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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-22 · Heft 47 (22.11.1895) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
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560 „Nun, es könnt ja wirklich auf Euch gehen. Euer Rosele ist ja ein Prachtmädel" — er schnalzte mit der Zunge — „und Euer Mann ist ja ein „Rendar" (Pächter einer Dorfschänke, das korrnmpirte Wort für „Arrendator"). Freilich — wie lang er's noch bleibt." „Sprecht deutsch, Reb Hirschele," sagte sie scharf. „Größere Sorg' sollt Ihr im Leben nicht haben, als wie lang mein Leib noch seine Pachtung behält, und meine Tochter heißt Miriam. Aber wo wollt Ihr hinaus?" Er blickte sie prüfend an; sie verzog keine Miene. „Nun, dann geht's eben auf eine Andere," meinte er. „Gegönnt hätt' rch's Euch ja, aber es war mir gleich rniwahrscheinlich: ein schön Mädele war' dem Alten schon recht, aber hier müßt' er ja auch Euch zwei mitheirathen." Und dann erzählte er, daß Mcndele Schadchen jetzt sehr oft zu feinem Herrn, Reb David, komnre; das gestrige Gespräch der Beiden habe ein anderer Bediensteter belauscht und ihm vor seiner Abfahrt erzählt; es habe sich um die Tochter eines „Rendars" gehandelt. „Und wie ich Euch so am Weg treff', denk' ich: sie läuft zu Mendele, das Glück nicht zu versäumen!" „Was Ihr klug seid!" sagte sie spöttisch. „Wer ein Kind hat, wie ich, kann ruhig warten, bis der „Schadchen" kommt.. . Uebrigens ist die ganze Geschichte Unsinn, ein Mann, wie Ihr, Reb Hirschele, sollt' sie gar nicht nachschwatzen. Möglich, daß Mendele bei Eurem Herrn war — der rennt Jedem die Thür ein, wo er ein Geschäft wittert —, aber dann hat ihn Reb David hinansgeworfen. Ein siebzigjähriger Mau», der vor sechs Wochen sein drittes Weib begraben hat..." „Hoho!" rief Krakauer überlege». „Mein Freund hat jedes Wort gehört. „Das paßt mir sehr," hat unser Herr gesagt, „ich kenn' das Mädele. Bring' die Sache ins Reine," hat er gesagt, „auf hundert Gulden für die Alten sotl's mir auch nicht ankommen!" Und warum hätt' er auch nicht so reden sollen?! Meint Ihr, mit Siebzig hat man Zeit zu warten? Und sollt' er sich da als letzte Freud' ans Erden eine Alte wünschen?" Das Herz der Frau pochte zum Zerspringen. „Meiuettvegen," sagte sic dann möglichst gleichmüthig. „Aber was geht's uns an?" Vmi da ab bestritt nur Reb Hirschele die Kosten der Unterhaltung. Obwohl er von dem Reichthum seines Herrn erzählte, llnd welches große Geschäft Reb David mit der Lieferung der Bahnschwellen mache, für welche auch diese Stämme bestimmt seien, hörte sie ihm doch kaum zu. „Welches Glück!" jubelte ihr Herz. „Nun ist alles, alles gut. . ." Bei den ersten Häusern von Halicz verabschiedete sie sich von Reb Hirschele; die Wagen mutzteil ja an der „Akentschaft" vorbei, aber weder brauchte er zu wissen, wohin sie ging, noch Mendele, in wessen Gesellschaft sie den Weg zurückgelegt. Zu ihm mußte sie nun; das ersparte ihr hoffentlich allch den Besuch bei Mojes Erdkugel. Als Chane das Wartezimmer des Vermittlers betrat, wurde sie von Frau Beile Pulvcrblitz ähnlich einpfangen, wie zwei Tage zuvor ihr Mann. Nur kam das dicke, hochmüthige Weib diesmal übel damit au. „Warten soll ich," fragte Chane, „bis Euer Mann für eine so kleine Sach' Zeit hat? Nun, so wird er sich die Zeit nehmen müssen, morgen zu mir zll kommen." Und sie schritt, an der Verblüfften vorbei, stolz zur Thüre hinaus und kehrte erst um, als Mendele das Fenster öffnete und ihr nachrief. „Verzeiht," sagte er dann, „aber mein Weib hat gewußt, daß ich Euch ohnehin noch nichts sagen kann. Ich Hab' jetzt so viel mit großen Sachen zu thun — dreißig Meilen weit her koiumen ja jetzt die Leut' zu mir — daß ich —" „Daß Ihr," fiel sie ihm in's Wort, „gestern