Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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561 Der Vermittler nickte. „Wenn Ihr Vernünftiges fordert, fo wird er's gewähren. Aber an dem, was Ihr für Euch verlangt, kann leicht Alles scheitern." Er sah sie lauernd an. „Wie ich Euch kenne," fuhr er im Ton ehrlicher Entrüstung fort, „verlangt Ihr mindestens dreihundert Gulden, und doch werden tvahrscheiulich nur hundert zu erreichen sein, und um jede» Heller darüber werde ich mit dem alte» Geizhals raufen müssen." Sie sah ihn erstaunt au, dann aber ging ihr der Sinn der Rede auf. „Wieviel," sagte sie, „sollen wir nach Eurer Meinung verlangen, und was sind Eure Bedingungen?!" „Dreihundert Grilden," erwiederte er mit ruhigem Lächeln. „Für mich zehn Prozent, also dreißig Gulden, so daß ich iin ganzen vierzig voll Euch bekomme . . . Chane, tvas seid Ihr für ein fein Köpfchen! Wenn Erier Mann —" „Schweigt!" rief sie heftig. Sie durfte ihrem Leib Vorwürfe mache», sie allein, sonst Niemand! „Was wißt Ihr von meinem Mann!" Sie tvac so erzürnt, daß er Miihe hatte, sie zu beruhigen. Bevor sie ging, verabredeten sie noch, daß sie ihm am nächsten Tage, Donnerstag, Botschaft senden und seine Antwort am Sonntag Morgen erhalten sollte. Ging Alles glatt, so joflteii die Verlobungs-Akte am Sonntag Nachmittag in seiner Stube unterzeichnet werde». Erhobenen Haupts trat sie auf die Straße. Nun konnte sie getrost heimkehren; ein Besuch bei Mosche Erdkugel war nicht mehr von Nöthen. Die Angelegenheit ordnete sich nach der Verlobung gleichsam von selbst. Die freudige Erregung gab dem siechen Körper Kraft; rasch schritt sie durch den Flecken. Aber es war doch gut, daß sie bei den letzten Häusern von einem Wage» aus Winkowze überholt wurde. Drinnen saß ein kleiner, dürrer Greis, dessen Aenglein in verdächtigem Glanze schimmerten; auch die Hand, die das Leitseil hielt, zitterte. Das war der Richter von Winkowze, Harasim Kozarczuk; die Fran rief ihn an; es war nicht sein Witte, daß er sein Pferd erst nach einer Strecke zum Stehen bringen konnte; es war, als wüßte der kluge Schimmel in solchen Fällen, daß die Last der Verantwortung für die ungefährdete Heimkehr vor Allem ans ihm liege, er kümmerte sich nicht viel um Reden und Thaten seines Herrn. „Da siehst Du," jammerte der Alte die Fran an, als sie ihn endlich keuchend erreicht hatte; „nicht einmal mein Pferd gehorcht > mir mehr! . . . Nun, nimm Platz!" Ec rückte bei Seite. „Mit einer alten Jüdin fahren ist g'rad auch kein Vergnügen, aber was muß sich ein armer morscher Mann nicht gefallen lassen! Hst ho!" Der Schimmel griff aus. „Ja, Chane, ich hab's schlecht ans der Welt! Und warum?" Er begann zu schluchzen. „Weil ich der Richter bin!" Die Fran wußte, wie man ihn in diesem Zustand behandeln mußte. „Ja, Harasim," sagte sie mitleidig, „Ihr habt's bitter ans der Welt! Aber was ist Euch heut' Besonderes begegnet?" „Frag' nicht!" jammerte er. „Es ist zu hart! ... Ta bekomm' ich neulich einen Brief vom kaiserlichen Schreiber in Halicz — dieser Mensch schreibt mir nämlich fortwährend, obwohl er doch weiß, daß ich nicht lesen kann, nur um mich armen, alten Mann zu ärgern — und der hochwürdige Hilarion sagt mir: Richter, sagt er, da steht, daß Ihr am Mittwoch nach Halicz müßt, Ihr und die Richter der anderen Dörfer, durch welche das eiserne Pferd laufen wird — wegen der Bah». Da bin ich Esel ganz fröhlich, daß es nichts Schlimmeres ist, und auch die Aeltesten, mit denen ich berathe, sind fröhlich und wir denken: jedes Dorf soll eine Entschädigung bekommen, damit es die Zauberei imb den Gestank duldet. „Verlange nur für Winkowze tausend Gulden," sagen sie, „oder zehntausend, kurz, so viel wie die anderen