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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-22 · Heft 47 (22.11.1895) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
Seite 563 (sequence 11)
Language
German
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563 das Unglück Deines Kindes Deine Schuld — und die nimmt Dir auch nicht Gott der Herr von der Seele. . ." „Ruf Ihn nicht an!" rief er flehend. „Was Er will. . . Ich weiß nicht, was Er da will!" stieß er in qualvoller Angst hervor. „Ich Hab' nur geglaubt ... ich besteh' nicht darauf!" Sie wollte noch ein zorniges Wort sagen, doch unterdrückte sie es, als sie sah. wie todtenbleich er war. „Run wohl," sagte sie. „Dann wird sie erst in vier Wochen erfahren, daß sie Braut ist. Hast Du etwas dagegen?" „Rein." Denn nun hörte er in seinem Innern nicht mehr die beiden Stimmen, die so herb mit einander gestritten, sondern wieder nur eine und sie sagte: „Mag sie wenigstens noch vier Wochen das harmlose, fröhliche Wesen bleiben, wie bisher." „Nun die Bedingungen. Was soll er ihr zusichern? Es ist nicht leicht zu entscheiden. Er ist reich, hat aber viele Kinder. Ich denke, tausend Gulden können wir fordern. Mehr nicht, aber dabei bleiben wir auch." „Wie Du meinst," sagte er demüthig. „Dann die Aussteuer. . . Wir können ihr ja nichts mitgeben." Ihre Stimme zitterte schmerzlich. „Nur das Nothwendigste; ist er der brave Mann, für den wir ihn halten, so wird er dann sein Weib besser bedenken. . . Dreißig Gulden vielleicht für ein Kleid und einige Hemden. . ." Auch ihm zuckte es schmerzlich um den Mund. „Es muß ja sein", sagte er leise. „Und endlich: was sollen wir für uns fordern?" „Für uns?" rief er und eine glühende Röthe überflaunnte sein Antlitz. „Ja!" erwiederte sie. „Was wundert Dich daran? Wen» ein alter reicher Mann die schöne blühende Tochter armer Leute hcirathet, so pflegt er seine Schwiegereltern zu bedenken. Atendele meint, wenn wir ihm den zehnten Theil abgeben, so wirkt er dreihundert Gulden für uns aus . . ." „Chane!" schrie er mit heiserer Stimme und schnellte empor. Null war-sei» Antlitz todtenfahl. „Chane! — und das willst Du annehmen?!" „Warum nicht?" fragte sie. „Es ist ja so allgemein gebräuchlich, daß er selbst gleich hundert Gulden angeboten hat!" Leib Weihnachtskuchen rang die Hände. „Chane", rief er flehend, „das ist ja nicht Dein Ernst, kann nicht Dein Ernst sein. Weißt Du denn nicht, was dies Geld wäre? . . . Der" — die Stimme versagte ihm — „der Preis für Dein Fleisch und Blut!" schrie er auf. „Unsinn!" rief sie gellend. Aber er noch lauter, in höchster Verzweiflung: „Mein Kind vcrkanf ich nicht! ... Ich nicht . . . ich nicht . . ." Ein krampfhaftes Schluchzen erstickte seine Stimme; er schlug die Hände vor's Gesicht und sank auf die Bank zurück. Einen Augenblick schwieg die Frau; eine so wilde, laute Leidenschaftlichkeit des Schmerzes war ihr an dem demnthigen Dulder ungewohnt. Auch regte sich in einem Winkel ihres Herzens die dunkle Empfindung, als ob das doch nicht „Unsinn" wäre . . . Aber diese Regung ging rasch vorbei: was sollten sie besser und kluger sein als alle Welt? Und was wurde ans ihnen beiden, wenn sie da nachgab? . . . (Fortsetzung folgt.) ©*> Zur Karnrizruah. (Dem Gebetbuch anzuheften.) Von Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. (s^j^ein lieber Sohn! Wie hocherfreut Begrüßt mein Vaterherz Dich heut! Barmizwah bist Du! „Sohn der Pflicht", Dein Leben lang vergiß das nicht. Barmizwah bist Du! Sohn der Pflicht! So lang Dir strahlt des Lebens Licht, So lange denk' und gern daran: Pflicht ist das Ziel der Lebensbahn. Pflicht heißt die Losung früh und spät, Pflicht ist die Arbeit, das Gebet, Pflicht, sich und Andre zu erfreun, Pflicht,^ Gutes thun und Böses scheun. Wer sich sein Brod verdient — er bricht's Im Schweiße seines Angesichts, Und segensreiche Labe quillt Dem Mann, der seine Pflicht erfüllt. Was ich heut' fühl' an diesem Tag, Kein Wort Dir würdig künden mag — Es ist ein inniges Gebet, Das für Dich, Theurer, aufwärts fleht. Barmizwah bist Du! Sohn der Pflicht! So lehrt und mahnet tief und schlicht Das Judenthum, dem Du entstammt. Das Edler Herzen stets entflammt. Eindringlich ruft's dem Vater zu: „In Lieb' und Ernst erziehe Du Den Gott Dir gab, den tzerzenssohn. Er werde brav — das sei Dein Lohn. Und ist er worden dreizehn Jahr, Sei ihm des Lebens Endziel klar — Barmizwah mahnt den Sohn der Pflicht: Vom Pfad der Tugend weiche nicht." Barmizwah mahnt den Sohn der Pflicht: Noch strahlt der Ahnen Lebenslicht, Der Glaub' an Gott und sein Gebot, Den sie bewährt in Druck und Noth. Barmizwah ruft den Sohn der Pflicht Zur Thora! Was die Lippe spricht, Deß sei Dein Herz auch stets beseelt — Vom Dank für Gott, der uns erwählt. Der uns erwählt zur strengen Pflicht! Des Glaubens Muth, des Glaubens Licht, Des Glaubens Kraft, des Glaubens Heil, Ward uns — durch uns der Welt zu Theil. Der uns erwählt — nicht zum Genuß, Nicht zu der Freuden Ueberfluß, Nein, zu der Arbeit Schaffensdrang, Zur Pflichterfüllung lebenslang.! Dies Buch — Gebetbuch alter Zeit,! Doch von Veralteten: befreit —! Geleite Deine Lebensbahn Zum Edlen, Tüchtigen hinan. Es ist dies Buch neu in Gestalt, Doch alt an würdigsten: Gehalt, Es ward — ein Erbstück selt'ner Art - Vom Ahn den Kindern aufbewahrt. Es hat in Mittelalters Nacht Den Vätern Trost und Licht gebracht. Und als der Freiheit Morgen graut'. Hat es die Söhne noch erbaut. Ist Manches uns verklungen auch. Wie Zions Rückkehr, Opferbrauch — Das ganze Buch durchweht der Geist, Der herrlich sich noch heut erweist. Das ganze Buch erfreut das Herz, Beschwingt's im Glück, erhebt's in: Schmerz; Es mahnt zur Tugend, warnt vor Schuld, Lehrt Menschenliebe, Gotteshuld! So gebe Deiner Lebenszeit,! Dies Buch ein freundliches Geleit,! Und betest Du und liest Du drin —! Thu's stets wie heut mit reinen: Sinn Dies Buch sei Dir Familienstück, Es mahnt Dich: „Bleib' ein Sohn der Pflicht Beacht' es wohl! Es bringt Dir Glück. So rein wie heut! Vergiß mein nicht!"

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