schon in aller Früh' mit Reb David darüber gesprochen habt! Noch eh' Ihr wußtet, daß es uns paßt!" Aber Mendele Pulverblitz war nicht leicht zu verblüffen. Der wulstige Mund spitzte sich und ließ einen feinen Pfiff hören. „Es scheint, es paßt Euch nicht," höhnte er. „Nur so aus Neugierde habt Ihr ausgespäht, ob ich schon dort war. Aber Mendele Schadchen lügt niemals. Ich war dort, nur eben wegen einer anderen Partie, die mir mehr trägt, als zehn Gulden. Mir scheint, er geht d'ralif ein, aber wenn sich die Sach' vielleicht doch zerschlägt, dann will ich mit ihm von Eurer Tochter reden." „Nicht nöthig!" erwiederte sie und erhob sich. „Reb David kennt unser Kind und wünscht sich keine andere als sie, da brauchen wir also Euch nicht. Da spricht eben ein Anderer mit ihm, der nichts dafür verlangt, und wir können die hundert Gulden, die er für uns geben will, ganz behalten. Wer durch Lügen mehr erpressen will, als abgemacht ist, der verdient die Straf', daß er nichts bekonnnt. Gott befohlen!" Diesmal ereignete sich etwas, was noch die wenigsten Menschen gesehen hatten: Mendele schlug wirklich und wahrhaftig den Blick nieder. Aber nur einen Augenblick. Ehe Chane noch die Hand auf die Thürklinke legen konnte, hatte er sie erreicht. „Hat das einen Sinn?" fragte er lächelnd. „Weil ich Alles in Ordnung gebracht Hab', wollt Ihr die Sach' nun durch einen Anderen zu End' bringen lassen? Ist das gerecht? . . . Nehmt Platz, Chane, Ihr seid klug und ich nicht dumm, wir werden uns leicht verständigen. Also: Reb David ist einverstanden, die „Tnoim" (Verlöbniß-Akte) können geschrieben werden, wann Ihr wollt, auch morgen schon; nur bleibt die Sach' zunächst noch unter uns. Glaubt Ihr. daß Euer Miriamchen schweigen kann, so könnt Ihr es ihr ja sagen; aber fürchtet Ihr, daß sie damit prahlen wird, so erfährt auch sie es besser erst später." „Warum?" fragte die Frau mißtrauisch. „Erstens will er vorher seinen Nathan verheirathen; die Partie mit der Hnssiatynerin — Euer Mann hat Euch doch davon erzählt? — Hab' ich nun auch in Ordnung gebracht; die Hochzeit ist in fünf Woche», Ende Oktober. Daß er die Verlobung bis dahin geheim halten will, werdet Ihr doch verstehen? Der siebzigjährige Vater zu gleicher Zeit Bräutigam wie der siebzehnjährige Sohn, und beide unter einem Dach — es wär' ein Bischen lächerlich. Dann aber verlobt man sich doch, selbst wenn man so alt ist und es daher eilig hat, nicht sechs Woche» nach seines dritten Weibes Tod mit einer Vierten! Also, Eure schriftliche Sicherheit sollt Ihr sofort haben, aber die Verlobung wird erst einige Tage vor der Hochzeit kundgethan . . ." „Und wann soll die sein?" fragte sie. „Mitte November. Dann hat er volle dreizehn Wochen Trauer gehalten; mehr kann von einem Siebzigjährigen kein Mensch verlangen." Die Frau dachte nach. „Ich bin einverstanden", sagte sie dann kurz. „Und nun die Bedingungen. Was sichert Reb David meiner Tochter zu, wenn sie — ich meine, wenn er vor ihr sterben sollte?!" Mendele wollte erstaunt, dann entrüstet thun. „Soll ich mit einem Bräutigam von seinem Tod reden?!" ries er. Aber im nächsten Athemzug besann er sich eines Besseren. „Ich bin überzeugt," sagte er, „er lebt noch lange und die Ehe wird mit Kinder» gesegnet. Aber Ihr habt Recht, auch für das Gegentheil muß vorgesorgt werde». Wißt Ihr schon, was Ihr sordern wollt?" Wieder blickte sie sinnend vor sich nieder. „Ich sag's Euch doch lieber erst nächstens," meinte sie dann. „Mein Manu will doch auch gehört sein. Aber das mögt Ihr schon heut' wissen, wenig wird's nicht sein. Sie hat nichts als ihr bischen Schönheit und Jugend, die opfert sie dem Greis; von uns erbt sie ja nichts; sie soll, wenn sie allein zurückbleibt, versorgt sein."

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