Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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562 (micijle sie frohe Botschaft. Ihre Augen blickten sicherer, ihr Haupt war erhobener, als er es seit lange, lange ander kranken, vergrämte» Iran gesehen. Was es sei, konnte er sie freilich nicht fragen, er hatte zunächst, vbivvhl auch sie sofort helfend eingriff, alle Hände voll zu thun. Denn beim Anblick ihres Oberhauptes jauchzten alte Bauern ans und verlangten ihre Gläser gefüllt; das; er mit bethräntei» Antlitz vor sie trat, konnte ihnen unmöglich als böses Vorzeichen erscheinen; ivenn Jemand ans Winkowze nach Haliez kam, so betrank er sich eben dort, und wenn Harasim sich betrank, so weinte er immer- Es währte lange, bis sie ans seinen schluchzenden Worten erkannt hatten, das; er diesmal wirklich eine schmerzliche Enttänschung für Alle heinibrachte. Aber traurig wurden auch dann die Wenigste», die Meisten nur eben zorilig. „Der Schreiber ist ein Schwindler!" riefen Einige. „Das sieht man doch auch an seinen Redereien vom Kessel und der Maschine; es ist eben Alles freche Lüge!" Und Andere meinten: „Wer will mich zwingen, meinen Acker zu verkaufen, wenn ich nicht ivill? Dahinter steckt eine Lumperei der Schreiber »nd der Polen, die ja in letzter Zeit immer hinter einem Busch stecken. Wir gehen zum Herrn Kaiser und der schafft uns unser Recht!" Am zuversichtlichsten war der Schmied. „Ich habe keinen Schaden davon," lachte er, „selbst wenn sie mich zwingen tonnen, ihnen den Grund »eben meinem Haus billig zu verkaufen. Denn billig zu arbeiten können sie mich nicht zwingen — und was nützt ihnen die Schmiede ohne Schmied?! O, die Dummköpfe!" Und jauchzend stimmte er den Rundgcsang an, in den die Anderen einficlen: Der Schnaps ist süß, der Schnaps ist gut. Der Schnaps giebt Kraft und frohen Math! Und wenn das letzte Schnapsfaß leer, Tann kommt auch gleich der Teufel her! Es ging ans Mitternacht, als sich die Reihen zu lichten begannen. Da zog sich auch Ehane, welche die Tochter längst zur Ruhe geschickt, in die Schlafstube zurück. „Ich kann nicht mehr," flüsterte sie ihrem Manne zn. „Morgen erzähl' ich Dir von Haliez. Es ist mir Gutes!" Der Kleine nickte selig; die Bestätigung seiner frohen Ahnung gab ihm ungewohnte Krast. Das siel selbst seinen Gästen ans. „Seht nur," meinte einer, „>vie munter der Lcibko heute umherhüpft. Auch er glaubt dem Schreiber nicht! Und er ist doch ein Jnd!" „Bah!" nieinte Omifrij verächtlich, „aber ein dniiiiiier! Da ist ja jeder Bauer klüger! Unb nun gar ich! Uiid ich sage Eilch —" Und er sagte ihiien zum zehnten Male, wie sie die „Komissyja" („Kommission") heimschicken müssten, wenn sie wirklich im Dorf erschieiie, um ihnen solche Unbill znznninthen. „Wir lachen sie ans, bis sie davonlaufen!" Es ging ans zivei, als Leibko endlich feine Lagerstätte aufsuchen konnte. Aber als die Septembersonne vier Stunden später in die Kammer schic», da fanden sie den Kleiiien bereits an seinem gewohnten Platz, die Betriemen um Stirne und Arm geschlnngen. Es that ihm wohl, daß heilt' ein Donnerstag war, für den, wie für den Montag, andere und längere Gebete vorgeschrieben sind, als für die vier aiidereii Wochentage. Voll freudiger Zuversicht sah er den rothglühendeu Ball sich ans ben Nebeln lösen und goldstrahlend emporsteigeii. „Bei Dir ist Heil! Ich habe ans Dich vertrant und Du hast mich erhört!" Als er nach dem Frülnnahl in der