Dörfer!" Gut, heut' »m zehn stehen wir also Alle vor dem Schreiber und er fängt an zu reden. Das eiserne Pferd ist kein Zauber, sagt er, sondern eine Maschine, und kein Teufet steckt drin, sagt er, auch keine arme Seele, sondern ein Kessel, und solchen Unsinn mehr, und das, will er, sollen wir Allen sagen! Nun, denken wir, red' nur zu, Bruder, den Gefallen werden wir Dir zwar nicht thn», weil uns sonst jedes Kind im Dorfe anslachen würde, aber jetzt, Bruder, jetzt kommst Du wohl mit den Gulden heransgerückt! Richtig scheint es so, denn nnn fängt er an, uns zu erzählen: Das eiserne Pferd ist ei» Segen für jedes Land, und bringt Allen Vortheil und keinen Schaden, und darumnnn, was meinst Du wohl? Ach, diese Enttäuschung war zu bitter!" Und der Trunkene begann wieder zu schluchzen. „Nun?" fragte die Fran. Aber es währte lange, bis er erzählen konnte. „Darin» soll Jeder dafür fein, sagt er. und keine Schivierigkeiten inachen, sagt er, »iid besonders soll sich Keiner, über dessen Acker das Pferd laufe» wird, einfallen lassen, für das Stücklein Grund mehr zu verlangen, als deii üblichen Preis. Und wenn er mehr verlangt, sagt er, so betrübt er dadurch nur den Herrn Kaiser, der das eiserne Pferd sehr gern hat, aber iiützen thnt's ihm nicht, deiiii dann schätzt das Gericht das Stück Land ab und spricht ihm mir zu, was ihm gebührt. . . . Und dazii, Chane, dazu läßt man einen armen, alten Mann eigens nach Halicz fonnnen. . . . Bereitet Eure Leute vor! sagt er — bald kommen wir hinans, Alles zu ordnen — vH! oh!" „Ja, es ist hart," meinte sie, mit nur etwas zu sagen. Ihre Gedanken weilten fern, in der Zukunft: sie sah ihr Kind als Herrin in dem reichen Hanse walten, zwar eines greisen Mannes Weib, aber sorgenlos, zufrieden, von Allen beneidet. ... In anderem Licht sah zur selben Stunde der kleine Schünkivirth die Zukunft seiner Tochter vor sich liege», während er so am Fenster der Schänkstnbe saß und in die Dämmerung hinausstarrte. Jankv hatte sich nicht blicken lassen, vielleicht kam er überhaupt nie mehr, ans Furcht vor dem Donnerwort seines Priesters. Vielleicht! — aber recht wagte es Leib nicht zu hoffen. Dieser Janko, dachte er, hat ja einen eisernen Kopf; was er will, setzt er durch! Das läuft nicht in> Guten ab. . . . Und dann sah er wieder das Beil blinken, wie in seine!» Traum. Er hatte sich getröstet, dieser Traum sei nur eine Vorbedeutung des Auftritts gewesen, der sich dann zwischen Janko nnd dem Schmied abgespielt, aber cs war doch wohl anders . . . Da trat der Mann ei», den seine Gedanken eben gestreift: der dicke Onufrij, mit ihm einige Hausväter der Gemeinde. Der Kleine mußte die Oellaterne an der Decke anzünde» nnd Schnaps! bringen; die Männer wollten hier die Rückkunft des Richters erwarten. Bald füllte sich die Stube iinmer mehr, so daß auch Miriam bei der Bedienung aushelfen mußte; als sie eiutrat, zuckte! es im Gesicht des Schmieds von verhaltenem Lachen, doch sagte er j nichts. Und als er dann rief: „Na, Leibkv, wann verlobst D» Deine Tochter? Dir ist wohl kein Jud' für sie gut genug?!" — da verstand ja nur der Kleine die Anspielung und fuhr zusammen. Doch blieb eS bei diesem einen Wort. „Schliaps her!" rief der Schmied, „heut' wird vertrunken, was »ns der Herr Kaiser schickt!" nnd die Anderen fielen jubelnd ein. Als mit Einbruch der Nacht der Wagen des Richters vor der Schänke hielt, da war Leib Weihnachtsknchen der einzige nüchterne und betrübte Mann in der Stube. Das änderte sich freilich, als der alte Harasim unter bitteren Thränen hereingewankt kam, Chane hinter ihm. Ein Blick ans sie richtete den Kleinen aus; sie hatte bei Moses Erdkugel eine weitere Frist erwirkt, vielleicht auch von Mendele Gutes erfahren; jedenfalls