisiren" von Dr. H. Berkowitz. — Dr. Fred er ick de Sola Mendes, Rabbiner der Gemeinde Shaaray Tesillah in New-Pork, wird während des kommenden Winters in seiner Synagoge Vorlesungen mit Demonstrationen durch die Zauberlaterne halten! Die Themen, soweit angekündigt, lauten: Die Hauptstädte der Welt; Ein Abend bei Shakespeare; Gespenster. — Dr Adolf Moses, Rabbiner in Louisville, als Redner mtb Schriftsteller sehr bekannt, feierte am 6. Oktober unter großer Theilnahme sein Amtsjubiläum. Von Nah und Fern. ----- Der Assistent des k. Instituts für Infektionskrankheiten, Dr. Bernhard Proskauer, hat den Profeffortitel erhalten. — Professor Dr. Immanuel Munk, Privatdozent an der Universität, ist zum Vorsteher der spezieü-physiologifchen Abtheilung der hiesigen physiologischen Universitätsanstalt ernannt worden. — Wegen Beleidigung der Kaiserin Friedrich hatte sich der verantwortliche Redakteur des antisemitischen „Deutschen Michel", Karl Kern, vor der vierten Strafkammer des Landgerichts 1 zu verantworten. Unter Anklage gestellt war ein Artikel in der Nummer vom 21. September cr. unter der Ueberschrift „Monarchen- Diner bei Cohn und Rosenberg". Es wurde darin die Thalsache persiflirt, daß der Prinz von Wales und die Kaiserin Friedrich zu einem Diner bei dem Baron Rothschild erschienen seien und nach dem Diner im Garten des Freiherrn einen Baum gepflanzt haben. Der Gerichtshof nahm eine Beleidigung der Kaiserin Friedrich für vorliegend an und verurtheilte den Angeklagten zu zwei Monaten Festungshaft. - Wegen Majestätsbeleidigung ist der „Post" zufolge gegen den Herausgeber des „Deutschen Generalanzeigers", Karl Sedlatzek, ein Strafverfahren eingeleitet worden. Es handelt sich um einen Artikel in der vom 20. v. Mts. datirten Nummer des antisemitischen Blattes unter der Ueberschrift: „Das 500jährige Hohenzollern-Jubiläum". In dem Artikel wird behauptet, daß die „geheimen Oberen des jüdischen Weltbundes" unermüdlich thätig seien, die Fürsten und Staatsmänner Europas in ihre Netze zu ziehen. Das sind die Kämpfer für „Sitte und Ordnung"! — Begnadigt wurde der wegen Duellvergehens verurtheilte iüand. jur. Ru bin st ein, nachdem er sechs Wochen seiner Festungshaft in Danzig verbüßt hat. Sein Gegner im Duell, der Student Lehmann, hat sich, wie s. Z. gemeldet, der Strafe durch die Flucht nach Amerika entzogen. — Der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Hannover eröffnete beu Cyklus seiner diesjährigen Vorträge am 13. d. M. mit einem Vortrage des Herrn Prof. Dr. M. Philippson über das Thema- „Shakespeares Shylock und der jüdische Leibarzt Elisabeth's von England". Die Diskussionsabende werden wahrscheinlich in den schönen Räumen der Zion-Loge abgehalten und werden demnächst beginnen. Am 12. d. M. sprach Professor Philippson in Braunschweig, am 14. d. M. in Hildes heim in dem dortigen Litteraturverein. — Den Reigen der auswärtigen Redner in dem Litteraturverein zu Hörde eröffnete Seminarlehrer A. Treu aus Münster mit dem Vortrage: „Kosmopolitismus und Patriotismus im Lichte des Judenthums". Reicher Beifall wurde dem Redner gezollt. Nächstens spricht dort Rabbiner Dr. Nippner aus Glogau. — Der Unterrichtsminister forderte den Senat der Universität zu Budapest auf, der antisemitischen Bewegung unter den Studenten energisch entgegenzutreten; er drohte mit eventl. Entziehung der Staatssubvention für die Lesehalle. — Aus dem zum 1. Okt. 1895 ausgegebenen „Personal der kaiserlichen Universität Jurjew (früher Dorpat) dürsten folgende Daten von Interesse sein: Von 1064 Studirenden sind mosaischer Konfession 242 oder 22,7 Prozent und ein Baraite. Die Zahl der Pharmaceuten, die nicht mehr zu den Studirenden gerechnet, sondern als „Zuhörer der Pharmacie" bezeichnet werden, beträgt 237, von welchen 105 mosaischen Bekenntnisses, gleich 44 Prozent und 1 Baraite. Die Gesammtzahl der Studirenden mosaischer Konfession mit Hinzurechnung der jüdischen Pharmaceuten beträgt 347 oder 26 Prozent aller Studirenden und 2 Baraiten. Mit einzelnen Allsnahmen gehören die 242 Studirenden mosaischer Konfession der medizinischen Fakultät an, die im Ganzen 622 Jünger aufweist, so daß die Juden in der medizinischen Fakultät 38,9 Prozent ausmachen. Die hohe Prozentzahl der jüdischen Studirenden an jener Universität findet ihre Erklärung darin, daß bis zum Herbstsemester 1895 die Juden in Jurjew (Dorpat) ohne Prozentverhältniß ausgenommen wurden, so daß alle von den andern Universitäten des Reichs Zurückgewiesenen sich nach Jurjew begaben. Von nun an gilt die Beschränkung (5 pCt.) auch für Jurjew. — Eduard Jgnace, Advokat am Appellhof in Paris, ist zumKabinetschef im Marineministerium ernannt worden. — Eugene Kahn, Adjutant der Marine, hat für seine Leistungen in Madagaskar die militärische Medaille erhalten. — Michael Emanuel ist einstimmig zum Bürgermeister (Mayor) von Southampton gewählt worden. — Londoner Blätter bringen ausführliche Berichte über eine Szene im Parlament zu Sydney, wo ein Mitglied den Generalstaatsanwalt Sir Julian Salomons wegen seines jüdischen Bekenntnisses angegriffen hat. Salomons erwiederte in einer glänzenden Rede auf jene Angriffe. — In fünf Minuten hat kürzlich Sally Joel auf der Börse in Johannisburg 16,000 Frcs. zum Bau einer jüdischen Schule daselbst gesammelt. Druck und Verlaa von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauckwiü in Berlin.