Schänkstube neben seinem Weibe sas; nud erfuhr, ivas Gutes sie heimgebracht, da wich freilich die Freude ans seinem Gemüth uiid das Leuchten ans den kleinen, gerölhelen Auge». Er verbarg sein sAutlltz, daß sie es nicht sehe, und blieb stumm, als sie die gnädige Fügung pries, daß Reb David Miriam schon gekannt und Hirschele Krakauer gerade im rechten Augenblick mit seinem Wagen vorbeigekommen. Er hatte sich ja in diese Heirath gefunden, es mußte ja sein, und auch Gott der Herr hatte wohl seine Zustimmung dazu gegeben, weil er sonst den Zufall nicht so wunderbar hätte spielen lasten, aber freuen — nein, freuen konnte er sich nicht darüber . . . „Nun, was sagst Du?" fragte sie endlich ungeduldig. „Du sitzest ja da, als hätt' Dir all' das Unglück die Red' verschlagen?!" „Nein, nein!" sagte er ängstlich. „Eiil Unglück ist's nicht, aber..." „Was?" Er nahm all' seinen Mnth zusammen, aber die Lider schlossen sich unwillkürlich, als er endlich mühsam hervorstieß: „Aber kein Glück! . . ." „Und nun," dachte er, „nun lverden die Schelttvorte und Vorwürfe auf mich niederprasseln." Aber sie blieb still, mir ihr Athem ging schlverer. Und als er sie anblickte, da sah er zwei Thräncn jäh aus ihren Augen brechen und ihre hageren Wangen herabrolleu. „Chaiie," murmelte er und ergriff ihre Hand; er wollte sprechen und konnte nicht, aber eine Welt von Liebe und Reue lag in dem einen zitternden Laut. . . Sie hatte ihn verstanden. „Sprich nicht," sagte sie mit erstickter Stimme. „Es ist nicht nnsere Schuld, daß »ns kein anderes Mittel übrig bleibt, sie zl> versorgen. . ." „Deine Schuld nicht...," murmelte erdemüthig, „aber meine?!" „Klag' auch Dich nicht an", sagte sie abwehreud. „Wir brauchen nnsere Kraft, laß uns ruhig bleiben. Also, darüber sind wir einig, das; wir sie Reb David geben?" „Ja," sagte er fest. . . „Aber natürlich müssen wir Miriam vorher fragen. . .," setzte er zaghafter hinzu. Sie sah ihn so voll starren Staiinens an, als zweifelte sie an seinem Verstände. „Vorher fragen?" wiederholte sie langsam gedehnt. „Ob sie will?" „Ich Hab' nur gemeint!" „Das ist Wahnsinn," sagte sie herb. „Mein Vater hat mich nicht gefragt, und Dein Vater nicht Dich — uiid Niemand fragt — höchstens die „Deutschen" (die unfrommen Juden) in Lemberg oder Czeruowitz. Und deshalb siiid unsere Ehen doch glücklicher, als ihre. Ist das wahr oder nicht?" „Es ist wahr," antwortete er. „Und was weiß das Kind vom Leben? Sie wird „Nein" sagen, schon, weil sie noch länger bei uns bleiben will, und noch mehr, weil sie das Alter des Mannes schreckt. Aber weis; sie auch genau, so genau wie wir, welches Schicksal sie sich dlirch ein „Nein" bereitet?" Er senkte das Haupt. Er halte den Gedanken ausgesprochen, iveil er musste. . . Aber sein Weib hatte Recht, und noch viel Anderes lies; sich dagegen sagen. Und dennoch! — Ihn; war's, als wären zwei verschiedene Wesen in ihm, das eine hatte gerufen: „Sie muß selbst entscheiden!" unb rief es noch, und das andere mahnte: „Es ist gegen Herkommen und Vernunft!" Das Erste rief lauter, aber das Andere sprach eindringlicher. „Nun?" rief sie ungeduldig. „Ich Hab' nur geineint: eben iveil er so alt ist. . ." „Also bestehst Du darauf?" fragte sie zitternd vor Zorn. „Ich hab's Dir vorhin von der Seele nehmen wollen, daß unser Leben und unsere Armuth und all' die Sorge, in der wir nun stecken, Deine Schuld sind. . . Aber bestehst Du nun auf Deinen Wahnsinn, so ist